Honeckers Klinik, Steglitzer Kreisel, DDR-Wohnheim: Berlins teuerste Ruinen
An der Gehrenseestraße in Alt-Hohenschönhausen stehen acht Plattenbauten hinter einem Bauzaun. Sechs Stockwerke, keine Fenster, keine Türen. Durch die Öffnungen sieht man in dem einstigen DDR-Wohnheim offene Treppenhäuser. Im Februar kamen die Bagger. Im März zogen sie wieder ab. Seitdem: nichts.
Ein Baustopp ist das nicht, es ist Stillstand. Abgerissen wurde nur, was einem Schulneubau im Osten des Areals im Weg stand. Für den Rest fehlt das Planungsrecht. Der Bebauungsplan 11-165 steckt in der Behördenbeteiligung, danach folgen öffentliche Auslegung, Beschluss, Bauantrag. Die landeseigene Howoge nennt Oktober 2028 als Baubeginn und September 2032 als Ziel für die Fertigstellung. Dann sollen hier die „Gehrenseehöfe“ stehen: mehr als 1000 Wohnungen, eine Schule, Kitas, Gewerbe.
Bis dahin bleibt die Gehrenseestraße, was sie seit 2003 ist: Berlins größter Lost Place. Ab 1982 wohnten hier Vertragsarbeiter aus Vietnam, Mosambik, Angola und Kuba. Sie arbeiteten im Dreischichtsystem, im Fleischkombinat, bei Stern-Radio, im Kabelwerk Oberspree. Von ihrer Geschichte erzählen heute vor allem die leeren Blöcke.
Hohenschönhausen: Die Häuser sind seit Jahrzehnten ein Lost Place. Jetzt werden sie abgerissen, um Platz für eine Schule und Wohnungen zu schaffen.
© Jörg Carstensen/imago
Viel Plan, wenig Bau
Die Gehrenseestraße ist kein Einzelfall. Wer durch Berlin fährt, sieht sie an vielen Stellen: Gebäude, für die es Pläne gibt, manchmal sehr viele. Aber keine Bagger.
Nicht weit entfernt, an der Ecke Weißenseer Weg und Konrad-Wolf-Straße, verfällt das frühere Sporthotel samt Kongresszentrum des Sportforums Hohenschönhausen. Ende der 1970er-Jahre gebaut, für den Leistungssport des SC Dynamo. Später waren hier Sportlerinnen wie Franziska van Almsick und Claudia Pechstein häufig zu Gast. Heute: eingeschlagene Scheiben, Graffitis, zugemauerte Türen.
Auf der anderen Seite des Weißenseer Wegs wird gerade gebaut. Vor der großen Sporthalle von 1958 wird der Vorplatz erneuert, jede Natursteinplatte erfasst und sortiert. Halle und Außenanlagen stehen unter Denkmalschutz. Auf der einen Straßenseite pflegt Berlin sein Erbe bis zum Bodenbelag. Auf der anderen lässt es einen Komplex verrotten.
Pläne für das Sporthotel gab es schon vor mehr als zehn Jahren. Ein Entwickler warb damals für ein neues Stadtzentrum namens „The Square³“, der Spatenstich war für 2016 angekündigt. Es kam nichts. Inzwischen hat der Investor Laborgh das Areal übernommen und spricht von rund 700 bezahlbaren Wohnungen. Der Senat rechnet nach derzeitigem Planstand mit rund 570. Dazu kommt ein Punkthochhaus mit bis zu 16 Geschossen. Der Bebauungsplan 11-9a steht erst vor der Behördenbeteiligung. Einen Zeitplan nennt die Verwaltung nicht. Der Investor will ab 2027 bauen.
Leer stehendes und verfallenes Gebäude auf dem Gelände des Sportforums Berlin-Hohenschönhausen an der Konrad-Wolf-Straße
© T.Seeliger/imago
Honeckers Klinik: Teuer im Leerstand
Im Norden der Stadt, im Bucher Forst an der Hobrechtsfelder Chaussee, liegt der wohl absurdeste Ort in dieser Reihe. 1976 eröffnete hier das Regierungskrankenhaus der DDR. Behandelt wurden Minister, Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees, Diplomaten. Es gab ein Schwimmbad und einen Atombunker. Ab Mitte der 80er-Jahre stand hier einer von nur zwei Computertomografen der DDR.
