Hitzewellen verlangen Bayerns Bauern alles ab: Warum eine frühe Ernte keine gute Nachricht ist
Stand: 11.07.2026, 14:06 Uhr
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Diesen Sommer bleibt es nicht bei einer Hitzewelle. Welche Auswirkungen das auf die Getreide-Ernte hat: Bayerns Bauern ziehen Bilanz...
Bayern – Traditionell wurde der Roggen in Kirchdorf (Kreis Mühldorf) ums Pfarrfest gedroschen, um den 15. August. Heuer aber sind die Mähdrescher auf dem Naturland-Hof von Stefan Meier schon Mitte Juli unterwegs. Über einen Monat früher als sonst beginnt die Getreideernte auf Bayerns Feldern.
Wegen Trockenheit und Hitze: Bayerns Bauern müssen Getreide einen Monat früher ernten
Trockenheit und Hitze haben in diesem Jahr Weizen, Roggen und Hafer früher reifen lassen. Aber das ist kein gutes Zeichen, das Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber und Bauernpräsident Günther Felßner gestern auf der Erntepressefahrt im Kreis Mühldorf präsentierten: Bayerns Bauern erwarten wegen der Trockenheit und der extremen Hitze allenfalls eine unterdurchschnittliche Ernte. „Mancherorts ist es sogar richtig schlecht“, sagt Hermann Greif, Getreidepräsident des Bayerischen Bauernverbands (BBV).
„Die Bauern diskutieren nicht über den Klimawandel“, sagte Ministerin Kaniber. „Sie leben und arbeiten jeden Tag mit den Folgen des Klimawandels.“ Dieses Jahr mit historischer Trockenheit, Kälteeinbruch um die Eisheiligen und der massiven Hitzewelle Ende Juni habe den Landwirten alles abverlangt.
Die Ministerin zollte den Bauernfamilien höchsten Respekt. Zugleich sicherte sie den Betrieben mit Forschung, Beratung und gezielter Förderung ihre Unterstützung zu. An den Wetterkapriolen erkenne man, worauf es ankomme: „Wenn eine Ernte komplett auszufallen droht, haben wir mit der Mehrgefahrenversicherung ein Instrument, um den Bauern den Rücken zu stärken.“ Der Freistaat übernimmt 50 Prozent der Versicherungsprämien.
Denn klar sei auch: Bayern könne auf Dauer nicht jedes Mal die Ausfälle kompensieren. Zugleich müsse die Forschung vorangetrieben werden. „Wir müssen uns überlegen: Was wollen wir in zehn, 20 Jahren überhaupt noch anbauen?“ (siehe Kasten)
Klimawandel: Neue Sorten sind im Kommen
Der Anbau von Getreide wird auch auf den Feldern in Bayern immer herausfordernder. Klassischer Weizen etwa reagiert empfindlich auf extreme Hitze, weshalb Züchter vermehrt auf Alternativen setzen, die mit weniger Wasser auskommen. An trockenresistenten Roggen- und Weizensorten wird ständig geforscht. Zu den Arten, die seit Jahren vermehrt auf Bayerns Äckern zu finden sind, gehört Soja. „Der vermehrte Soja-Anbau ist ganz klar dem veränderten Klima geschuldet“, sagt Lorenz Hartl, stellvertretender Leiter des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung an der Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising. Soja brauche im Frühjahr mehr Wärme. Es gibt neuere Sorten, die auch mit der kürzeren Vegetationsperiode hierzulande gut zurechtkommen.
An der Landesanstalt werden auch Versuche mit Sorghumhirse (2,5 bis 5 Meter hoch) unternommen, die in Trockengebieten gedeiht. Ein Getreide, das für Salate, Bowls oder als Risotto-Alternative verwendet werden kann. „Sie ist verwandt mit dem Mais“, sagt Hartl. Da es kein Klebereiweiß (Gluten) enthält, wird Sorghummehl meist in Kombination mit anderen Mehlsorten zum Backen verwendet. Aber: „Da steckt die Anbau-Forschung noch in den Kinderschuhen.“ Auch Kichererbsen und Quinoa vertragen die Trockenheit gut.

Für die späteren Kulturen auf den Äckern wie Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln kam der Regen in den vergangenen Tagen „hoffentlich noch gerade rechtzeitig“, sagte Hermann Greif, Getreidepräsident des Bayerischen Bauernverbands. Beim Weizen jedoch kam er wohl zu spät. Temperaturen von über 40 Grad haben deutliche Schäden am Getreide hinterlassen, sodass wohl nur eine mindere Qualität erreicht wird. Die Körner sind zum Teil so klein, dass das Getreide nur noch verfüttert werden kann.
Für die Landwirte bedeutet das zusätzliche Einnahmeverluste. Landwirt Stefan Keilhacker aus Reichertsheim, auf dessen Grünlandbetrieb mit 67 Milchkühen die Erntepressefahrt auch Station machte, klagt aber nicht nur über mangelnde Niederschläge und extreme Temperaturen. Der abgestürzte Milchpreis macht ihm besonders zu schaffen. Auf 60.000 Euro beziffert er die Verluste im Vergleich zum Vorjahr. „Das ist ein Riesenproblem. Vom Draufzahlen kann man nicht leben.“
Winken Sie dem Mähdrescher-Fahrer lieber zu, als ihm den Mittelfinger zu zeigen.
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Ihr Sebastian Arbinger

Die geringen Preise, die Landwirte derzeit für ihre Produkte erzielen, bereiten auch Bauernpräsident Felßner große Sorgen. Für Weizen gebe es derzeit nur 18 Euro für eine Dezitonne. Trotz der Fußball-Weltmeisterschaft und der laufenden Grillsaison erzielten die Bauern derzeit einen Tiefstpreis beim Schweinefleisch: „Gerade einmal 1,40 Euro pro Kilo!“ Der Mäster lege bei jedem Tier zu. „Mit dem Scheufele und der Haxn ist es bald vorbei“, so Felßner. Denn bei solchen Preisen seien die Betriebe schnell am Ende.
Die Marktkrise schätzt der Bauernpräsident als deutlich gefährlicher ein als den Klimawandel. Eine zukunftsfähige Landwirtschaft benötige verlässliche Rahmenbedingungen: weniger Bürokratie, faire Preise, ein starkes EU-Agrarbudget. Auch der Verbraucher hat für die Agrarministerin eine wichtige Rolle: „Mit dem Einkaufskorb kann er jeden Tag entscheiden.“
Zum Start der Erntezeit bitten Kaniber und Felßner die Verkehrsteilnehmer um Verständnis. Jetzt müsse man schon manchmal hinter einem Mähdrescher herfahren. Oder eine Straße ist verdeckt. „Denken Sie daran: Der Bauer fährt ihr Essen durchs Land“, sagte Kaniber. „Winken Sie ihm lieber zu und schicken Sie ihm ein Herz, als ihm den Mittelfinger zu zeigen.“