Hilfe für die einen, Gesundheitsgefahr für die anderen: die Cannabis-Legalisierung

Hilfe für Suchtkranke oder Einladung zur Selbstzerstörung: Wie gefährlich ist die Cannabis-Legalisierung?

Die Schweiz möchte Cannabis entkriminalisieren, Deutschland hat es schon getan. Ein Blick in Länder, die damit schon mehr Erfahrungen haben, zeigt: Das hat Risiken und Nebenwirkungen.

02.08.2026, 05.30 Uhr

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Früher vergleichsweise harmlos: In modernen Cannabisprodukten steckt viel mehr Wirkstoff als in den Joints vor zwanzig, dreissig Jahren.

Früher vergleichsweise harmlos: In modernen Cannabisprodukten steckt viel mehr Wirkstoff als in den Joints vor zwanzig, dreissig Jahren.

Imago

Der Staat wird zum Dealer. Läuft alles wie geplant, wird das im kommenden Jahr in der Schweiz passieren. Cannabis wird legalisiert, und Nutzer werden ihre Droge öffentlich kaufen können. Ohne Schwarzmarkt, gepanschte Ware, ohne den Ruch des Illegalen. Vorher möchte das Land jedoch in sieben wissenschaftlichen Studien, sogenannten Pilotversuchen, testen, was das für Gesundheit und Gesellschaft bedeutet.

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Einer dieser Pilotversuche hat bereits erste Ergebnisse geliefert, nachzulesen in der Fachzeitung «Addiction». Beziehen regelmässige Cannabiskonsumenten ihre Droge aus Apotheken, so haben Wissenschafter der Universität Basel herausgefunden, fügt ihnen das keinen weiteren Schaden zu. Sie hätten weniger Suchtsymptome, keine Anzeichen für eine Zunahme von psychischen Krankheiten, und langfristig konsumierten sie auch weniger, berichtet Marc Walter, Direktor der Erwachsenenpsychiatrie der Psychiatrischen Dienste Aargau und Leiter der Studie.

Der Suchtmediziner gehört zu den Fachleuten, die grosse Hoffnungen in die Legalisierung setzen. Er glaubt, in einem Land mit offiziellem Markt wären die Abhängigen besser zu erreichen. «Man könnte die Konsumierenden aus ihrer dunklen Ecke holen, sie leichter ansprechen, beraten und ihnen die Hemmungen nehmen, selber Hilfe zu suchen», sagt Marc Walter. Die Behandlung der Abhängigkeit könnte früher erfolgen.

Nach Drogenrausch verbarrikadiert in der Toilette

Das ist die eine Perspektive. Thomas Lippmann aus Uznach hat eine andere, genau wie viele weitere niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater. Denn sie verarzten die jugendlichen Konsumenten, die die Drogen nicht vertragen. Lippmann erinnert sich beispielsweise an einen 15-jährigen Schüler, der sich in einer Toilette verbarrikadierte. Nach mehreren Monaten intensiven Cannabiskonsums war er in eine Psychose gerutscht, hörte Stimmen und sah sich überall von Feinden umgeben. «Ich befürchte, dass nach einer Legalisierung noch viel mehr Jugendliche psychische Störungen entwickeln», sagt er. Deshalb kämpft er gegen die Legalisierung.

Wer hat nun recht? Werden die Vor- oder die Nachteile überwiegen? Wird eine Legalisierung eher Drogensüchtige retten oder das Wohl von anderen Menschen gefährden? Antworten auf solche Fragen können bis jetz nur wissenschaftliche Studien aus anderen Ländern liefern. In den USA und Kanada wurde, wenn man das so benennen will, vor einigen Jahren ein entsprechender Grossversuch gestartet.

In den Vereinigten Staaten wird Cannabis seit 2014 öffentlich verkauft – inzwischen in mehr als der Hälfte der Gliedstaaten. Kanada hat Cannabis 2018 legalisiert, die genauen Regelungen aber den einzelnen Provinzen überlassen. Was das mit den Menschen macht, wird seitdem von Wissenschaftern genau beobachtet. Und es hat sich herausgestellt: Für die Legalisierung ist ein Preis zu bezahlen.

