Leichen im Keller der Provinz: Wie ist der Boom der Heimatkrimis zu erklären?
Irgendwas mit „Heimat“ geht immer, und der Krimi ist sowieso das Meta-Genre, in das sich beinahe alles hineinpacken lässt. Was also liegt näher als eine Erfolgsformel namens „Heimatkrimi“? Dieser, weniger verdächtig auch „Regionalkrimi“ oder „Lokalkrimi“ genannt, ist die Verbindung des klassischen Whodunit mit Elementen volkstümlicher Unterhaltung und mal mehr, meistens weniger genauen territorialen Besonderheiten wie Sprachfärbungen, Landschaften, Architektur und Traditionen.
Der Mord macht die Provinz interessant, und die Provinz macht den Mord gemütlich. Der Idyllentrost, der Ermittlungsthrill und problemfreie Lachkultur – alles in einem. Deutsches Gemüt, was willst du mehr?
Der Heimatkrimi ist nicht nur eine ziemlich sichere Erfolgsformel, er ist vor allem auch eine produktionsökonomisch lukrative Angelegenheit. So füllen regionale Verlage ihre Programme gern mit entsprechenden Heimatkrimis, die sich im Übrigen nicht zuletzt als Urlaubslektüre für Touristen mit mehr Zeit als nur für ein Selfie eignen. Manch eine Buchhandlung in der Provinz hätte wohl schon längst ihre Pforten geschlossen, wenn es das Geschäft mit den Heimatkrimis nicht gäbe.
Mehr Selfpublishing als im Genre Fantasy
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Beim Selfpublishing übertrifft die Genre-Produktion mittlerweile gar die populäre Fantasy und die erotischen Romanzen. Und auch in der TV-Umsetzung des Genres haben Aufwand und Wirkung eine ökonomisch erfreuliche Beziehung: Das Ensemble ist rasch aus dem Repertoire von einschlägiger Comedy zusammengestellt. Kabarettist:innen verdienen sich hier gern ein Zubrot. Komödienstadel- und andere Heimat-Darsteller müssen nicht einmal etwas an ihrem zum Überspielen tendierenden Stil ändern. Locations sind rasch und preiswert zu finden.
Mindestens einer in der Ermittlungs-Mann- oder Frauschaft muss eine mehr oder weniger glaubhafte Dialektfärbung aufweisen. Und mindestens einer muss ein Neuankömmling sein, der sich gelegentlich über regionale Besonderheiten wundert oder amüsiert. Die Meta-Pointe liegt natürlich auch hier darin, regionale Klischees zugleich zu karikieren und zu bestätigen.
Der Plot ist überdies leichter zu konstruieren als in einem sogenannten Großstadtkrimi, weil in der Provinz die Gegenwart fixer Nebenfiguren plausibler ist: Man läuft sich hier in der Provinz nun mal ständig über den Weg. „Moin“, „Servus“ und „Tach auch“. Zudem bleibt neben dem sozialen auch der materielle Raum überschaubar. Um den Plot wird sozusagen eine unsichtbare Grenze gezogen; diesen Raum zu verlassen ist weder für Täter noch für ihre Opfer möglich, aber auch für die Ermittler so gut wie unmöglich.
Die Mehrzahl der Morde betrifft sowieso die Fremden
Man hat es sozusagen mit einem schlampig erweiterten Closed-Room-Mystery zu tun. Das Heimatliche (und manchmal auch das Satirische) bündelt die beiden Grunderfahrungen von Provinzleben, das Heimelige und das Unheimliche – und zwar so, dass nie ein wahrhaftes Grauen wie in Twin Peaks oder Lilyhammer aufkommen kann. Bei den Rosenheim Cops, Hubert ohne Staller, Mord mit Aussicht, Nord, Nord Mord oder Watzmann ermittelt legen sich nach jedem (aufgeklärten) Mord erneut die Behaglichkeit, der familiäre Frieden, die allgemeine Zufriedenheit über den Ort des Geschehens. Die Mehrzahl der Morde betrifft sowieso die Fremden, und bei den Rosenheim Cops ist ohnehin viel interessanter als der Fall die Frage, warum zum Teufel wieder einmal irgendetwas nie dort ankommt, wo es hin soll, und wer mit wem verwechselt worden ist.
Letztendlich sind die Regionalkrimis das Vehikel für die Nationalisierung des Genres. Der Kriminalroman galt schließlich lange Zeit als Domäne der angelsächsischen Literatur, Georges Simenon hin und Friedrich Glauser her. Deshalb importierte man auch den Großteil des populären Lesestoffes aus England oder den USA, machte dabei allerdings bei der Übersetzung solche Zurichtungen, dass gerade die wirklichen Könner unter den Genre-Schriftstellern kaum wiederzuerkennen waren.
