(+) Urlaub im Süden: Tourismusforscher macht den Klima-Realitätscheck
Stefan Gössling (56), geboren in Herford, ist Professor für nachhaltigen Tourismus und Mobilität an der Linné-Universität in Schweden. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er auch einen ökologischen Ferienbauernhof auf der schwedischen Ostseeinsel Öland. Die MOPO sprach mit ihm über das veränderte Urlaubsgefühl in Zeiten von Naturkatastrophen, über ganz neues Buchungsverhalten, Verreisen in der fernen Zukunft – und über indische Touristen, die Abkühlung in Europa suchen.
MOPO: Herr Gössling, ist der Sommerurlaub im Süden passé?
Stefan Gössling: Das glaube ich nicht. Die Wahl des Urlaubsziels hängt an vielen Faktoren: Kosten, Kultur, Essen, Landschaft, Aktivitäten. Touristen geben eine geliebte Destination nicht einfach auf.
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Italien-Fans kommen jetzt nicht scharenweise nach Skandinavien?
Nein. Natürlich gibt es Leute, die sehr negative Hitzeerfahrungen gemacht haben und sich nach Norden orientieren oder in kühlere Destinationen – das kann ja auch die Bretagne sein. Aber das würde man aktuell in der Statistik kaum sehen, weil Italien ja nach wie vor ausgebucht ist. Flexible Reisende, etwa die nicht mehr Berufstätigen, fahren vielleicht im März oder April. Und dann gibt es sicherlich auch eine kleine Gruppe, die hitzeaffin ist und sagt: 40 Grad am Pool, das ist genau mein Ding.
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Haben apokalyptische Bilder von Waldbränden einen Effekt – oder verpufft das wieder, sobald der nächste Regen fällt?
Wir haben schon vor 20 Jahren für die Welttourismusorganisation vor Waldbränden als Risiko für den Tourismus gewarnt. Jetzt erleben wir das Jahr für Jahr. Die Frage ist, wann diese Ereignisse nicht mehr als Einzelevents wahrgenommen werden, sondern die Reisezielwahl wirklich verändern.
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Sie sprechen von der „Beckschen Risikogesellschaft“. Was meinen Sie damit?
Ulrich Beck war einer der bedeutendsten deutschen Soziologen. Er hat 1986 „Risikogesellschaft“ geschrieben und beschrieben, dass die von uns selbst gemachten Risiken unsere Wahrnehmung ändern, weil sie global geworden sind und wir sie individuell nicht mehr steuern können. In einer Welt, die von einer Krise zur nächsten stolpert, normalisieren wir Risiken. Konkret auf den Urlaub bezogen bedeutet das aktuell noch, dass wir einfach hoffen, selbst nicht betroffen zu sein.
In den USA gibt es dafür schon einen Begriff, habe ich gelesen.
Ja, Formen des Weather Hedging. Man versichert sich gegen schlechtes Wetter – oder bucht verschiedene stornierbare Urlaubsreisen gleichzeitig und entscheidet kurz vor Reiseantritt, welche man wirklich antritt. Das kann als Phänomen an Bedeutung zunehmen.
Sie haben einmal gesagt, dass es in Zukunft für viele Menschen kaum noch Urlaubsreisen geben könnte. Wird es so schlimm?
Ich habe symbolisch 80 Jahre in die Zukunft gedacht - vor 80 Jahren begann in Europa der Massentourismus. Es ist für mich tatsächlich sehr zweifelhaft, ob wir in 80 Jahren noch reisen – oder ganz andere Sorgen haben.
Das klingt dystopisch.
Ja, als Klimaforscher kommt man langsam an seine Grenzen. Die Szenarien, vor denen wir vor 30 Jahren gewarnt haben, sind jetzt Realität. Wir haben keine nennenswerte Klimapolitik mehr. Für mich ist das eher realistisch als dystopisch. Wer genau hinschaut, der sieht ja, wie viel sich schon geändert hat – von aufgegebenen Liftanlagen bis zu Waldbränden, Starkregen, Hitzewellen und Stürmen, den sich rasch erwärmenden Meeren. Da ist vieles Normalität, was nicht normal sein sollte, denn die Entwicklungen werden sich beschleunigen.
Der Klimawandel schlägt ja auch auf die Preise.
Auch, ja. Urlaub wird teurer. Das haben viele noch nicht verstanden. Viele Faktoren führen klimabedingt dazu: Es gibt immer mehr Einnahmenausfälle, etwa durch mangelnden Schnee im Winter oder Wetterextreme; Lebensmittel werden teurer, Wasser wird in einigen Regionen knapp. Angestellte im Tourismus leisten bei Hitze nicht dasselbe, die Produktivität sinkt. Gebäudeversicherungen können teurer werden oder gar nicht mehr abgeschlossen werden. Und im Hintergrund lauert das Risiko systemischer Ausfälle, also dass wichtige Reiseländer sozioökonomisch instabil werden.
Welche Länder trifft das zuerst?
Es wird da anfangen, wo die Bevölkerung sehr arm ist, also noch keine wichtigen Reiseländer betreffen. Aber es ist nicht undenkbar, dass Länder wie Marokko oder Ägypten kippen könnten – und das würde dem Welttourismus Kopfschmerzen machen, weil das wichtige Reiseländer geworden sind.
Gleichzeitig ärgern sich viele, wenn Fliegen teurer werden soll.
Beim Flugverkehr gilt grundsätzlich: Der ist stark subventioniert. Wer fliegt, hat ohnehin schon einen Zuschuss von der Allgemeinheit bekommen – auch von denen, die nicht fliegen. Der Flugverkehr bezahlt weder seine operativen Kosten noch die Schäden, die er zum Beispiel durch Klimawandel verursacht. Eine Besteuerung ist also fair. Ich hätte mir aber gewünscht, dass man vor allem „oben“ anfängt zu regulieren, bei den Privatflugzeugen und Yachten. Dann würde in der Bevölkerung eher Verständnis wachsen, dass alle ihre Emissionen reduzieren müssen.
Sie leben selbst in Schweden. Merken Sie dort schon, dass Menschen zum Abkühlen nach Skandinavien kommen?
Im letzten Jahr saß ich im Zug, und zwei Inderinnen erzählten, dass es in Indien gerade so heiß sei, dass sie spontan nach Schweden geflogen seien, um sich abzukühlen. Das ist nur eine Anekdote. Aber es erinnert daran, dass Indien zu einem wichtigen Tourismusmarkt geworden ist. Die Mittelschicht ist zwar nicht groß – aber weil das Land fast 1.5 Milliarden Einwohner hat, macht das in absoluten Zahlen einen Unterschied. Viele können sich Flugreisen leisten.
Und nehmen dabei genauso wenig Rücksicht aufs Klima wie wir.
Genau. Diese Menschen handeln genauso hedonistisch wie wir, und auch in Indien gibt es kaum ein Interesse an einer ernsthaften Klimapolitik. Wobei man dort gern argumentiert, dass Indien eben nicht historisch zu hohen Emissionen beigetragen hat, so wie Europa.
Gibt es überhaupt klimaverträglichen Urlaub?
Mir würde schon reichen, wenn die Reisen im Schnitt nicht energieintensiver würden. Die Autos werden größer, ebenso die Ferienwohnungen; die Zahl der Wohnmobile wächst, die Flugreisen werden länger, wir reisen häufiger. Es geht nicht mehr um den klimaneutralen Urlaub, sondern darum, die Durchschnittsemissionen pro Reise nicht weiter wachsen zu lassen. Das wird ohne entsprechende Politik aber nicht passieren.