Hirntumor, Schlaganfall und der Verlust ihres Sohnes: „Schach hat mein Leben gerettet“
Auf dem Wohnzimmertisch in der Wohnung in der Dresdner Altstadt stehen die Figuren aufgereiht, schwarz und weiß, schwer, mit satten Sockeln. Andrea Hafenstein nimmt einen Läufer in die Hand, wiegt ihn kurz, stellt ihn zurück. „Vorsicht, die Figuren fallen schnell und tun weh“, sagt sie und lacht. „Der König ist mir schon mal auf den Zeh gefallen. Ich kam in die Notaufnahme.“ Über der Anrichte im Flur reihen sich Pokale: Deutsche Meisterin im Blitzschach, Vizemeisterin im Schnellschach, Bundesligaspielerin seit mehr als dreißig Jahren.
Mit sechs Jahren fing sie mit dem königlichen Spiel an. Der Vater brachte es den sechs Kindern bei, vier Jungs, zwei Mädchen, in Lutherstadt-Wittenberg. Ihr erster Trainer war zugleich der Schuldirektor. „Das hatte Vor- und Nachteile“, erinnert sich Hafenstein. „Wenn du Scheiße gebaut hast, musstest du nicht zum Klassenlehrer, sondern gleich zum Schuldirektor.“ Der habe dann hinter verschlossener Tür laut geschimpft, damit die Sekretärin es hörte, und ihr anschließend einen Kakao gemacht. „Der war mein zweiter Vater.“
Sechs Wochen Sommerferien, jedes Wochenende ein Turnier, DDR-Meisterschaften, FDJ-Pokal. Später, viel später, in Hannover, wird ein Mediziner ihr sagen: „Ich möchte nicht behaupten, dass Schachspieler intelligenter sind. Aber sie denken anders.“ Andrea Hafenstein zieht die Augenbrauen hoch, wenn sie das zitiert. „Wir haben schon einen an der Klatsche“, schiebt sie nach und beginnt zu erzählen, was sie erleiden musste.
Ein Schicksalsschlag nach dem anderen – und immer wieder zurück ins Leben
Es begann in den 1980ern mit einer Bauchhöhlenschwangerschaft, die nur deshalb rechtzeitig erkannt wurde, weil ihr damaliger Frauenarzt, Dr. Wolfgang Böhmer, der spätere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, sie zufällig auf dem Klinikflur ansprach. Sie gab an, dass sie sich komisch fühlte. „Dr. Böhmer sagte: ‚Wir machen eine Bauchspiegelung, das schadet Ihnen und dem Kind nichts.‘ Zu DDR-Zeiten gab es nur einen OP pro Krankenhaus, und ich stand als Zweite auf dem Plan. In der Nacht fiel die vor mir angesetzte Augen-OP weg, und das hat mir das Leben gerettet.“ Anfang 20 sei sie damals gewesen. Später wurde sie Mutter eines kleinen Mädchens. Im Jahr 1988 folgte die zweite Schwangerschaft.
Am 16. Dezember 1988 wurde ihr Sohn Alexander geboren. Doch der Säugling schaffte es nicht. Er starb ein halbes Jahr später in seinem Bettchen. Plötzlicher Kindstod, wie Andrea Hafenstein heute weiß. Doch das Syndrom war damals noch weitestgehend unerforscht. Die trauernde Mutter geriet ins Visier der Ermittler der untergehenden DDR. „Ein Vierteljahr wurde ich als Mörderin hingestellt“, sagt sie. Noch heute schmerzt sie das. Zweimal die Woche Verhöre bei der Kripo, Arbeitskollegen, die an der Haltestelle zehn Meter Abstand hielten. Erst eine Gewebeanalyse brachte Entlastung. Andrea Hafenstein wurde erneut Mutter. Sie studierte Staatsrecht, widmete sich wieder ihrem Schachspiel. Doch noch immer denkt sie an den kleinen Alexander.