Deutsche Autoren, insbesondere die für den Massenmarkt zuständigen, gaben sich angelsächsische Pseudonyme und erfanden angelsächsische Helden (wie etwa den FBI-Agenten Jerry Cotton). Eines der deutschesten Filmgenres überhaupt bediente sich des Namens und zumindest anfänglich auch der Stoffe von Edgar Wallace und seines Sohnes Bryan Edgar Wallace.
Der denkwürdige Erfolg des True-Crime-Buches „Tannöd“
Die erste Emanzipation der deutschen Autorinnen und Autoren, die auch einen gewissen literarischen Ehrgeiz entfalteten, stand im Zeichen der Post-68er-Kultur von Kritik und Reflexion. Die Romane von Pieke Biermann zum Beispiel waren vor allem Großstadtliteratur. Wenn es den Hard-Boiled-Schreibern in den Vereinigten Staaten einst darum gegangen war, den Mord zurück auf die Straße zu bringen, so musste es hierzulande darum gehen, den Mord (zurück) nach Deutschland zu bringen.
Der Krimi als zumindest skeptisches Gesellschaftsbild, in das allerlei Reales zu schmuggeln war, was man ohne die unterhaltsame Verkleidung nicht hätte vermitteln können, breitete sein Repertoire erst langsam von der Großstadt in die Provinz aus, vor allem aber handelte er auch dort noch von städtischen Charakteren.
Zu den größten Ausnahmen gehörte der denkwürdige Erfolg des True-Crime-Buches Tannöd von Andrea Maria Schenkel (2006) um ein nie aufgeklärtes Mordgeschehen auf einem Einödhof in der bayerischen Provinz. Hier war das Grauen noch zu Hause, sexueller Missbrauch in der Familie inbegriffen. Das Gegenbild dazu lieferte die seit 1996 produzierte TV-Serie Der Bulle von Tölz, die unter der komödiantischen Oberfläche immerhin noch ein paar satirische Spitzen gegen Korruption und Bigotterie in der Provinz zuließ.
Man verklär die Provinz gern zur Heimat
Sowohl das wahre Grauen als auch die soziale Satire sollten in der weiteren Entwicklung des Genres keine bedeutende Rolle mehr spielen. Mit seiner Verheimatlichung jedenfalls wurde der deutsche Krimi von einem modernistischen zu einem konservativen Genre.
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Immer noch (und mittlerweile schon wieder in steigendem Maß) lebt die Mehrheit der Deutschen nicht in den Großstädten, sondern in der Provinz. Ein Zustand, nach Carl Amery, der nicht mehr ganz Land und noch nicht Stadt ist. Ein prekäres Dazwischen, das für reichlich Spannungen sorgt. Daher verklärt man die Provinz gern zur Heimat und stattet eine muffige Kleinstadt beispielsweise mit Ausblicken auf die „herrliche Natur“ aus.
Der Heimatkrimi hat auch den „Tatort“ erfasst
Das strukturell Rückständige (mitsamt seinem kränkenden Gefühl des Abgehängtsein, ob real oder imaginiert) wird nun als Eigenart verkauft. Im Heimatkrimi geht es um Menschen, Täter, Opfer, Zeugen und Ermittler, die sich viel weniger mit dem Verbrechen als mit dem Zustand der Provinzialität selber auseinandersetzen müssen.
Neben den Kommissaren, die ums Verrecken nicht aus ihrer Heimat herauswollen, gibt es daher die feststehenden Figuren der Polizisten, die in die Provinz „strafversetzt“ sind (und die natürlich mit der Zeit diese Umgebung und ihre Menschen zu lieben lernen). Die Provinz wird nun nicht mehr durch ihr inhärentes Grauen und ihre mafiöse Ordnung bedroht, sondern durch ein Zuviel an Modernisierung (Overtourism, Verkehrsanbindung oder Immobilienspekulation) und durch ein Zuviel an Einmischung von außen (ein Ort wie Rosenheim scheint für jeden Nicht-Rosenheimer weit lebensgefährlicher als die Straßen von San Francisco).
