„Der Wärmste, den wir je gemessen haben“: UN warnt vor diesjährigem El Niño und seinen Folgen
Hitze-Rekord im Pazifik: UN-Organisation warnt vor El Niño mit Folgen für die ganze Welt
Stand: 22.10.2026, 19:35 Uhr

Der El Niño setzt gerade Wärme frei, die der Ozean lange gespeichert hat. Doch heizt er die Erde dadurch tatsächlich zusätzlich auf?
München – Der El Niño im Pazifischen Ozean ist ein Klimaphänomen, das Einfluss auf die ganze Welt hat. Am Mittwoch, dem 21. Oktober 2026, stellte die Weltwetterorganisation WMO in Genf eine neue Prognose vor. Saulo sagte, der aktuelle El Niño könnte in seiner Stärke beispiellos sein. Er liege „buchstäblich außerhalb der Messkurven“, mit denen man seit vier Jahrzehnten arbeite. Für November 2026 bis Januar 2027 rechnet die Organisation mit Wassertemperaturen im zentralen und östlichen Pazifik, die bis zu 3,8 Grad über dem langjährigen Mittel liegen. Den Höhepunkt erwartet sie gegen Ende 2026.
Ein Wärmerekord im Pazifik klingt nach zusätzlicher Hitze für den ganzen Planeten. Die WMO, eine Organisation der Vereinten Nationen, sieht das differenzierter: El Niño füge der Erde keine neue Wärme hinzu. Er gibt nur Wärme ab, die der Ozean bereits gespeichert hat, wie WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo beim Globalen Hitzeforum in Bangkok erklärte.
El Niño und der Wärmespeicher Ozean
Die Rekordwerte haben eine Vorgeschichte. Schon am Donnerstag, dem 8. Oktober 2026, hatte die WMO die Lage im Pazifik als Rekord eingeordnet, in einer Pressemitteilung. Im Juni lag die Abweichung im Mittel bei 1,6 Grad, im August bei 2,5 Grad. Der bisherige Höchstwert lag bei 2,6 Grad, gemessen von November 2015 bis Januar 2016.
Was ist der „El Niño“?
– El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen im tropischen Pazifik. Es ist die warme Phase des Systems El Niño-Southern Oscillation (ENSO), das Ozean und Atmosphäre gemeinsam steuern.
– Normalzustand: Die Passatwinde treiben warmes Oberflächenwasser nach Westen. Vor der Westküste Südamerikas steigt dafür kühleres Tiefenwasser auf.
– Bei El Niño schwächen sich die Passatwinde ab. Warmes Wasser verlagert sich nach Osten, und der Ozean gibt große Mengen Wärme an die Atmosphäre ab.
– Wann es als El Niño gilt: Wenn die Wassertemperatur im zentralen und östlichen Pazifik dauerhaft mindestens 0,5 Grad über dem langjährigen Mittel liegt.
– Häufigkeit: Er tritt alle zwei bis sieben Jahre auf und dauert meist neun bis zwölf Monate.
– Folgen: Er verschiebt Regen- und Windmuster weltweit. Die Folgen reichen von Dürren in Teilen Südostasiens und Australiens bis zu Starkregen an der Westküste Südamerikas.
– Gegenstück: La Niña ist die kühle Phase des Systems.
– Name: El Niño bedeutet auf Spanisch „das Christkind“. Peruanische Fischer hatten die Erwärmung um Weihnachten bemerkt.
Am selben Tag veröffentlichte die US-Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA ihre Einschätzung. Demnach liegt die Chance bei 83 Prozent, dass der El Niño im Zeitraum Oktober bis Dezember alle seit 1950 erfassten Ereignisse an Stärke übertrifft. Als Maßstab dient ein Wert von plus 2,5 Grad im Dreimonatsmittel, wie die NOAA im Diagnosebericht festhält.
Klimaforscherin Daniela Matei zu Ippen.Media: „Könnte alle beobachteten Ereignisse übertreffen“
Die Klimaforscherin Daniela Matei, Senior Research Scientist am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, analysiert gegenüber Ippen.Media: „Sollte sich diese Prognose bestätigen, könnte das Phänomen sämtliche seit 1950 beobachteten Ereignisse (wie die El Niños von 1982/1983 oder 2015/2016) an Intensität übertreffen.“ Weiter erklärt sie: „Der Höhepunkt wird voraussichtlich im November und Dezember 2026 erreicht.“ Für die Zeit bis ins Frühjahr 2027 nennt sie „eine Wahrscheinlichkeit von über 83 Prozent“. Das deckt sich mit der NOAA-Analyse vom Donnerstag, die diesen Zeitraum ebenfalls mit mehr als 83 Prozent angibt.
