Hitzewelle: Jetzt tobt der Kulturkampf um die Klimaanlage

Nein, in Panik geriet der 65-jährige Mario nicht bei dem Anblick des Thermometers. Im Gegenteil. In der Nachmittagshitze im östlichen Brandenburg war es neulich auf schwindelerregende 41,7 Grad gestiegen und hatte damit einen beispiellosen Höchstwert erreicht. Entspannt traf Mario ein paar Vorkehrungen gegen die brüllende Hitze. Vor zwei Jahren hatte ihn eine heftige Hitzewelle dazu bewogen, sich ein leistungsstarkes Gerät anzuschaffen, das nur wenige Bundesbürger besitzen: eine Klimaanlage.

„Die Sommer werden allmählich wärmer“, sagt der pensionierte Handwerker aus Neuzelle an der deutsch-polnischen Grenze, dessen Bungalow nun zu den sechs Prozent der deutschen Haushalte mit fest installierter Klimaanlage zählt. „Und je älter man wird, desto schwerer erträgt man die Hitze.“

Die Debatte um den Schutz der Menschen vor der Hitze wird immer schärfer

Europa hat Anfang Juni die schlimmste Hitzewelle seit Beginn der Aufzeichnungen erlitten. Während sich die Menschen auf die nächste Runde sengender Hitze vorbereiten, entwickelt sich derzeit ein hitziger Kulturkampf um eine Technik, die helfen könnte, die brutale Hitze zu bewältigen. „Ein Großteil der Investitionen in Europa im Zusammenhang mit dem Klimawandel ist zu Recht in längerfristige Lösungen wie Beschattung, Isolierung und Kühlzentren statt in mechanische Kühlung investiert worden“, sagt Hans Kluge, Leiter des Europa-Büros der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Er empfiehlt aber auch einen differenzierten Einsatz von Klimaanlagen, um Menschen mit hohem Risiko vor der Hitze zu schützen. „Beides hat seine Berechtigung“, sagt Kluge.

Studien zufolge haben Anpassungsmaßnahmen die Zahl der Todesopfer bei Hitzewellen, die vor zwei Jahrzehnten noch als extrem galten, um 75 Prozent gesenkt. Doch die Hitzewellen sind in dieser Zeit immer extremer geworden. Nach Schätzungen der WHO sind in den vergangenen vier Jahren in Europa mehr als 200.000 Menschen an den Folgen der Hitze gestorben. Die Forderungen nach einem schnelleren Tempo bei den Anpassungsmaßnahmen werden deshalb immer lauter.

Die rekordverdächtige Hitze im Juni dürfte Tausende, wenn nicht sogar mehrere Zehntausend Todesopfer fordern – weit mehr als in Ländern wie den USA, die ebenfalls mit einer historischen Hitzewelle zu kämpfen haben. Allerdings mit dem Unterschied, dass dort 90 Prozent der Haushalte mit Klimaanlagen gekühlt werden.

Krankenhäuser, Schulen, Pflegeheime – wer muss zuerst geschützt werden?

Die Empfehlung von Experten, Klimaanlagen dort zu installieren, wo sie am dringendsten benötigt werden – in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen und öffentlichen Verkehrsmitteln –, findet Unterstützung quer durch das politische Spektrum. Doch seit einiger Zeit dominieren Vorwürfe, die etablierten Parteien würden den Einbau von Klimaanlagen aus Umweltschutzgründen blockieren, die Debatte.

Am Tag nach dem neuen Hitzerekord in Deutschland erklärte etwa Marc Bernhard, der baupolitische Experte der AfD-Bundestagsfraktion, seine Partei werde verhindern, dass Menschen „auf dem Altar“ der Mainstream-Klimaideologie, wie etwa Energieeffizienzklassen, „geopfert“ würden. „Die Klimahysterie führt zu mehr hitzebedingten Todesfällen aufgrund ideologischer Baufehler wie dem Verzicht auf Klimaanlagen.“

In den USA schüttelt man den Kopf über die „fehlgeleitete EU“

Seine Aussage ist eine deutliche Abkehr von den Standpunkten der Partei vor nur einem Jahr – als ihr Gesundheitssprecher Martin Sichert hitzebedingte Todeszahlen heruntergespielt und der Regierung „Hitzepanik“ vorgeworfen hatte. Bernhards Äußerungen stehen auch in scharfem Kontrast zu der vehementen Ablehnung von Wärmepumpen durch die AfD, die vor drei Jahren zu einem Feindbild der politischen Rechten wurden.

In Frankreich hat unterdessen Marine Le Pens „Rassemblement National“, der sich gegen Sanierungsmaßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden gewehrt und versucht hat, Windkraftanlagen und Solaranlagen zu verhindern, die Klimatisierung zu einem zentralen Thema gemacht. Gleichzeitig attackiert sie Maßnahmen zur Eindämmung der globalen Erwärmung.

Die hitzige Debatte in Europa wurde zusätzlich durch Kommentatoren in den USA angeheizt, die das Fehlen von Klimaanlagen in Europa als Beweis für eine bemitleidenswerte, fehlgeleitete und überregulierte EU anführen. „Die Europäer sollten einfach Klimaanlagen installieren“, heißt es in einem von einem Chatbot generierten Text auf X, der von Elon Musk beworben und fast 20 Millionen Mal aufgerufen wurde. „Die amerikanische Herangehensweise an den Sommer war die ganze Zeit über richtig.“

Eine angenehm temperierte Wohnung nur für die Reichen?