Der Heimatkrimi, der auch klassische Formate wie den Tatort erfasst, ist das populärste Genre des deutschen Fernsehens. Auch was die literarische Produktion anbelangt, scheint die Nachfrage so groß zu sein, dass man mit dem Nachschub kaum nachkommt. Daher gibt es einen Markt für ziemlich gute Heimatkrimis, für ziemlich mittelmäßige und sogar für welche, die nach gängigen Kriterien (von der Plot-Konstruktion über die literarische beziehungsweise authentische Dialekt-Form der Dialoge) ziemlich schlecht sind – einschließlich einer Produktion der C-Kategorie, die ohne Lektorats-Filter und Korrekturlesen herausgeschleudert wird.
Ein Übermaß der provinziellen Gemütlichkeit
Diese Massenproduktion ist natürlich sozialpsychologisch so interessant wie sie artistisch belanglos ist. Sie erzählt keine guten Geschichten, aber sie erzählt vieles vom Verhältnis der Autor*innen und Leser*innen zu ihrer Provinz, zu Heimatlichkeit und zur allgemeinen Provinzialität. Man könnte sie weniger als Literatur, mehr als Therapieversuch ansehen.
Und vieles, was sich darin verbirgt, als eine Art Fake News aus der Provinz, eine Provinz-Fälschung und eine unfreiwillige Wiedergabe einer tiefen Entfremdung, die hinter oberflächlicher Identifikation verborgen wird. Es geht darum, die Provinz hinter ihren Klischees verschwinden zu lassen.
Aber sie taucht, freiwillig oder nicht, immer wieder auf. Im Heimatkrimi geht es darum, die Leichen im Keller der Provinz zu finden – oder noch tiefer zu verbergen. Ein bemerkenswerter Nebeneffekt des heimatlichen „Cosy-crime“-Genres ist, dass beim Übermaß der provinziellen Gemütlichkeit die Empathie für die Verbrechensopfer verschwindet. Im übrigen endet jedes zweite Geständnis mit den Worten: „Ich wollte das nicht.“
Es gibt auch Krimis mit literarischem Anspruch
Der deutsche Provinzkrimi grenzt sich nicht nur gegen den angelsächsischen, den Großstadt- und den amerikanischen Hard-Boiled-Krimi ab, auch nicht nur gegen den „linken“ Sozialkrimi, sondern auch gegen den harten und oft nihilistischen Krimi der skandinavischen Machart: Der Leserschaft wird garantiert, dass die physische Gewalt in Grenzen bleibt, die psychischen Versehrungen nicht allzu tief greifen und die politischen Implikationen nicht als Aufforderung zur Rebellion verstanden werden.
Das Genre konnte die Verpflichtung zur Modernisierung ebenso hinter sich lassen wie die Steigerungslogik in der Drastik. Natürlich nicht alle, aber viele Heimatkrimis gehören zur Spezies des Cosy Crime, es ist die denkbar kuscheligste Art des Mordens und der Investigation. Die Verheimatlichung des Kriminalromans bedeutete seine Provinzialisierung übrigens auch in literarischer Hinsicht.
Gewiss gibt es Hybridisierungen zwischen dem Sozio- und dem Heimatkrimi, und natürlich gibt es auch weiter Kriminalromane, die einen höheren literarischen Anspruch haben (wie, sagen wir, die Salzburg-Krimis eines Wolf Haas) oder solche, die sich immer mal wieder auf den Spuren realer politischer und sozialer Kriminalität bewegen (wie die von Wolfgang Schorlau).
Das Suchwort „Allgäu“ ist sehr beliebt
Die regionale Identität erzeugte und erzeugt eine Form von Authentizität, und diese Art der provinziellen Heimat-Konstruktion ersetzte die wohlige Kulisse des britischen Land- und Nebel-London-Kosmos, von den Alpen (Jörg Maurer, Nicola Förg oder Andreas Föhr) über den Bodensee (Monika Küble), Niederbayern (Rita Falk), Heidelberg (Kim Godal), die Eifel (Jacques Berndorf), den Taunus (Nele Neuhaus) bis Hamburg (Birgit H. Hölscher), Ostfriesland (Klaus-Peter Wolf) oder Flensburg (Frank-Peter Hansen) geht die Reise.
Welcher Ort, welche Gegend in Deutschland wurde da noch nicht Schauplatz von Heimatkrimis? Wir vermuten dennoch, dass sich überall dort, wo auch der Tourismus boomt, Regionalkrimis leichter verkaufen als in den Randlagen zur Ödnis. Neben der Ostsee und den Mittelgebirgen bleibt die südlichste Region, Oberbayern und das Allgäu, populärster Spielort für Mord- und Detektivgeschichten. Milchgeld, Funkensonntag, Kuhhandel, Grünten-Mord, Radibutz, Das Kuh-Kommissariat, Kommisar Kluftinger oder Tod am Alpsee sind Titel, die neben einer Handvoll Sachbücher und Reiseführer bei den ersten 50 Büchern auftauchen, wenn man bei der Tauschbörse Tauschticket das Suchwort „Allgäu“ eingibt. Der Allgäu-Krimi ist zu einer führenden Marke im Genre geworden.