Die Schweizer Pilotversuche dagegen können bei der Einschätzung der Folgen nur bedingt weiterhelfen. Denn sie haben einen entscheidenden Konstruktionsfehler: Sie untersuchen nur Probanden, die schon vor der Studie regelmässig Cannabis konsumierten. Nach einer Legalisierung in der Schweiz hätten aber auch Menschen erleichterten Zugang zu berauschenden Substanzen, die bisher nur ab und zu einmal einen Joint rauchten oder noch gar keinen Drogenkontakt hatten.

Aus den amerikanischen Ergebnissen ist zum Beispiel abzuleiten, dass nach einer Legalisierung wahrscheinlich mehr Menschen kiffen werden. Sowohl in Kanada wie in den USA hat die Zahl der Konsumenten deutlich zugenommen. Im Jahr 2017, vor der Gesetzesänderung, gaben noch 21 Prozent der erwachsenen Kanadier an, im letzten Jahr Cannabis konsumiert zu haben. Inzwischen kifft dort fast jeder Dritte, 29 Prozent. Besonders eifrige User sind die 15- bis 35-Jährigen. Bei ihnen ist der Anteil der User sogar von 33 Prozent auf 43 Prozent gestiegen.

Ein solcher Anstieg müsse kein Nachteil sein, sagt der Basler Studienleiter Marc Walter. «Wenn mehr Leute Cannabis konsumieren, ist das aus suchtmedizinischer Perspektive zunächst nicht dramatisch», sagt er. Problematisch werde es erst, wenn Menschen nicht nur gelegentlich einen Joint rauchten, sondern sehr stark konsumierten und schliesslich abhängig würden. Oder wenn sie Nebenwirkungen erlebten.

In der kanadischen Provinz Ontario hat seit der Legalisierung allerdings auch die Zahl solcher problematischen Fälle zugenommen. Es gebe dort seitdem mehr Menschen, die jeden Tag oder fast jeden Tag Cannabis konsumierten, sagt Daniel Myran, Mediziner vom Ottawa Hospital Research Institute und Experte für die Folgen der Cannabislegalisierung. Dafür sprechen laut dem Experten mehrere Studien und Datenquellen.

Vom täglichen Kiffen ist der Schritt aber nicht mehr gross bis zur Abhängigkeit, beides geht fliessend ineinander über. Schon jetzt gebe es vor allem in der Gruppe der 20- bis 30-Jährigen eine zunehmende Zahl von Personen mit einer sogenannten Cannabis Use Disorder, sagt Myran. Das ist ein Oberbegriff für leichte bis schwere Suchterkrankungen.

Wissenschafter erklären sich diesen Anstieg unter anderem durch eine grössere Akzeptanz der Droge. Vor zehn Jahren sei es in Amerika noch die Regel gewesen, mit Ende zwanzig mit dem Cannabiskonsum aufzuhören, sagt Wayne Hall, der an der University of Queensland im australischen Brisbane die Beobachtungen in Kanada und den USA auswertet. Andernfalls riskierte man, schräg angeguckt zu werden. Seit der Legalisierung hat sich das geändert. Heutzutage ist eine solche Ächtung viel unwahrscheinlicher. Der Konsum ist zu normal geworden.

Cannabis wird laut Umfragen auch harmloser eingeschätzt als früher. Jeder zweite Amerikaner hält Zigaretten beispielsweise für gefährlicher. All das könnte langfristig dazu führen, so glaubt Hall, dass noch mehr Menschen zu starken Konsumenten werden.