Nach der Wende kam die Klinik zum städtischen Klinikum Buch, das 2001 an Helios verkauft wurde. 2007 zog Helios in einen Neubau. Seitdem ist das Haus leer. Eigentümer ist das Land Berlin, verwaltet wird das Areal von der landeseigenen BIM.
Und das Land zahlt. Allein die Bewachung kostete zuletzt rund 25.000 Euro im Monat. Eine Machbarkeitsstudie hat die Optionen durchgerechnet: Sanierung rund 210 Millionen Euro, Teilabriss mit Sanierung rund 182 Millionen, Komplettabriss rund 86 Millionen – den Bunker nicht eingerechnet. Möglich wären laut Studie 627 Wohnungen, allerdings nur nach Totalabriss. Grünen-Politiker im Bezirk warben für ein Rechenzentrum, die Linke für Wohnungen. Im Frühjahr berichtete die B.Z. von einem Bieterverfahren ohne Mindestpreis. Die BIM widersprach: Einen solchen Aufsichtsratsbeschluss gebe es nicht. Bleibt die Frage, die niemand beantwortet. Was ist teurer, der Abriss oder das Warten?
SEZ: Abriss ausgeschrieben, Zukunft offen
Wie schwer sich Berlin mit Entscheidungen tut, zeigt das Sport- und Erholungszentrum an der Landsberger Allee in Friedrichshain. 1981 eröffnet, mit Schwimmhallen, Eisbahn und Sporthallen, seit Jahren leer. Die landeseigene WBM will hier Wohnungen bauen. Im November 2025 begannen erste Abrissarbeiten, ab März 2026 sollte der große Rückbau folgen.
Ende Februar stoppte das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg die Arbeiten aus Gründen des Artenschutzes. Im Sommer prüften Senat und WBM einen Teilerhalt, Ende August zog die WBM ihre Abrissausschreibung zurück. Am Abend nach der Wahl stellte sie eine neue ein: Rückbau des gesamten Komplexes, von März 2027 bis Ende Oktober 2028. Eine politische Entscheidung gibt es nicht.
Berlin-Pankow, Hobrechtsfelder Chaussee: In diesem Areal sollen Wohnungen gebaut werden unter Einbeziehung der Ruine ehemaliges DDR-Regierungskrankenhaus.
© Jürgen Ritter/imago
Weißensee: Das Land holte sich seine Ruine zurück
An der Hansastraße in Weißensee steht ein Baudenkmal von 1911, das erste kommunal geführte Säuglings- und Kinderkrankenhaus Preußens. 1997 wurde es geschlossen, ohne Plan für danach. Später verkaufte das Land an eine Firma, die ein Krebsforschungszentrum versprach und sich zu Investitionen von zehn Millionen Euro verpflichtete. Gebaut wurde nichts. 2015 holte sich Berlin das Gelände zurück.
Die Ruine kostet nach Medienberichten rund 1,1 Millionen Euro im Jahr, für Wachschutz und Notdächer. Eine Oberschule sollte hier entstehen. 2025 wurde der Plan gestrichen: zu teuer. Mindestens 70 Millionen Euro hätte der Typenbau hinter den Klinikgebäuden gekostet. Anderswo ist er günstiger zu haben.
Die Fassade eines Gebäudes auf dem Gelände des ehemaligen Kinderkrankenhauses Weißensee
© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Steglitz: Die Ruine mit 120 Metern
Der Westen hat seine eigene Ruine, und sie ist die höchste. Der Steglitzer Kreisel an der Schloßstraße ist rund 120 Meter hoch, gebaut zwischen 1968 und 1980. Schon damals sprang der Staat mit Millionen ein. Bis Ende 2007 saß im Turm das Bezirksamt, dann zog es aus. Seitdem steht er leer.
Aus dem asbestbelasteten Bürohaus sollte ein Wohnturm werden, rund 330 Eigentumswohnungen. Der Turm wurde entkernt, bis auf das Skelett aus Beton und Stahl. Dann ruhte die Baustelle. Im Januar 2026 forderten Anwälte der Eigentümergesellschaft, einer Tochter der Adler Group, die verbliebenen Käufer auf, von ihren Ansprüchen zurückzutreten. Am 24. August stand der Kreisel erneut vor dem Landgericht. Adler bestätigte dort Gespräche mit möglichen Investoren. Das Land, hieß es, erwarte eine „Quartierslösung“. Was das genau bedeutet, ist offen.