Volker Klüpfel und Michael Kobr, beide Jahrgang 1971, ein Studienrat und ein Journalist, sind laut Spiegel derzeit „das erfolgreichste Autorenduo Deutschlands“. Sie haben den in und um Kempten herumstiefelnden Kommissar Kluftinger erfunden – eine echte Blaupause: Genialisch in seiner Beschränktheit, beschränkt in seinen Ansprüchen an die Welt ist er die liebenswerte Provinzialität in Person. Es ist der Asterix-Effekt: Der milde Spott erhöht den Identifikationswert. Der Heimatkrimi macht, vermittels solcher Charaktere, die Provinz zum Sehnsuchtsort.
Wer ist eigentlich Elisa Lark?
Die ungebremste Nachfrage hat aber auch ihre Tücken. Denn offensichtlich scheint sich jede und jeder in einer Karrierepause oder mit einem Zeitüberschuss berufen zu fühlen, Heimatkrimis zu verfassen. Bei manchen scheint die Produktion auch ins Manische zu kippen. Nur ein Beispiel: Wer eigentlich die Autorin „Elisa Lark“ in Wirklichkeit ist, weiß fast niemand, und es gibt auch wenige, die es ernsthaft wissen wollen.
Was wir erfahren, muss reichen: „Elisa Lark ist in Bayern geboren und dort in einem kleinen Dorf, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, aufgewachsen. Auch heute noch lebt sie in einem beschaulichen Ort in Bayern, wenn auch nicht mehr ganz so abgeschieden.“ Derweil aber finden die 40 Romane, die sie bislang um ihren Polizist-Helden geschrieben hat, eine zumindest teilweise geneigte Leserschaft (es gibt, damit wir nichts Falsches sagen, auf einschlägigen Seiten auch verheerende Leserkommentare und Beschwerden über gravierende Logikfehler).
Dass so viele Kunden bei Amazon die Romane als „Urlaubslektüre“ preisen, lässt noch einmal einen Kreisschluss zu. Elisa Lark steht für eine schnelle Zwischendurch-Lektüre und dafür, dass man keineswegs ein gesteigertes Interesse an Land und Leuten haben muss, um Regionalkrimis zu goutieren.
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Eine Briefkastenfirma fürs Selfpublishing in Thüringen
Hier setzt sich die alpenländische Romanheft-Produktion als Hybrid mit dem Wegwerf-Krimi fort. Es sind schnelle 95 Seiten. Sehr schnelle sogar. Alles glattgehobelt, nicht eine einzige als literarisch oder poetisch zu klassifizierende Zeile. Alle sprechen Hochdeutsch und Sätze aus Papier, angeblich sind wir in und um Passau. Aber das bleibt Behauptung – und es reicht. Ein paar Dialektausdrücke, das Glossar erklärt auch „Watschn“ und „Madl“, das reicht zur Verortung.
Die Leser*innen sind dankbar: „Leichte Lektüre“ ist etwa eine Fünf-Sterne-Bewertung überschrieben, darin heißt es: „Im Urlaub brauch ich Bücher, die kurzweilig sind. Da gefallen mir die Huber Franzi Provinz Krimis sehr. Gerne immer wieder.“ Der erste Band der gerade bei 41 Büchern stehenden Reihe hatte noch 169 Seiten. Offensichtlich konnte das optimiert werden.
Die Elisa-Lark-Krimis erscheinen alle mit einem speziellem Impressum, nämlich „c/o Werneburg Internet Marketing und Publikations-Service im thüringischen Eisenach“. Dabei handelt es sich sozusagen um eine Briefkastenfirma fürs Selfpublishing. „Sicher sind Sie in diesem Zusammenhang bereits auf die Pflicht eines Impressums gestoßen, in dem eine postalisch zustellfähige Adresse angegeben werden muss“, heißt es da.
Eine Agentur die Formatierungshilfe
„Der Gedanke, ihre private Postadresse in jedem der verkauften Bücher aufzuführen, gefällt Ihnen aber nicht? Noch ungünstiger ist es natürlich, wenn Sie Ihr Buch unter Pseudonym veröffentlichen wollen. Was nützt ein Pseudonym schließlich, wenn im Impressum doch Ihr realer Name auftaucht?“, wirbt die hilfreiche Agentur.