1998 wurde Andrea Hafenstein erneut aus dem Leben gerissen. Bei ihr wurde ein Hirntumor festgestellt. Zwölf Ärzte hatten sie zuvor als Simulantin abgetan – zu niedriger Blutdruck, psychosomatisch, ein Sektfrühstück wurde ihr empfohlen. Der dreizehnte beantragte ein MRT. Drei Tage später wurde operiert. Andrea Hafenstein überlebte. Der Neurochirurg gab ihr einen Rat mit auf den Weg: „Schreiben Sie ein Buch. Sie haben so viel durchgemacht, machen Sie einen symbolischen Haken.“ Doch das tat sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Stattdessen wurde sie auf die nächste Probe gestellt.
Am 21. Dezember 2000, beim morgendlichen Brötchenholen, erlitt sie einen Schlaganfall. „Mir wurde schlecht und schwindelig.“ Die inzwischen Alleinerziehende denkt sich nichts weiter und geht nach Hause. „Ich sage zu meinem Sohn: Gib mir mal bitte die Butter rüber. Dann hat meine Hand gekribbelt und ist runtergefallen.“ Der Hausarzt wusste sofort, was los war, und rief einen Krankenwagen. Zurück blieben ein Knie, das beim längeren Laufen wegknickt, eine Hand, die nur noch zwei Finger richtig führt, und die Konzentration: „Ich kann mich nicht länger als drei Stunden am Stück konzentrieren.“ Trotzdem denkt sie nicht ans Aufgeben.
Merkelzellkarzinom: 62 Operationen und der Kampf ums Überleben
Am 11. September 2001 saß sie in Hannover in der Röhre. Der Fernseher in der Zimmerecke lief, sie hielt die Bilder aus New York für einen Actionfilm. Es war der Tag, an dem ihr die Diagnose Merkelzellkarzinom mitgeteilt wurde – ein damals in Deutschland kaum bekannter Hautkrebs, schnell wachsend, aggressiv.
Der Chefarzt der HNO-Klinik in Hannover kam auf sie zu, fiel ihr um den Hals, ein wildfremder Mann, und sagte: „Schachspieler sind doch risikofreudig, große Klappe, wie ich.“ Vor der ersten großen Operation saß sie auf dem Untersuchungsstuhl, eine weiße Wolke aus Assistenzärzten hinter dem Professor. Fünf Ärzte kamen nacheinander herein. Augenarzt: Das rechte Auge muss raus. Neurochirurg: Alle Ärzte sollen gleichzeitig operieren, unklar, wie weit der Krebs im Gehirn sitzt. Chirurg: eventuell das linke Bein amputieren. HNO-Arzt: Titan an die Stelle des zerstörten Knochens. „Sie bekommen Metall rein.“
Andrea Hafenstein hatte zwei Fragen: Ob es problematisch werde, wenn es draußen blitze. Und ob sie noch durch die Metalldetektoren am Flughafen komme. „Da haben die Ärzte gelacht. Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen.“ Der Professor habe ganz sachlich geantwortet: Titan leite nicht. „Ich habe gesagt, ich bin doch kein Physiker. Ich bin Schachspieler.“ Mit Blick auf den seltenen Krebs sagt Hafenstein: „Ich war in Deutschland die Erste, die überlebt hat.“
Schach allen Widrigkeiten - warum Andrea Hafenstein niemals aufgibt
62 Operationen sind es inzwischen. 41 davon am oder im Kopf. In den ersten vier Jahren nach der Krebsdiagnose kam der Krebs 22-mal zurück. 15 Jahre lang Morphium. „Ich habe in der Zeit Schach gespielt, am Computer. Ich habe zwar nicht gut gespielt, aber ich war abgelenkt. Ich war wie in einem Tunnel. Und ob es mir jemand glaubt oder nicht: In dem Moment hat mir auch nichts wehgetan.“
Später haben die Ärzte festgestellt, dass eine Vene und eine Arterie in ihrem Kopf durchhingen. Sitzend musste operiert werden, damit das Gehirn nicht verrutscht. Sie wachte auf mit Muskelkater in den Oberschenkeln, „als wäre ich drei Marathons hinterhergelaufen“.
