Hessen stoppt Handball360: Technik-Chaos kurz vor Saisonstart

Stand: 28.08.2026, 13:38 Uhr

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So wirbt der DHB auf seiner Homepage für die Plattform Handball360.

So wirbt der DHB auf seiner Homepage für die Plattform Handball360. © Screenshot: FNP

Der Hessische Handball-Verband kehrt kurz vor Saisonstart zum alten System nuLiga zurück. Die bundesweite Software Handball360 sollte innerhalb eines Vierteljahres eingeführt werden.

Von Aaron Marschall und Thorsten Remsperger

Main-Taunus – Stundenlange Registrierungen, E-Mail-Chaos bei den Jugendlichen und rauchende Köpfe bei den Vereinsverantwortlichen im Main-Taunus-Kreis. Die geplante Einführung der bundesweiten Software Handball360 sorgte für jede Menge Frust in der Sommerpause. Nun erfolgt kurz vor Saisonstart der Griff zur Notbremse: Der Hessische Handball-Verband (HHV) wird aufgrund technischer Probleme und Zeitmangels weiterhin mit dem alten System nuLiga spielen.

Auf der Webseite handball360.net sollte sich jeder hessische Handballer zur neuen Saison registrieren.

Auf der Webseite handball360.net sollte sich jeder hessische Handballer zur neuen Saison registrieren. © Screenshot: FNP

Doch fangen wir von vorne an. NuLiga, Handball360 und weitere Plattformen dienen als virtueller Ort für Spielpläne, Liveticker und Statistiken, aber auch Passanträge und Spielberechtigungen werden hierüber abgewickelt. Jedoch ist dieses System in Deutschland nicht einheitlich: nuLiga wird unter anderem in Hessen, Bayern und Niedersachsen verwendet; Phönix, eine weitere Software, hingegen in Westfalen und Baden-Württemberg. Da dieser Flickenteppich etwa bei Spielerwechseln, Zweitspielrechten und Datentransfers regelmäßig zu Problemen führen kann, arbeitete der Deutsche Handballbund (DHB) gemeinsam mit dem spanischen Software-Hersteller Toools, der bereits zahlreiche spanische Sportverbände ausstattet, an einem landesweit einheitlichen Programm: Handball360.

Im November vorigen Jahres wurde Handball360 erstmals vorgestellt und letztlich Ende März final für die Saison 2026/27 bestätigt. Die Kosten für die Einführung von rund 400.000 Euro übernahm der DHB. Die Idee sah auch der HHV als richtig an und beschloss Mitte Juli, trotz erheblicher Zweifel am Zeitplan, den Start rechtzeitig zum Saisonbeginn Mitte September in Hessen.

Das System sollte im Hintergrund für Datentransfers, elektronische Spielberichte und Anträge zuständig sein und bundesweit verlässlich laufen, während Ergebnisse, Spielberichte und weitere Statistiken auf Handball.net zu sehen sein sollten. Die Verwaltung rund um den Mannschaftssport bequem über eine Smartphone-App regeln zu können, war das Ziel. Was im ersten Moment nach einem Meilenstein im Amateurhandball aussah, entwickelte sich allerdings schnell zum Geduldsspiel für die ehrenamtlichen Helfer in den Vereinen.

Rund einen Monat nach dem Beschluss zogen die hessischen Verbandsoberen nach einer kürzlichen Krisensitzung mit allen Beteiligten die Reißleine. Ein geregelter Spielbetrieb sei akut in Gefahr, heißt es in einer Verbandsmitteilung an die Vereine. Der HHV mit seinen knapp 800.000 Mitgliedern bleibt wie mehrere andere Landesverbände auch in der Saison 2026/27 bei dem bewährten System nuLiga.

Der Schritt zurück zu nuLiga ist der richtige

Abteilungsleiter Stefan Dobhan von Drittligist TSG Münster hält diesen Schritt für folgerichtig: „Handball360 innerhalb eines Vierteljahres allen Vereinen in Deutschland zu vermitteln, das halte ich für unmöglich. Insofern ist der Schritt zurück zu nuLiga der richtige.“

In einem „Brief an Handball-Deutschland“ reagierte der DHB verständnisvoll auf die Kritiken und Unsicherheiten, ist sich jedoch weiterhin sicher, dass „die Vorteile einer bundesweit einheitlichen Software riesig sind“, und schaut zuversichtlich in die Zukunft: „Wir sind uns sicher: Langfristig wird es riesigen Mehrwert für alle bieten.“

In den Vereinen sieht man dies deutlich kritischer. Für Uwe Henke, Abteilungsleiter der TSG Sulzbach, war von Anfang an klar, dass ein Einstieg in dieser Geschwindigkeit nicht funktionieren würde: „Es war eigentlich unverantwortlich, auch in einer Firma wäre das ein Chaos geworden, es war jetzt sehenden Auges.“ Stattdessen, so meint er, hätte man es während der Saison parallel aufbauen können, um eventuell zur Rückrunde umzusteigen.

Vor allem bei Registrierungen traten Schwierigkeiten auf, da zu jeder Mannschaft eine eigene E-Mail-Adresse erstellt werden musste. Auch für Familien fehlte eine praxisnahe Lösung: „Wenn man zwei oder drei Kinder hat, benötigt man ja für jedes eine eigene E-Mail-Adresse“, erläutert Henke, „da müsste es wenigstens so etwas wie einen Familienaccount geben.“

Teilweise funktionierte die Registrierung der Spieler und Trainer auch nicht über jeden Browser. Wenn die Eingabe möglich war, wurden Akteure manchmal falschen Handball-Bezirken zugeteilt. In Windeseile hätten zudem unzählige ehrenamtliche Zeitnehmer und Sekretäre neu geschult werden müssen, die während der Spiele in der Halle die korrekten Eingaben ins System sicherstellen.

„Wir wissen, dass auf allen Ebenen viele Ehrenamtler unglaublich viel Zeit, Energie und Nerven darin investiert haben, damit das neue System irgendwie funktionsfähig wird“, teilt der HHV mit und warb zugleich schon wieder um Verständnis. Schließlich müssen neue Spielberechtigungen jetzt in kürzester Zeit doch über das alte System erst noch organisiert werden. Das könne etwas mehr Zeit als gewohnt in Anspruch nehmen.

Das Fazit von Vereinsvertretern wie Uwe Henke fällt zwiegespalten aus: Handball360 wirke optisch moderner und sei von der Idee her ganz gut, jedoch sei es derzeit „noch nicht mal im Beta-Stadium. Ich würde sagen, es ist die erste Version“, meint der Sulzbacher. Henke erhofft sich für die mittelfristige Zukunft aber – und da steht er nicht alleine da – „dass diese ganze Zettelwirtschaft mit Ausdrucken, Stempeln, Fotografieren und Hochladen endlich aufhört. Das ist halt bei nuLiga blöd gelöst.“

Zur Saison 2027/28 soll ein neuer Anlauf für die Systemumstellung gestartet werden. Bereits registrierte Akteure und Vereine bleiben in Handball360 gespeichert und müssen sich im nächsten Jahr nicht erneut registrieren. Jedoch ist es wichtig, die Zugangsdaten zu behalten. Der Münsterer Dobhan appelliert daher an alle Ehrenamtlichen: „Man darf sich da nicht darauf ausruhen, dass wir jetzt wieder mit nuLiga spielen. Man muss jetzt sehen, dass man im Mai fit ist, wenn die Qualifikationen anstehen, die auf Handball360 abgewickelt werden.“