Hitze, Starkregen, wenig Platz: Warum Berlin jetzt auf seine Dächer steigt

Wo früher Autos auf dem Dach geplant waren, wächst schon bald Gemüse und Gemeinschaft: In der Schöneberger Kirchbachstraße wird dieser Tage ein rund 900 Quadratmeter großer Urban-Gardening-Bereich fertiggestellt. Privatbeete, Workshops und ein ganzjährig nutzbares Gewächshaus sind angekündigt. „Erste Pflanz- und Angießarbeiten haben bereits begonnen“, teilt die verantwortliche Gewobag der Berliner Zeitung auf Anfrage mit.

„Gartendeck 9“ ist der Name des Vorhabens. Auf dem obersten Parkdeck des Gebäudes, das eine Mixtur aus Wohn- und Parkhaus ist, soll nun das gemeinsame Gärtnern starten. Im Zuge umfangreicher Sanierungsarbeiten in den letzten zwei Jahren wurde das denkmalgeschützte Gebäude noch spezieller.

Nachhaltigkeit und Aufwertung des Wohnumfelds

„Ende Juli wurden Erde und die ersten Setzlinge auf die Ackerflächen des Gartendecks gebracht“, erzählt der Pressesprecher des Unternehmens. Bis November, wenn die bauliche Fertigstellung geplant ist, kann schon parallel in den Abendstunden gegärtnert werden.

Das Besondere: Die Bewohner sollen den Garten aktiv mitgestalten und gemeinsam die Pflege der Beete übernehmen. Das Projekt soll ausdrücklich Klimaanpassung mit sozialem Miteinander verbinden.

Solche Konzepte gewinnen besonders in dicht bebauten Quartieren an Bedeutung. Wo Hinterhöfe klein und Grünflächen rar sind, bieten Dächer die Möglichkeit, Aufenthaltsqualität und Natur direkt ins Wohnumfeld zu bringen.

Gärtnern auf Höhe der Baumkronen: Im Juli fand die erste Pflanzaktion auf dem „Gartendeck 9“ statt.

Gärtnern auf Höhe der Baumkronen: Im Juli fand die erste Pflanzaktion auf dem „Gartendeck 9“ statt.

© Aurelio Schrey

Blau-grüne Infrastruktur

Die Begrünung von Dächern ist längst mehr als eine architektonische Modeerscheinung. Angesichts zunehmender Hitzewellen, häufigerer Starkregenereignisse und einer immer dichteren Bebauung setzen Städte weltweit auf sogenannte blau-grüne Infrastruktur. Es geht also sowohl um mehr Bäume, Grünflächen und Seen als auch um einen strategischen Umgang mit Regenwasser.

Ziel ist es, Hitzeinseln zu reduzieren, die Kanalisation bei Starkregen zu entlasten und neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere zu schaffen. Hinzu kommt – nicht zuletzt: Auch für die Menschen soll ein neuer Aufenthaltsort entstehen, abseits der Straße und trotzdem im Grünen.

Eine grüne Dachlandschaft in der Haasestraße in Friedrichshain.

Eine grüne Dachlandschaft in der Haasestraße in Friedrichshain.

© Berliner Wasserbetriebe

Anzahl grüner Dächer gering, aber wachsend

Die Zahlen zeigen, dass sich der Trend verstärkt: Nach Erhebungen des Berliner Umweltatlas verfügten 2020 mehr als 20.000 Gebäude in der Hauptstadt über begrünte Dachflächen. Insgesamt waren zu diesem Zeitpunkt rund 656 Hektar der Dächer begrünt – 165 Hektar mehr als noch 2016. Aktuelle Zahlen sind in Erarbeitung und werden voraussichtlich 2027 veröffentlicht, teilt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen der Berliner Zeitung mit.

Trotzdem liegt das Potenzial noch weit höher, denn die 656 Hektar entsprechen in Berlin lediglich gut fünf Prozent begrünter Dachfläche. Zählt man nicht Quadratmeter, sondern Gebäude, sieht man: Nur gut drei Prozent der Häuser sind von oben grün.