Wer Andrea Hafenstein fragt, was einen guten Arzt ausmache, bekommt eine knappe Antwort: „Ein guter Arzt ist einer, der ganz korrekt ist. Nicht so ein Gesülze.“ Klare Ansagen, positiv oder negativ, egal. Der Doktor, bei dem sie heute Vormittag war, habe zu ihr gesagt: „Sie dürfen zwei Tage lamentieren und dann sind Sie wieder in der Spur. Solche Leute brauche ich.“
„Schach dem Tumor“ und „Matt dem Krebs“: Die Überlebende hat ihre Erfahrungen aufgeschrieben.
© Rene Plaul
Freunde habe sie viele verloren in diesen Jahren. Für einige sieht sie „zu gesund“ und zu „lebensfroh“ aus. Trotz ihres bedrückenden Schicksals. Einige Ärzte und Behördenvertreter sehen es offenbar ähnlich. Es ist ein Muster, das sich durch ihr Leben zieht: Rehas werden abgelehnt, Pflegegrade müssen erst mithilfe eines Professors erkämpft werden. „Ich habe immer die besten Blutwerte. Das ist mein Problem.“ Der Schwerbehindertengrad wurde abgelehnt mit der Begründung: „Wenn Sie ein Buch schreiben können, können Sie auch arbeiten gehen.“ Sie hat zwei geschrieben, im Selbstverlag. Das erste nach dem Hirntumor. Das zweite: „Matt dem Krebs“.
Aber die Freunde, die blieben, blieben richtig. Zwei Brüder aus ihrem alten Schachverein SK König Plauen, beide bei der Bahn, riefen sie einmal freitagmittags an, prustend vor Lachen. Sie hätten in der Freien Presse unter der Rubrik Tiermarkt gelesen: „Preisgünstig Vollblutstute abzugeben.“ „Da haben wir spontan an dich gedacht.“ Sie habe mitgelacht. Ein anderer Freund, selbst impfängstlich, sprach ihr regelmäßig Trost zu. „Wir haben häufig nachts telefoniert und über Tod und Teufel gesprochen. Das hat abgelenkt“, sagt die tapfere Frau.
Durchhalten, kämpfen, analysieren: Was Schach Andrea Hafenstein lehrt
Momentan hat sie den Krebs im Griff und versucht, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Zum sechzigsten Geburtstag flog sie zur Schachweltmeisterschaft nach Assisi. Im Gepäck hatte sie reichlich Dresdner Christstollen. Neunundvierzig Spieler aus neunundvierzig Ländern brachte sie dazu, die Spezialität zu probieren.
Vor zwei Jahren flog sie nach New York. Auf dem One World Trade Center bezirzte sie den General Manager, einen Österreicher, mit Stollen, um länger oben bleiben zu dürfen. Im Central Park spielte sie Blitzschach und gewann am laufenden Band. Sie liebt das Leben, trotz der schweren Schicksalsschläge, die es ihr mit auf den Weg gegeben hat. Schach ist ihr nach wie vor wichtig.
Am Wohnzimmertisch, mit der Hand auf dem Läufer, sagt sie: „Die Läufer sind berechenbar. Der Springer ist unberechenbar, weil er verschiedene Züge macht.“ Doch was macht eigentlich einen guten Spieler aus?
„Durchhalten und kämpfen. Analysieren. Auch ausweglose Partien kann man manchmal gewinnen. Nicht immer, das wäre ein Trugschluss.“ Sie schiebt die Figur ein Feld weiter und schaut auf. Am ersten Oktober kommenden Jahres, sagt sie beiläufig, feiert sie ihr dreißigjähriges Überleben.
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