Ein Rückkauf durch das Land ist umstritten. Finanzsenator Stefan Evers (CDU) äußerte sich skeptisch, die SPD-Fraktion im Bezirk sagt seit November 2025 Nein. Im Sockelbau läuft derweil eine Zwischennutzung mit Kultur- und Bewegungsangeboten. Unten Kinderprogramm, oben Rohbau.
Dauerbaustelle Steglitzer Kreisel
© Stefan Zeitz/imago
Die neue Generation: Ruinen, die nie fertig wurden
Neben den alten Ruinen wächst eine neue Sorte heran. Neben dem Alexa am Alexanderplatz sollte der Alexander Tower entstehen, 150 Meter hoch, mit 377 Wohnungen. Das Bezirksamt Mitte genehmigte ihn im März 2018, im November 2019 war Spatenstich. Seit Dezember 2022 ruht die Baustelle. Gebaut sind vier Untergeschosse, mehr nicht.
Der Moskauer Bauherr Monarch erklärt, er könne wegen der EU-Sanktionen gegen Russland kein Geld mehr nach Deutschland bringen. Das Land verlangt inzwischen zehn Millionen Euro Vertragsstrafe, weil ein Baugebot im Kaufvertrag verletzt sei. Monarch weist das zurück, die BIM hat die Zwangsvollstreckung eingeleitet. Ende 2026 läuft die Baugenehmigung aus.
Unweit der Tauentzienstraße ruhen am früheren Hotel Ellington seit mehr als einem Jahr die Arbeiten. Der Investor Vivion hatte den denkmalgeschützten Femina-Palast 2024 aus der Signa-Insolvenz übernommen und will daraus ein Fünf-Sterne-Hotel machen. Der neue Bauantrag liegt seit November 2025 beim Bezirk. An der Jannowitzbrücke ist der Tiefbau für das Büroquartier JAHO seit 2023 fertig. Seitdem läuft die Baugrube immer wieder mit Regenwasser voll.
Lost Places sind das nicht. Noch nicht.
Brachliegende Bauarbeiten am Alexander Capital Tower
© Peter Meiflner/imago
Was die Ruinen verbindet: 120 Jahre Leerstand
Warum kommt Berlin nicht voran? Am fehlenden Willen liegt es kaum. Pläne gibt es fast überall, oft seit Jahrzehnten. Was fehlt, ist der Moment, in dem aus einem Plan eine Entscheidung wird.
Zählt man zusammen, kommen allein diese Ruinen auf rund 120 Jahre Leerstand: Das Kinderkrankenhaus Weißensee ist seit 1997 zu, die Gehrenseestraße seit 2003 leer. Regierungskrankenhaus und Kreisel sind seit 2007 ungenutzt, das Sporthotel seit etwa drei Jahrzehnten.
Am teuersten ist das Warten dort, wo das Land selbst Eigentümer ist. In Buch kostete allein die Bewachung zuletzt rund 300.000 Euro im Jahr, in Weißensee fallen für Wachschutz und Notdächer rund 1,1 Millionen an. Macht zusammen etwa 1,4 Millionen Euro jährlich für zwei Häuser, die niemand nutzt. Ob Buch saniert oder abgerissen wird, entscheidet über eine Spanne von 86 bis 210 Millionen Euro. Entschieden ist nichts.
Dabei ginge es um Wohnraum. Mehr als 1000 Wohnungen an der Gehrenseestraße, 570 bis 700 am Sporthotel, 627 wären möglich in Buch, 330 im Kreisel: zusammen gut 2500. Der Senat selbst rechnet bis 2040 mit einem Bedarf von rund 222.000 neuen Wohnungen.
Das Nadelöhr heißt Bebauungsplan. Das Land nennt 36 Monate als Ziel. Nach einer Studie von Bulwiengesa im Auftrag des Immobilienverbands BFW dauerte ein 2022 festgesetzter B-Plan in Berlin im Schnitt rund zehn Jahre, in Lichtenberg und Pankow gut sieben, in Steglitz-Zehlendorf mehr als zehn. An der Gehrenseestraße lief die erste Behördenbeteiligung im Dezember 2024, die zweite im April 2026. Baubeginn: Oktober 2028.
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