Höhere Zinsen in den USA: Welche Risiken und Zeitbomben nun die Finanzmärkte bedrohen

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Höhere Zinsen in den USA: Welche «Zeitbomben» an den Finanzmärkten nun explodieren könnten

Die hohen Schulden der USA schüren Ängste und treiben die Zinsen in die Höhe. Welche Folgen dies haben könnte – und wieso Frankreich an den Finanzmärkten ein noch grösseres Sorgenkind ist.

30.08.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Viele Anleger blicken mit Sorge auf die hohe Verschuldung Frankreichs.

Viele Anleger blicken mit Sorge auf die hohe Verschuldung Frankreichs.

Gary Hershorn / Corbis / Getty

Der amerikanische Finanzminister Scott Bessent steht in der Kritik. Wall-Street-Legenden wie sein früherer Mentor, der Hedge-Fund-Milliardär Stanley Druckenmiller, haben ihn für die jüngsten Interventionen am amerikanischen Anleihenmarkt gerügt. Die USA sollten «den Bond-Markt sprechen lassen», die Einmischung vergrössere die Gefahr, hatte Druckenmiller am Montag im «Wall Street Journal» geschrieben.

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Damit bezog sich der Finanzmarkt-Veteran auf die Ankündigung des US-Finanzministeriums vom 19. August, die geplanten Rückkäufe von ausstehenden amerikanischen Staatsanleihen mit einer Laufzeit von mehr als zehn Jahren zu verdoppeln. Damit wollte Bessent die Finanzmärkte beruhigen, denn zuvor war die Rendite von dreissigjährigen US-Staatsanleihen auf bis zu 5,34 Prozent und damit den höchsten Stand seit 2007 gestiegen.

Der Warnschuss von US-Finanzminister Bessent

Doch die Interventionen zeigten nur kurzzeitig Wirkung. Zwar sanken die Renditen der US-Staatsbonds kurzzeitig, kletterten aber anschliessend gleich wieder. Schliesslich sind die grundlegenden Probleme der USA nicht einfach verschwunden: zu hohe Ausgaben und zu hohe Schulden. Und der Markt für US-Staatsanleihen hat mit 32 Billionen Dollar ein riesiges Volumen und lässt sich nicht so leicht dauerhaft in eine gewünschte Richtung bewegen.

Thomas Liebi, Marktstratege beim Versicherer Zurich Insurance, bezeichnet die geplante Verdopplung der Rückkäufe von Staatsanleihen durch das US-Finanzministerium als Versuch, die Renditen der Papiere zu deckeln. Aus seiner Sicht könnten die Deckel bei 5,3 Prozent für dreissigjährige und 4,7 Prozent für zehnjährige US-Staatsanleihen liegen. Mit seiner Ankündigung grösserer Rückkäufe habe Bessent also eine Art «Warnschuss» abgegeben, sagt Liebi.

Das ungelöste Schuldenproblem

«Beachtlich ist, dass es sich bereits um die zweite Intervention des US-Finanzministeriums an den Anleihenmärkten innerhalb kurzer Zeit handelt», sagt Christof Reichmuth, Präsident des Verwaltungsrats der Bank Reichmuth. «Dies zeigt eine gewisse Nervosität.» Ende Juli und Anfang August erst hatten Japan und die USA gemeinsam Yen gekauft, um die japanische Währung zu stützen. Das Kalkül der USA dahinter dürfte gewesen sein, Verkäufe von US-Staatsanleihen durch die Bank of Japan zu verhindern.

Marktbeobachter gehen davon aus, dass das ungelöste Schuldenproblem der USA für weiterhin hohe Renditen bei Staatsanleihen sorgen dürfte. Investoren suchen bereits nach «Zeitbomben» an den Kapitalmärkten, die nun durch die höheren Zinsen explodieren könnten. Vor der Finanzkrise 2008 waren dies beispielsweise die sogenannten Subprime-Hypotheken – also Immobilienkredite, die in den USA an Kreditnehmer mit schlechter Bonität vergeben worden waren. In der Euro-Schuldenkrise 2011 rückten die Staatsanleihen von Griechenland und anderen südeuropäischen Ländern in den Fokus der Anleger.

