Putins Streitkräfte greifen Kiew „aus allen Richtungen“ an – und das Arsenal ist größer als gedacht

Hunderte „Iskander“, „Kalibr“, „Oniks“: Ukrainischer Geheimdienst legt Putins Raketen-Vorräte offen

Stand: 23.08.2026, 21:37 Uhr

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Im Ukraine-Krieg produziert Russland monatlich Hunderte Raketen – und übertrifft eigene Ziele. Ein Experte nennt Putins Strategie „alles oder nichts“.

Moskau – Am Mittwochabend (19. August), in der Nacht zum Donnerstag (20. August) und bis in den Tag hinein überzog Wladimir Putin Kiew und die umliegende Region mit massiven Luftangriffen. Kyiv Independent und CNN zufolge wurden in der ukrainischen Hauptstadt durch die Angriffe mindestens 17 Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt. Zudem seien ein Krankenhaus, eine Schule, eine Kindertagesstätte, Wohngebäude und mehrere Lagerhäuser im Zuge der Angriffe beschädigt worden. Bereits am Freitag (21. August) folgte schon der nächste verheerende russische Angriff auf die Ukraine, wobei es dabei ein Einkaufszentrum in Krywyj Rih – die Heimatstadt Wolodymyr Selenskyjs – treffen sollte. 

Fotomontage einer Frau, die nach der Tötung eines Angehörigen getröstet wird und Wladimir Putins

Im Ukraine-Krieg produziert Russland monatlich Hunderte Raketen – und übertrifft eigene Ziele. Ein Experte nennt Putins Strategie „alles oder nichts“. © Francisco Seco/Mikhail Metzel/dpa/Montage

Freitagabend war zunächst von 15 Toten und 130 Verletzten die Rede, tags darauf wurden die Opferzahlen laut Tagesschau auf 16 korrigiert. Zudem würden mindestens neun Menschen vermisst. International stieß die Zerstörung ziviler Infrastruktur durch Russland auf scharfe Kritik. Der immense Angriff auf Kiew veranlasste einen Experten zum Resümee, Russland gehe aktuell aufs Ganze. Aber hält das russische Raketenarsenal überhaupt Reserven für weitere Angriffswellen jener Art bereit? Der ukrainische Militärgeheimdienst machte nun Daten dazu publik.

Von diesen Geschossen besitzt Russland laut dem ukrainischen Militärgeheimdienst am meisten

Selenskyj führte nach dem Angriff auf Kiew ein Telefongespräch mit UN-Generalsekretär António Guterres, wie er via X mitteilte. „Die Welt muss entsprechend reagieren – indem sie echten Druck auf den Aggressor ausübt. Damit Frieden möglich ist, muss Russland tatsächlich zur Rechenschaft gezogen werden“, fügte Selenskyj dabei hinzu. Die russischen Angriffe auf Krywyj Rih wurden dagegen auch von der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas als „geplanter Terror“ verurteilt, wie der Guardian berichtete. Zudem erklärte Kallas, sie werde bei dem EU-Ministertreffen in Irland im nächsten Monat (3. – 4. September) „die weitreichendsten Sanktionslisten gegen Russland seit Kriegsbeginn vorlegen“*.

Das ukrainische Medium Ukrainska Pravda will unterdessen neue Daten zu den Produktionsraten und Vorkommen ballistischen Kriegsmaterials an sich herangetragen bekommen haben. Stammen sollen diese Daten offenbar vom ukrainischen Militärgeheimdienst. Unabhängig überprüfen lassen sich die Zahlen jedoch nicht. Demnach will das ukrainische Medium erfahren haben, dass es Putins Streitkräften nicht an Raketen mangele.

So seien die Streitkräfte Moskaus in der Lage, monatlich mehr als 200 Marschflugkörper und ballistische Raketen zu produzieren. Die größten russischen Raketenvorkommen bestünden demnach aus Geschossen der Typen „Oniks“ und „Kalibr“. An „Oniks“ soll die russische Armee aktuell etwa 600 besitzen, daneben soll sich die Stückzahl der „Kalibr“-Raketen auf knapp 450 belaufen, wie die Ukrainska Pravda weiter berichtete.

