Hoyerswerda 1991: Schulprojekt erinnert an Angriffe auf Vertragsarbeiter und Asylbewerber
AUDIO: Was wissen Jugendliche heute über die Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991? (7 Min)
Vor 35 Jahren
Hoyerswerda 1991: Jugendliche wissen "erschreckend wenig" über Ausschreitungen
Stand: 21.09.2026 13:28 Uhr
Die Stadt Hoyerswerda erinnert an die Geschehnisse vor 35 Jahren, als ein rassistischer Mob dort mehrere Tage Gastarbeiterunterkünfte bedrohte. Die Autorin Grit Lemke aus Hoyerswerda sagte MDR KULTUR, abseits der großen Jubiläen komme das Gedenken an die Ausschreitungen von 1991 aber zu kurz. Jugendliche wüssten "erschreckend" wenig darüber. Um das zu ändern, ist Lemke am Bildungsprojekt "Hoyerswerda 91" beteiligt.
von MDR Kulturdesk
- Gedenkveranstaltungen alleine sind nicht genug, um an die fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda zu erinnern, findet Autorin und Filmemacherin Grit Lemke.
- 75 Prozent der Schüler einer elften Klasse in Hoyerswerda hatten noch nie von den Ausschreitungen gehört.
- Das Projekt "Hoyerswerda '91" will Jugendliche deshalb besser darüber aufklären.
Vor 35 Jahren kam es in Hoyerswerda zu schweren rechtsextremen und fremdenfeindlichen Ausschreitungen. Dabei wurden Brandbomben auf Wohnheime geworfen, in denen Vertragsarbeiter aus Mosambik und Vietnam lebten. Ein Mob aus mehreren hundert Menschen sah zu und applaudierte. Die Stadt gedenkt der Opfer der Ausschreitungen nun – 35 Jahre danach – mit einer Ausstellung im Einkaufszentrum, Filmvorstellungen und einer Gedenkveranstaltung. Aber das allein reicht nicht, findet Autorin und Filmemacherin Grit Lemke.
Außerhalb von diesen Gedenktagen passiert viel zu wenig. Grit Lemke, Autorin und Filmemacherin
Beginn der Randale in der Albert-Schweitzer-Straße in Hoyerswerda am 17. September 1991.
"Mein Eindruck ist, dass dieses Gedenken außerhalb von Jubiläen nicht wirklich präsent ist", sagte sie MDR KULTUR. Es gebe in der Stadt bis jetzt keinen Erinnerungsort, abgesehen von zwei QR-Codes. "Was aber überhaupt nicht funktioniert – was man daran merkt, dass die jüngere Generation wirklich nichts darüber weiß."
Viele Jugendliche in Hoyerswerda wissen nichts über 1991
Das habe sich bei den Pilotveranstaltungen des Projekts "Hoyerswerda '91" in einer 11. Klasse am Lessing-Gymnasium in Hoyerswerda gezeigt: 75 Prozent der Schülerinnen und Schüler hätten nichts über die fremdenfeindlichen und rechtsextremen Ausschreitungen und Angriffe auf Gastarbeiter in ihrer Heimatstadt gewusst: "Das ist schon erschreckend, muss man sagen." Die Fassungslosigkeit sei aber auch bei den Jugendlichen deutlich geworden: "Das ist in unserer Stadt passiert und das ist noch gar nicht lange her. Ähnliche Dinge passieren gerade wieder. Der Schock war groß", so Lemke.
Es hat sich herausgestellt, dass 75 Prozent von ihnen gar nichts oder so gut wie nichts über die Ausschreitungen von 1991 wussten, also auch noch nie davon gehört hatten. Grit Lemke, Autorin und Filmemacherin
Das Projekt "Hoyerswerda '91" will über die rechtsextremen und fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda aufklären.
Dabei sei auch deutlich geworden, dass die Schülerinnen und Schüler generell wenig über die jüngere Geschichte ihrer Stadt wüssten: "Diese ganze Aufbaugeschichte von Hoyerswerda, aber auch die Wendegeschichte, der Rückbau. Diese ganzen historischen Prozesse sind ihnen eigentlich kaum mal erklärt worden." Lemke erklärte, dass die Stadt heute ganz anders aussehe als 1991. Die Hälfte der Bausubstanz von damals sei nicht mehr vorhanden, zwei Drittel der Menschen von damals seien weg und ein Drittel der Einwohner sei heute über 80 Jahre alt.
Der Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit in Hoyerswerda 1991 zeigen sich in den Bildern von Fotograf Gerd Fügert.
Projekt "Hoyerswerda '91" macht Aufklärungs-Angebot an Schulen
Das Projekt "Hoyerwerda '91", initiiert von der Kulturfabrik Hoyerswerda, will nun aufklären. "Wir versuchen, ein größeres Bild zu zeichnen, damit man die Dinge einordnen kann", so Lemke. Neben ihr sind noch der Projektleiter Karsten Held und die Pädagogin Elisa Moczygemba für die Planung mit verantwortlich. Das Unterrichtsmaterial bestehe momentan aus drei Modulen: aus der MDR-Dokumentation "Hoyerswerda '91", Zeitzeugengesprächen und der Beschäftigung mit Grit Lemkes Buch "Die Kinder von Hoy". Zu jedem Modul gebe es Workshops.
Ausschreitungen von Hoyerswerda 1991: Ein Mob belagerte damals die Wohnhäuser von Asylbewerbern und Vertragsarbeitern.
Geplant sei ein viertes Modul mit Fotos von Gerd Flügert, der als Fotograf in den 80er- und 90er-Jahren das gesamte Leben in Hoyerswerda dokumentiert und eine Fotoserie zu den Ausschreitungen gemacht hat. Lemke erklärte, die Module seien flexibel, die Lehrkräfte könnten sich auch nur einzelne daraus wählen. Der Einsatz sei in Deutsch, Ethik, Geschichte und Gemeinschaftskunde der Klassenstufen 10 bis 12 denkbar.
Quelle: MDR KULTUR (Interview von Anett Mautner mit Grit Lemke),
Redaktionelle Bearbeitung: sg
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