Und dann gibt es ja noch das Problem, ein auf möglichst vielen Plattformen vermarktungsfähiges PDF zu erstellen. Für einen Roman, der nur aus Kapitelüberschriften und Fließtext besteht, bietet die Agentur ihre Formatierungshilfe pro 100.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen) für 100 Euro plus Mehrwertsteuer an. Das gilt für „Bücher, die im Satz keine Besonderheiten aufweisen“. Man darf das für diese generischen Heimatkrimi-Produkte in jeder Hinsicht wörtlich nehmen.
Es ist eine Erzählmaschine entstanden, in der die Grenzen zwischen dem Amateur- und dem Profi-Segment fließend sind. Sie alle eint nur eines: Die Flucht aus der harten Gesellschaft der Großstadt in die überschaubare Gemeinschaft der Provinz. Der Mord wird dabei sozusagen billigend in Kauf genommen.
Die Autorin lebt mit ihren Katzen in einer Kleinstadt
Weniger geheimnisvoll als Elisa Lark ist die Autorin einer Serie von Heimatkrimis mit Titeln wie Galgenstrick und Butterbrezel, nämlich Jessica Müller, „geboren 1976 in München, verbrachte ihre Kindheit im Dachauer Land, wo auch der fiktive Ort Krindelsdorf liegt. Nach einem abgeschlossenen Übersetzerstudium folgten Auslandsaufenthalte in England und Irland.“
Und noch ein paar Portraits: „Karoline Eisenschenk, geboren 1975, veröffentlichte unter dem Pseudonym Katelyn Edwards die Kriminalromane Der Shakespeare-Mörder und Pfadfinderehrenwort. Nach ihrem Studium der englischen Sprach- und Literaturwissenschaft lebt sie heute in Geiselhöring.“ Oder Marina Schmid: „Die Autorin, geboren in Regensburg, lebt mit ihren beiden Katzen in einer Kleinstadt am Rande des Bayerischen Waldes. Sie liebt Tiere und die Natur. Dort findet sie auch die Muse zum Schreiben und für neue Ideen. Hauptsächlich schreibt Martina Schmid Krimis und Thriller ... Neuerdings erscheinen unter ihrem Pseudonym Mia Milberg auch historische Romane wie die 3-teilige Familiensaga Der Traum von der Ostsee.“
Und schließlich: „Lisa Graf, geboren in Passau, studierte Romanistik und Völkerkunde und ist Reisebuch- und Krimi-Autorin. Mit ihrer historischen Romanreihe über das Feinkost-Haus Dallmayr erreichte sie Spitzenplatzierungen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Die Autorin lebt im Berchtesgadener Land. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Mord-in-Bayern-Krimireihe mit den Bänden Eine schöne Leich, Donaugrab, Eisprinzessin und Steckerlfisch, der in Co-Autorschaft mit Ottmar Neuburger entstand.“
Die Sehnsucht nach Heimat ist in Deutschland groß
Damit jetzt aber nicht der Eindruck entsteht, Heimatkrimis der C-Klasse würden nur von Frauen in Bayern geschrieben, hier noch der erste Fall von Cold Case Nord von einem gewissen Jesper Knudsen. Und nein, das ist nicht der weltberühmte dänische Badminton-Spieler, sondern „geboren und aufgewachsen“ ist Knudsen „an der rauen Nordseeküste, schreibt Krimis und Thriller, die so unerbittlich sind wie die Flut. In seiner packenden Küstenjäger-Reihe verbindet er norddeutsche Atmosphäre mit abgründigen Kriminalfällen. Seine Geschichten um Fallanalytikerin Maren Feddersen und das Urgestein „Kante“ Kuhlmann führen tief in archaische Abgründe dort, wo andere Urlaub machen.“
Der Heimatkrimi ist mehr als ein Geschäftsmodell und mehr als ein Erfolgsgenre. Neben der Verzahnung mit dem Tourismusgewerbe (Wanderwege auf Krimispuren, Gruppenreisen zu Drehorten wie dem Franz-Eberhofer-Kreisel in Niederbayern) und der Beschäftigungstherapie für überschüssige Provinz-Intellektuelle geht es um die Konstruktion eines nationalen Mythos.
Die Heimat wird gerettet, indem sie verkauft wird. Heimatkrimis sind ein literarisches Pendant zu Souvenirverkäufern, die ihrer Kundschaft so lange ihren Kitsch verhökern, bis sie selber dran glauben. Eines ist schließlich sicher: In Deutschland ist die Sehnsucht nach Heimat genauso groß wie das Interesse am Verbrechen. Es wird schon was weggemordet, damit aus der Provinz eine Heimat werden kann.