Für unseren Kontinent gilt laut Matei: „Der Einfluss von El Niño auf Europa ist komplexer und deutlich weniger direkt als in der Pazifikregion.“ Im Winterhalbjahr könne El Niño jedoch „den Polarwirbel beeinflussen und dadurch die Wahrscheinlichkeit häufiger starker Kaltlufteinbrüche in Nord- und Mitteleuropa deutlich erhöhen“. Bei einem starken El Niño wird es aber wahrscheinlicher, dass sich sein Einfluss durchsetzt. Ob es dazu komme, hänge von vielen Faktoren ab, „von denen El Niño nur einer ist“. Für die Ernte in Europa erwartet sie „keine nennenswerten Ernteausfälle“. Die erste Winterhälfte könnte laut Studien und saisonalen Prognosen eher mild, windig und sehr nass ausfallen.
Klimaforscherin Matei: „Drastische Konsequenzen“
Bei den Preisen verweist Matei auf Mittelamerika. Durch die anhaltende Trockenheit dort müssen wichtige Handelsrouten wie der Panamakanal ihre Schiffspassagen drosseln. Die verzögerten Lieferketten könnten die Importpreise für Konsumgüter in Europa zusätzlich verteuern. Auch bei Kaffee, Kakao, Zucker und Reis erwartet sie Preissteigerungen.
Die Messbojen im Pazifik sind laut Matei entscheidend für die Vorhersage: „Das TAO/TRITON-Messnetz mit rund 70 Bojen erfasst kontinuierlich Wetterdaten und die Temperatur- sowie Salzgehaltsverteilung im Pazifik bis in 500 Meter Tiefe.“ „Unterseeische Kelvin-Wellen können eine bevorstehende Erwärmung bereits Wochen bis Monate im Voraus ankündigen – Satelliten erfassen dagegen nur die Meeresoberfläche.“ Ohne diese Daten wären Klimamodelle für die Prozesse unter der Oberfläche „weitgehend ‚blind‘“. Dann ließen sich „Beginn und Intensität von El Niño und La Niña (…) deutlich schwerer vorhersagen“. Ein Ausfall hätte laut Matei „drastische Konsequenzen“ für die Vorhersagegenauigkeit, und die verfügbare Vorwarnzeit würde erheblich kürzer ausfallen.
Regenmuster und Dürre: Wo der El Niño trifft
Die Folgen fallen laut der Prognose je nach Region gegensätzlich aus. In Ostafrika ist während der Regenzeit von Oktober bis Dezember häufiger mit mehr Regen als üblich zu rechnen, was Überschwemmungen auslösen kann. Im südlichen Afrika steigt ab November das Risiko trockenerer Bedingungen, das Ernten und Wasserversorgung treffen könnte. In Südostasien nehmen Hitzebelastung, Druck auf Landwirtschaft und Wasser sowie das Risiko für Waldbrände und Rauchschleier zu. Darüber schreibt die WMO in einer Erklärung vom Mittwoch.
Auch der amerikanische Kontinent zeigt ein gemischtes Bild. Im Nordwesten der USA und im südlichen Westen Südamerikas dürfte es feuchter werden. In Teilen Mittelamerikas, im südlichen Karibikraum und im Amazonas droht dagegen ein erhöhtes Dürrerisiko. Deutschland nennen weder die Erklärung vom Mittwoch noch die Mitteilung vom Donnerstag. Die WMO betont zudem, dass es sich um saisonale Aussichten und nicht um Vorhersagen einzelner Ereignisse handelt.
Humanitäre Hilfe: Frühwarnung nutzen, solange das Zeitfenster offen ist
Saulo sieht im El Niño auch eine Aufgabe für Helfer. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher forderte sie „entschlossenes Handeln“, vor allem zum Schutz der verwundbarsten Gemeinschaften. Wissenschaft, Prognosen und Frühwarnsysteme seien vorhanden, um Leben zu retten. Das Zeitfenster für Vorsorge sei in vielen Regionen noch offen, aber nicht unbegrenzt. Besonders gefährdet seien Menschen, die schon jetzt unter Druck stehen, etwa Geflüchtete oder Menschen in Konfliktgebieten.
Nach Einschätzung der WMO dürfte der El Niño mit nahezu 100 Prozent Wahrscheinlichkeit bis einschließlich Februar 2027 anhalten, wie die Organisation in ihrer Pressemitteilung vom Donnerstag schreibt. (Quellen: World Meteorological Organization (WMO): „El Niño and humanitarian action“, WMO: „Sea-surface temperatures reflect strengthening El Niño, NOAA Climate Prediction Center: „ENSO Diagnostic Discussion“) (cgsc)