Geschützt werden konnte in Kanada immerhin die empfindlichste Gruppe: die Minderjährigen. In ihrem unreifen Gehirn kann THC, das ist der Inhaltsstoff mit der eigentlich berauschenden Wirkung, besonders schnell Schaden anrichten. Der Drogenverkauf an unter 18-Jährige wurde deshalb im Land verboten. Mit Erfolg: In dieser Gruppe hat sich der Anteil der User nicht verändert.

Heutige Drogen sind viel stärker

Kanada hatte sich bei der Legalisierung noch ein weiteres Ziel gesetzt: Man wollte den THC-Gehalt der Cannabisprodukte begrenzen. Die Droge, die heute konsumiert wird, hat nämlich nur noch wenig mit jener zu tun, die in den 1970er, 1980er Jahren in den Joints steckte.

Früher waren in den Marihuanablättern gerade einmal 7 bis 9 Prozent THC enthalten. Heute kann man auf dem Schwarzmarkt E-Zigaretten-Kartuschen kaufen, in denen bis zu 90 Prozent THC stecken. Es gibt THC-Gummibären, -Softdrinks und -Schokolade, die ähnlich berauschend wirken. Die Schweiz plant deshalb, nur noch Cannabisprodukte mit einem beschränkten Wirkstoffgehalt zu verkaufen. In Kanada ist eine ähnliche Regelung bisher gründlich schiefgegangen.

Anfangs, sagt Wayne Hall, habe man dort noch versucht, nur niedrigpotentes Cannabiskraut anzubieten. Dann kam der Druck von Öffentlichkeit und Produzenten. «Es hiess: Wenn wir den Verkauf solcher Produkte nicht erlauben, dann können wir mit dem Schwarzmarkt nicht konkurrieren.» Das Ergebnis: Die offizielle Angebotspalette enthält in den meisten Provinzen inzwischen mehr THC als die illegale vor acht Jahren. Den Dealern das Handwerk zu legen, ist trotzdem nicht gelungen. Jedes vierte Gramm Cannabis wird weiter von ihnen vertrieben.

Doppelt so viele Psychosen wie vor der Legalisierung

Ein hoher THC-Gehalt ist auch deshalb so bedenklich, weil er eine der gefährlichsten Cannabis-Nebenwirkungen fördert, sogenannte Psychosen. Ein teils vorübergehender, teils chronischer Zustand mit Wahnideen und Halluzinationen. Auch solche Patienten füllen seit der Legalisierung vermehrt kanadische Krankenhäuser.

Daniel Myran hat 2025 in der Fachzeitung «Jama» errechnet, dass sich in Ontario die Zahl der starken Kiffer mit neu diagnostizierten Psychosen seit der Freigabe des Cannabisverkaufs fast verdoppelt hat. Zudem hatten diese ein 15-mal höheres Risiko, an einer Schizophrenie zu erkranken, als der Durchschnitt der Bevölkerung. «Ich befürchte, dass die zunehmende Zahl der regelmässigen Cannabis-User und die zunehmende Potenz der Drogen dazu führen werden, dass zukünftig noch mehr Menschen an diesem Leiden erkranken», sagt er.

Die Erfahrungen anderer Länder zeigen also: Eine Legalisierung hat negative gesundheitliche Konsequenzen. Beeinflussen lässt sich nur, wie schwer sie ausfallen werden. Die kanadische Provinz Quebec macht vor, wie es gehen könnte. Quebec, erzählt Myran, habe in Kanada nicht nur die striktesten Verkaufsregeln, dort gebe es auch die niedrigste Rate an regelmässigen Cannabis-Usern. Verkauft wird die Droge nur von staatlichen Stellen, es gibt eine THC-Höchstgrenze und Beschränkungen bei der Art der verkauften Produkte. In anderen Provinzen und den amerikanischen Gliedstaaten überlässt man den Vertrieb privaten Anbietern.

Ein ähnliches Modell wie in Quebec ist auch in der Schweiz vorgesehen. Entscheidet man sich dafür oder dagegen? Gewichtet man die Vorteile einer Legalisierung höher als die Risiken? Diese Entscheidungen wird das Land nun treffen müssen.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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