Städtetag fordert Milliarden

Dass auf Berlins grauen Dächern noch so viel Luft nach oben ist, dürfte nicht zuletzt mit der finanziellen Frage zusammenhängen. Dass der Alltag in Städten bei Hitzewellen erträglich bleibt, ist langfristig „in der Stadtplanung verankert“, sagt Christian Schuchardt, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, gegenüber dem ZDF-„heute journal“.

Maßnahmen wie Entsiegelung und Begrünung seien nicht nur teuer, sondern auch folgenreich, wenn beispielsweise für einen neu zu pflanzenden Baum auch im Untergrund entsprechend Platz von Leitungen geschaffen werden müsse.

Bundesweit gehe es hier um Milliardensummen, konkretisiert Schuchardt gegenüber dem ARD-„Morgenmagazin“. „Wir gehen überschlägig von fünf bis acht Milliarden Euro aus, die pro Jahr benötigt werden.“

Fordert mehr Geld für die Kommunen, um blau-grüne Infrastruktur umzusetzen: Christian Schuchardt, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages.

Fordert mehr Geld für die Kommunen, um blau-grüne Infrastruktur umzusetzen: Christian Schuchardt, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages.

© Marijan Murat/dpa

GründachPLUS: Förderung durch die Stadt

Solange der Bund nicht zahlt, kann in manchen Fällen noch das Land helfen. Mit Förderprogrammen wie „GründachPLUS“ unterstützt das Land Berlin Eigentümerinnen und Eigentümer dabei, Dächer zu begrünen. Die Senatsverwaltung für Klimaschutz und Umwelt verantwortet das Programm.

Bestandsgebäude können mit Fassadenbegrünung oder Dachbegrünung ausgestattet werden. Die finanzielle Unterstützung ist dabei für „die Erschaffung der Vegetationsfläche selbst sowie die Errichtung der hierfür notwendigen bautechnischen Erfordernisse“, teilt die IBB Business Team GmbH online mit, die der zentrale Ansprechpartner ist.

Namhafter Profiteur der Aktion war beispielsweise die Friedrich-Ebert-Stiftung, die eines ihrer beiden Berliner Gebäude in der Hiroshimastraße auf diesem Weg begrünt hat. Entstanden sind 590 Quadratmeter begrüntes Dach – zu betreten allerdings nur zu Wartungsarbeiten.

Auch die Gewobag, die das Gartendeck in der Kirchbachstraße umbaut, unterstützt Urban-Gardening-Initiativen ihrer Mieterinnen und Mieter. Erkenntnisse aus dem Bau des „Gartendeck 9“ könnten dabei genutzt werden.

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Nicht nur auf privaten Gebäuden

Auch in öffentlichen Gebäuden und Büros ist das Konzept angekommen: Derzeit wird das berühmte Gebäude des Kranzler Ecks auf dem Kurfürstendamm neu gestaltet. Bis Ende 2026 soll auf dem Dach eine bewusst vom Straßenraum abgegrenzte Aufenthaltsfläche im Grünen entstehen.

Maßstäbe gesetzt hat auch das neu gebaute Bürogebäude AERA in Charlottenburg: Ein 2200 Quadratmeter großer Dachpark beherbergt unter anderem Pinien, Zierkirschen und Ölweiden sowie knapp 25 verschiedene Pflanzenarten. Terrassenförmig erstreckt sich der Park über mehrere Ebenen und bietet Platz zum Spielen, Entspannen und Spazieren.

Das Kranzler Eck, hier in einer Aufnahme aus dem Jahr 2022, bekommt bis Ende 2026 eine grüne Dachlandschaft.

Das Kranzler Eck, hier in einer Aufnahme aus dem Jahr 2022, bekommt bis Ende 2026 eine grüne Dachlandschaft.

© Schoening/imago

Steigt Berlin aufs Dach?

Das werden auch die Mieter in der Kirchbachstraße bald können. Wenn hier bald in luftiger Höhe gemeinsam gegärtnert wird, bleibt jedoch die überwiegende Mehrheit der Hauptstadtdächer grau.

Berlin wird von vielen als grüne Stadt beschrieben. Doch ob die Metropole auch abseits von Parks und Alleen eine grüne Zukunft hat, nämlich über den Köpfen, ist noch nicht versprochen. Wenn Bund und Land die erforderlichen hohen Summen investieren, könnten Projekte wie die Kirchbachstraße in Schöneberg bald keine Einzelfälle mehr sein.

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