Russland soll im Juli seine geplante Produktion von „Iskander-M“-Systemen übertroffen haben

Aber auch große Bestände an „RM-48U“-Raketen für „S-400“-Luftabwehrsysteme seien Ukrainska Pravda zufolge im Arsenal, die Moskaus Streitkräfte für den Einsatz gegen ukrainische Bodenziele entsprechend angepasst haben. Zu Beginn des Monats (Stand 5. August) verfügte Russland außerdem über rund 130 ballistische Raketen vom Typ „9M723“ für „Iskander-M“-Systeme. Die Bestände werden der Ukrainska Pravda unter Berufung auf Informationen des ukrainischen Militärgeheimdienstes auf etwa 120 „Zircon“-Raketen, 100 „Kh-101“-Raketen und 50 „Kinzhal“-Raketen geschätzt.

In dem Artikel wird darauf hingewiesen, dass der russische Militär-Industrie-Komplex ein monatliches Produktionsziel von 60 9M723-Raketen für „Iskander-M“-Systeme hat. Dieses Ziel wurde jedoch im Juli übertroffen, als 65 Raketen produziert wurden. Im selben Monat produzierte Russland 87 „Kh-101“-Marschflugkörper. Nach Angaben der DIU verfügte Russland im Juli 2026 zudem über rund 50 nordkoreanische ballistische Raketen der Typen „KN-23“, „KN-24“ und „KN-30“. 

Ferner fertigt Russland den Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes zufolge jeden Monat rund 50 RM-48U-Raketen für „S-400“-Systeme. Im Laufe des anhaltenden Kalenderjahres plant Russland die Produktion von mehr als 480 RM-48U-Raketen – mehr als doppelt so viele wie für 2025 vorgesehen.

Warum Russland laut einem ukrainischen Militärexperten aktuell „alles auf eine Karte“ setzt

Bei ihren Angriffen am Donnerstagabend und in der Nacht zum Freitag griffen Putins Streitkräfte das Oblast Kiew mit „Oniks“-, „Zircon“- und „Iskander-M“-Raketen an. Daneben wurden der Ukrainska Pravda zufolge aber auch ballistische Geschosse verwendet, die von S-400-Systemen abgefeuert wurden und sich auf einer ballistischen Flugbahn ihren Zielen näherten. Das Besondere am jüngsten massiven Angriff auf Kiew war, dass die ukrainische Hauptstadt praktisch „aus allen Richtungen angegriffen“ worden sei. Dies resümierte der Luftfahrtexperte und leitende wissenschaftliche Mitarbeiter des Staatlichen Luftfahrtmuseums, Valerij Romanenko, in einem Kommentar gegenüber der unabhängigen ukrainischen Nachrichtenagentur UNIAN.

„Die Russen spüren, dass sie diesen Krieg nicht länger durchhalten können“, so der Luftfahrtexperte weiter. Deshalb würde Putin nun alles auf eine Karte setzen. Es gibt bereits Prognosen, dass die russische Wirtschaft die Fortsetzung des Krieges nicht überstehen wird“, so Romanenko im Wortlaut. Nun stünde das Putin-Regime vor der Wahl: „Alles oder nichts“, so der Luftfahrtexperte weiter. 

Auf ukrainischer Seite bestünde die Aufgabe aktuell darin, die Angriffswellen unter dem Aspekt möglichst großer Schadensbegrenzung zu überstehen. Dann könnte das kommende Jahr, so Romanenko, ein erfolgreiches für Kiew werden. Denn „Europa hilft uns, den Russen hilft niemand“, so der Ukrainer weiter. Und die russische Kriegswirtschaft stehe bekanntermaßen unter Druck, hinzu kommen die Sanktionen gegen Putins Schattenflotte – sie erlauben es europäischen Staaten, die Fracht unter falscher Flagge fahrender, enttarnter Schiffe Russlands zu beschlagnahmen und Handel mit ihnen zu betreiben. (Verwendete Quellen: Kyiv Independent, CNN, Tagesschau, Guardian, Ukrainska Pravda, X) (fh)