Produktivität: Was fliesst in die Löhne, was in den Firmengewinn?
Höhere Produktivität Löhne oder Firmengewinne: Wer erhält wie viel vom Kuchen?
Die Schweizer Wirtschaft ist im letzten Jahr produktiver geworden. Wer profitiert davon?
28.08.2026, 13:42
Pro Arbeitsstunde wurde im letzten Jahr mehr produziert als noch 2024 (+2 Prozent). Mögliche Gründe dafür sind neue Technologien, eine grössere Expertise der Belegschaft oder neue Maschinen. Eine höhere Produktivität heisst auch: Es gibt mehr zu verteilen, entweder in Form von höheren Löhnen oder Gewinn für die Firmen und deren Besitzer.
Für den Chefökonom des Gewerkschaftsdachverbands Travail Suisse, Thomas Bauer, ist klar: «Die Arbeitnehmenden profitieren nicht mehr genug von den Produktivitätsgewinnen.» Patrick Chuard, Chefökonom des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, sieht das naturgemäss anders: «Wenn man die Lohnquote anschaut, sieht man, dass die Arbeitnehmenden mehr vom Kuchen erhalten als die Unternehmen.»
Es fliesst mehr Geld in die Löhne als in Gewinne
Rund 60 Prozent der Wirtschaftsleistung fliessen in der Schweiz in die Löhne, der Rest ist Unternehmensgewinn. Diese Lohnquote ist seit Jahren relativ stabil und im internationalen Vergleich ein Spitzenwert.
In der Schweiz seien die tiefen Löhne vergleichsweise gut geschützt, sagt der Gewerkschafter Bauer. In anderen Ländern sei die Lohnquote eingebrochen. «Einen solchen Einbruch konnten wir in der Schweiz bisher verhindern.»
Arbeitgebervertreter Chuard verweist auf das hohe Ausbildungsniveau in der Schweiz, ein grosser Teil der Wirtschaftsleistung basiere auf Wissen: «Deshalb erhalten die Arbeitnehmenden einen grossen Teil der Wertschöpfung.» Soweit sind sich die beiden Chefökonomen einig.
Der Datenstreit um den richtigen Vergleichswert
Weniger einig sind sich Bauer und Chuard, ob die Firmen den Arbeitnehmenden in den letzten Jahren einen genug grossen Anteil ihrer Produktivitätsgewinne weitergegeben haben.
Wird genug der Produktivitätsgewinne an die Löhne weiter gegeben? Arbeitgebervertreter und Gewerkschafter sind sich uneinig.
KEYSTONE/Gaetan Bally (Archivbild)
Gewerkschafter Bauer sagt, die Lohnverhandlungen seien härter geworden: «Bereits um den Teuerungsausgleich muss gestritten werden, die Diskussion um die Beteiligung an den Produktivitätsgewinnen kann praktisch nicht mehr geführt werden.»
Die Löhne hätten real nicht mit den Produktivitätsgewinnen mitgehalten, sagt der Gewerkschafter und verweist auf die Reallohnentwicklung, wie sie das Bundesamt für Statistik im Lohnindex aufweist.
Arbeitgebervertreter Chuard entgegnet, um die Lohnentwicklung mit jener der Produktivitätsgewinne zu vergleichen, müsse man die realen Stundenlöhne verwenden, nicht den Lohnindex. So würden beide Grössen pro Arbeitsstunde gemessen. Beim Lohnindex würden zum Beispiel mehr Ferien bei gleichem Lohn nicht als Lohnerhöhung gerechnet, beim realen Stundenlohn hingegen schon: «Dann sieht man, dass die Produktivität gleich voranschreitet wie der Stundenlohn.»
Der Gewerkschafter Bauer entgegnet, diese Berechnung sei verzerrt. Wenn man die Stundenlöhne mit der Produktivitätsentwicklung vergleiche, müsse man zuerst den Sondereffekt der Pandemie herausrechnen. Dann würde sich mit den Stundenlöhnen ein ähnliches Bild ergeben.
Sondereffekte der Pandemie
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Während der Covid-Pandemie kam es zu verschiedenen Verzerrungen. Zum einen brachen eher Jobs mit tiefem Lohn weg, was den Durchschnittslohn nach oben verzerrte.
Zum anderen gingen wegen der Kurzarbeit die Arbeitsstunden massiv zurück. Zwar sank auch die Wirtschaftsleistung (BIP), aber die Arbeitsstunden sanken wegen Kurzarbeit noch schneller: Rein rechnerisch steigt damit die Produktivität pro geleisteter Stunde steil an. Das bildet jedoch nicht die reale wirtschaftliche Entwicklung ab, sondern ist ein Sondereffekt.
Daten lassen Interpretationsspielraum
Tatsächlich könnten beide Berechnungen korrekt sein, die Zeitreihen zur Produktivität und auch zu den Löhnen unterscheiden sich je nach Datensatz stark. So schreibt es Michael Siegenthaler, Arbeitsmarktökonom der ETH Zürich. Die Daten bieten also Interpretationsspielraum.
Dieser Spielraum wird von den Arbeitgebenden und den Gewerkschaften politisch genutzt, auch in Lohnverhandlungen. Und sie entscheiden letztlich, welchen Anteil die Arbeitnehmenden als Lohn erhalten.