Hessen setzt auf clevere Erfindung am Straßenrand – das steckt dahinter

Stand: 11.10.2026, 22:00 Uhr

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Die Erfindung stammt von Dietmar Heupel aus NRW.

Die Erfindung stammt von Dietmar Heupel aus NRW. © Polizeipräsidium Südhessen

Die rot-weißen Stangen am Fahrbahnrand werden oft missverstanden. Sie zeigen nicht an, wo sich besonders viele Wildunfälle ereignen, aber etwas Ähnliches.

Hessen – Verletzt, geflüchtet, nicht auffindbar – für Wildtiere endet ein Straßenunfall oft tödlich. Eine kleine Stange soll das in Hessen ändern. Das sogenannte Wildunfallzeichen (WUZ) markiert nach einem Zusammenstoß mit einem Tier den genauen Kollisionsort – und macht damit eine gezielte Nachsuche erst möglich.

Das gemeinsame Vorhaben von Hessischem Innenministerium, Polizeipräsidium Südhessen und Landesjagdverband Hessen wurde erstmals im Oktober 2019 vorgestellt. Was damals als Pilotversuch begann, hat sich im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Südhessen zu einem festen Bestandteil der Unfallnachsorge entwickelt – und geht nun ins achte Jahr, wie einer Mitteilung zu entnehmen ist.

Wildtierunfallzeichen in Hessen heute erfolgreiches Projekt

Nach der Unfallaufnahme stecken Beamte das Zeichen so nah wie möglich an der tatsächlichen Kollisionsstelle in den Fahrbahnrand. Die weiterentwickelte Version „WUZ 2.0“ ist mit einer stark reflektierenden Folie aus dem Feuerwehr- und Rettungsbereich ausgestattet und laut Polizei auch bei Dunkelheit aus rund 300 Metern erkennbar. Ein Pfeil auf der Oberseite zeigt zusätzlich die vermutete Fluchtrichtung des Tieres an.

Ist ein Reh oder Wildschwein nach dem Aufprall geflüchtet, zählt jede Minute. Ausgebildete Nachsuchenhunde brauchen Fährte, Haare, Schweiß und andere Wundwitterung direkt an der Kollisionsstelle als Ansatzpunkt – ohne diese Spuren ist eine Nachsuche laut Polizei nicht möglich.

Fehlt eine präzise Markierung, müssen Jagdpächter und Nachsuchengespanne oft lange Straßenabschnitte absuchen. Das kostet wertvolle Zeit und hält Mensch und Tier unnötig lange im Gefahrenbereich an der Fahrbahn.

Erhöhte Wildunfallgefahr ab Oktober

Staatssekretär Martin Rößler aus dem Hessischen Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz richtet sich an alle Autofahrer: „Mit der Umstellung auf die Winterzeit fällt der abendliche Wildwechsel wieder mit dem Berufsverkehr zusammen. Ich appelliere deshalb an alle Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer, an Waldstücken und Feldrändern besonders aufmerksam und mit angepasster Geschwindigkeit zu fahren.“

Das WUZ kommt nicht nur zum Einsatz, wenn ein Tier geflüchtet ist. Liegt ein bereits verendetes Tier im Straßengraben oder in dichtem Bewuchs, ist es – besonders bei Dunkelheit – schwer zu entdecken. Die weithin sichtbare Markierung erleichtert das Auffinden und die Bergung. Gleichzeitig sinkt das Risiko von Folgeunfällen: Tierkörper in Straßennähe ziehen Füchse und Wildschweine an und begünstigen so neuen Wildwechsel direkt an der Fahrbahn, wie die Polizei mitteilt.

„Das Wildunfallzeichen zeigt sehr anschaulich, wie praktischer Tierschutz funktioniert: Je genauer wir den Unfallort kennen, desto schneller kann eine fachgerechte Nachsuche beginnen und desto eher kann ein verletztes Wildtier von unnötigem Leid erlöst werden“, ergänzt Bernd Widmaier, Vorstandsmitglied des Landesjagdverbandes Hessen.

Eingesammelte Stangen zeitnah zurückgeben

Damit das System reibungslos funktioniert, müssen die Wildunfallzeichen nach jeder Nachsuche oder Bergung schnellstmöglich zur nächsten Polizeistation zurückgebracht werden. Landesjagdverband und Polizeipräsidium appellieren vor den wildunfallreichen Herbstmonaten an alle Jagdpächter, eingesammelte WUZ zeitnah abzugeben. „Gerade jetzt benötigen wir jedes verfügbare Wildunfallzeichen wieder im Einsatz. Im Kofferraum oder in der Garage kann es seinen Zweck nicht erfüllen“, betont Widmaier laut Pressemitteilung.

Mit dem Oktober werden die Tage kürzer, Regen und Nebel nehmen zu, nasses Laub verlängert den Bremsweg. Nach der Umstellung auf die Winterzeit am Sonntag, 25. Oktober, verschärft sich die Lage zusätzlich: Wildtiere orientieren sich an der Dämmerung, nicht an der Uhr – der abendliche Wildwechsel fällt dann wieder mit dem Berufsverkehr zusammen. Besonders zwischen etwa 16 und 18.30 Uhr ist laut Polizei mit erhöhter Gefahr zu rechnen.

Das Wildunfallzeichen wurde ursprünglich von Dietmar Heupel aus dem Kreis Olpe (NRW) entwickelt. In Südhessen wird es seit 2019 im Rahmen der Kooperation eingesetzt und kontinuierlich weiterentwickelt. Der Landkreis Darmstadt-Dieburg unterstützt das Projekt seit Jahren und hat die Anschaffung weiterer Wildunfallzeichen mehrfach mitfinanziert – unter anderem aus Mitteln der Jagdsteuer. Gefertigt werden die Zeichen in den Nieder-Ramstädter Werkstätten.

Wichtige Verhaltenshinweise für Autofahrer

  • An Waldstücken und Feldrändern langsamer und bremsbereit fahren, bei Wild auf der Straße kontrolliert abbremsen, abblenden und hupen. Immer mit weiteren Tieren rechnen – Wild ist selten allein unterwegs.
  • Ist ein Zusammenstoß unvermeidbar, keine riskanten Ausweichmanöver einleiten, sondern das Lenkrad festhalten und kontrolliert bremsen.
  • Nach einem Wildunfall gilt laut Polizei: Warnblinkanlage einschalten, Warnweste anziehen, Unfallstelle absichern. Polizei unter 110 verständigen, bei verletzten Personen sofort 112 wählen. Verletztem Wild nicht folgen, totes Wild nicht ohne Handschuhe berühren und keinesfalls mitnehmen. Den Unfallort möglichst genau beschreiben – im Projektgebiet des Polizeipräsidiums Südhessen übernimmt die Polizei nach Möglichkeit die Markierung mit dem Wildunfallzeichen.

Taucht plötzlich ein Tier auf der Fahrbahn auf, sollten Autofahrer kontrolliert abbremsen, abblenden, hupen und stets mit nachfolgenden Tieren rechnen. Unkontrollierte Ausweichmanöver sollten unbedingt vermieden werden, da diese das Risiko schwerer Folgeunfälle deutlich erhöhen.