Wo genau, in welchem Marktsegment und ob überhaupt bald die nächste Krise ausbricht, weiss natürlich niemand. Erste Spuren der höheren Zinsen und der Interventionen zeichnen sich aber durchaus ab.

1. Druck auf den Dollar erwartet

Beim Vorgehen des US-Finanzministeriums, die Renditen von Staatsanleihen deckeln zu wollen, handle es sich um eine Form der finanziellen Repression, sagt Liebi. Dies könne unbeabsichtigte Folgen haben, wie beispielsweise verstärkten Druck auf den Dollar. Die deutliche Abschwächung der amerikanischen Währung nach der Ankündigung der grösseren Anleihenrückkäufe könnte hier ein Vorgeschmack gewesen sein.

Bei Investoren entstehe der Eindruck, dass die US-Regierung zwar höhere Staatsanleihenrenditen vermeiden wolle, aber nicht zu mehr Fiskaldisziplin bereit sei, sagt Liebi. Dies könnte Investoren dazu verleiten, die genannten Deckel für die Anleihenrenditen zu testen – was wiederum stärkere Schwankungen im Anleihenmarkt auslösen könnte.

2. Droht eine Korrektur bei Vermögenswerten?

«Die höheren Zinsen haben in allen möglichen Bereichen an den Finanzmärkten ihre Auswirkungen», sagt Reichmuth. Eine generelle Korrektur bei den Vermögenswerten werde wahrscheinlicher.

Als sensibel gelten hier die Aktien von amerikanischen Technologieunternehmen. Die Firmen sind oftmals hoch bewertet, und steigende Zinsen verteuern ihre Investitionen in die Infrastruktur der künstlichen Intelligenz (KI). «Höhere Zinsen sind Sand im Getriebe dieses Investitionszyklus», sagt Liebi. Den KI-Boom sieht er aber weiterhin im Gang. So hat der Chiphersteller Nvidia diese Woche erst starke Wachstumszahlen vorgelegt.

3. Hoch verschuldete Firmen rücken in den Fokus

«Hoch verschuldete Unternehmen haben in einer solchen Situation immer das grösste Risiko», sagt Reichmuth. So könnten die höheren Zinsen beispielsweise Firmen treffen, die sich in der Hand von Finanzinvestoren aus dem Private-Equity-Bereich befinden.
Aus Sicht von Liebi könnte der Anstieg der Zinsen auch negative Folgen für Immobilienunternehmen mit hohen Schulden haben. Auch viele Energiefirmen arbeiteten mit einer höheren Verschuldung. Vor nicht allzu langer Zeit hätten viele Firmen damit gerechnet, dass die Zinsen rasch sänken. «Hier könnten einige nun auf dem falschen Fuss erwischt worden sein», sagt Liebi.

4. Frankreich gerät ins Gerede

Im Zuge der steigenden amerikanischen Zinsen sind auch andere stark verschuldete Länder ins Gerede gekommen. Auffallend oft nennen Investoren hier in letzter Zeit Frankreich. Mit den Renditen der amerikanischen Staatsanleihen sind auch die Renditen französischer Staatsanleihen gestiegen. «Frankreich befindet sich in einer Schuldenfalle», sagt Reichmuth. Das Risiko einer Schuldenkrise in dem Land sei grösser als in den USA, weil Frankreich keine eigene Währung mehr habe.

Für denkbar hält Reichmuth eine Entwicklung wie in Grossbritannien im Herbst 2022. Damals wurden die Zweifel der Finanzmärkte an der Wirtschafts- und Finanzpolitik der damaligen Regierung unter Premierministerin Liz Truss so gross, dass die Renditen britischer Staatsanleihen stark stiegen und der Kurs des Pfunds ins Schwanken kam. Schliesslich musste die Bank of England einschreiten, um die Situation zu beruhigen, und Truss trat zurück. Spitze sich die Situation in Frankreich zu, werde wohl die Europäische Zentralbank einschreiten müssen, sagt Reichmuth. Ein Austritt Frankreichs aus der Euro-Zone sei schliesslich sehr unwahrscheinlich.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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