Klimaanlagen sind in wohlhabenden Ländern – von den USA über Japan bis nach Australien – die Norm, doch nur etwa 15 Prozent der 3,5 Milliarden Menschen, die in Regionen mit hohen Temperaturen leben, besitzen solche Geräte. Mit steigenden Temperaturen und Einkommen dürfte die weltweite Nachfrage nach Kühlung sprunghaft ansteigen. In Südostasien rechnet die Internationale Energieagentur damit, dass sich die Zahl der Klimaanlagen bei unveränderter Politik zwischen 2020 und 2040 verneunfachen wird.

Experten weisen darauf hin, dass Klimaanlagen auch Nachteile haben. Das Abführen warmer Luft in die umliegenden Straßen kann den städtischen Wärmeinseleffekt verstärken, und der Energieverbrauch erhöht das Risiko von Stromausfällen. In Europa sind die Auswirkungen auf das Klima jedoch gering. Sie werden voraussichtlich weiter abnehmen, da der Kontinent weniger als 30 Prozent seines Stroms aus fossilen Brennstoffen deckt und mehr als ein Dutzend Länder plant, diese innerhalb eines Jahrzehnts vollständig aus den Stromnetzen zu verbannen.

Zwar haben Bauvorschriften an manchen Orten den Einbau von Klimaanlagen in Privathaushalten erschwert, doch gibt es kaum Anhaltspunkte dafür, dass bürokratische Hürden oder Klimabedenken der Grund für die äußerst geringe Verbreitung von Klimaanlagen in ganz Europa sind.

In Deutschland wollen viele nicht glauben, dass die Zukunft immer wärmer sein wird

Da sich der Kontinent aufgrund der CO₂-Emissionen doppelt so schnell erwärmt hat wie im globalen Durchschnitt, hat die zusätzliche Hitze die Menschen in den wärmsten Regionen Europas zunehmend dazu veranlasst, ihre Wohnungen mechanisch zu kühlen. Der Anteil der Haushalte mit Klimaanlagen ist in Italien und Spanien rasch auf mehr als die Hälfte gestiegen; in Frankreich liegt er bei 24 Prozent, wobei er in den heißen südlichen Provinzen bis zu 48 Prozent und in den kühlen nördlichen Provinzen nur 10 Prozent.

In Deutschland, wo die Verbreitung von Klimaanlagen mit am niedrigsten in ganz Europa ist, sind einige Hausbesitzer der Meinung, dass selbst die Rekordhitze im Juni nicht extrem genug war, um eine Anschaffung zu rechtfertigen. „Wir würden eine Klimaanlage in Betracht ziehen, wenn die Sommer immer heißer werden, aber wenn es nur ein paar Tage sind, können wir es aushalten“, sagt Gabriele Werner, die in der Touristeninformation von Neuzelle arbeitet.

Im benachbarten Ortsteil Neißemünde, wo bei der letzten Landtagswahl fast jeder zweite die AfD unterstützt hatte, war die häufigste Reaktion auf die sengende Hitze Apathie, gepaart mit vereinzelten Fällen regelrechter Verleugnung. „Klimawandel ist nur ein Wort, das hochgespielt wird“, sagt etwa Reinhard Lange, ein Elektriker im Ruhestand, dessen 150 Jahre altes Haus nicht weit von der Wetterstation in Coschen entfernt liegt, an der jüngst der deutsche Hitzerekord gebrochen wurde. „Als ich noch ein Kind war, war es auch warm. Es wurde nur nicht so hochgespielt.“

Grüne Dächer, mehr Bäume – es gibt viele Wege, um gegen die Hitze zu kämpfen

Hans Kluge von der WHO sagt, dass Europas entschlossene Notfallmaßnahmen während der jüngsten Hitzewelle Leben gerettet haben – mit roten Warnstufen, Schulschließungen und der raschen Einrichtung von Kühlzentren. Doch es könnte noch mehr getan werden, beispielsweise um einen regelmäßigen Kontakt zu isolierten älteren Menschen sicherzustellen, auf die der Großteil der Todesopfer entfällt. „Die Priorität liegt nun darauf, sicherzustellen, dass Menschen, für die eine Klimaanlage medizinisch notwendig ist, diese auch erhalten, während gleichzeitig die Infrastruktur weiter ausgebaut wird – Bäume, begrünte Dächer, kühlere Gebäude –, die alle schützt, auch diejenigen, die sich einfach keine Anlage in ihrer Wohnung leisten können.“

Andere Experten gehen noch weiter und sprechen sich für Klimaanlagen in Sozialwohnungen aus – angesichts der wachsenden Ungleichheit zwischen denjenigen, die über Kühlung verfügen, und denen, die darauf verzichten müssen, sowie angesichts des Anstiegs gesellschaftlich schädlicher Energieverschwendung. „Derzeit konzentrieren wir einen Großteil unserer Energie- und Wasserressourcen während Hitzewellen auf die Kühlung von Rechenzentren“, sagt Chloe Brimicombe, Klimawissenschaftlerin an der Universität Oxford, die sich mit extremer Hitze befasst. „Menschenleben sind für uns wertvoller als KI – oder sollten es zumindest sein, oder?“

Ajit Niranjan ist Europa-Korrespondent vom Guardian