„Ich habe Angst vor Arbeit – und es macht die Leute wütend“
Stand: 01.08.2026, 14:02 Uhr
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„Alle meine Festanstellungen waren schlimm“: Ein 32-Jähriger erzählt, wie es ist, unter Ergophobie zu leiden, und was für ihn der einzige Ausweg war.
Frankfurt – Andrew Tchoumak hat sich selbst „Ergophobie“ diagnostiziert, also Angst vor Arbeit. Auf seinem Instagram-Account @sensipreneur spricht der 32-Jährige ganz offen über seine Neurodiversität und seine Probleme mit klassischer Lohnarbeit, die für ihn „immer ein Ort der Ohnmacht“ war. „Ich hatte jeden Tag auf der Arbeit Bauchschmerzen, hatte ständig Verspannungen und Migräneattacken“, sagt er in einem Video, das Ende Juli über 177.000 Aufrufe hat.
„Satire oder Gen Z?“, kommentiert eine Nutzerin unter dem Video. Dieser Kommentar sei auch ihm aufgefallen, erzählt Tchoumak der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Ich habe Angst vor Arbeit, und es macht die Leute wütend – das habe ich nach meinem Instagram-Video gemerkt.“ Lustigerweise hätten viele andere Nutzer auf diese Frage reagiert und ihn verteidigt. Zum Beispiel mit der Frage, was bitte dieser „unterqualifizierte Boomer-Kommentar“ soll. Oder mit dem Tipp, „es mal mit Einfühlungsvermögen, oder wenn das nicht geht, mit Respekt“ zu versuchen.
Angst vor Arbeit: „Viele kennen diese Sunday-Scaries“
Tchoumak ist offenbar nicht der Einzige, der Angst vor Arbeit hat. „Ich fühle mich ganz genauso!“, kommentiert eine Person mit ADS sein Instagram-Reel. „Wie gut es tut, dieses Video angezeigt zu bekommen, denn es ist einfach mein Thema seit Jahren“, schreibt eine weitere. „Ich hatte schon in der Schule solche Angst. Dachte, das wäre normal“, heißt es von einer Person. „Ich bin erschrocken darüber, wie vielen Leuten es hier so geht“, kommentiert eine weitere.
„Die meiste Zeit meines Lebens dachte ich, dass ich selbst das Problem bin“, sagt Tchoumak der Frankfurter Rundschau. „Niemand spricht offen darüber, dass Arbeit Angst machen kann.“ Dass unter seinem Video so viele Menschen geschrieben haben, dass es ihnen genauso gehe, findet er krass. „Viele kennen diese Sunday-Scaries und haben sonntags Angst davor, am Montag wieder zur Arbeit zu gehen. Ich hatte das schon immer. Bereits in der Schule hat das angefangen.“

Seine Videospielsucht als Schüler erklärt er sich heute mit seiner Ergophobie. „Videospielen war für mich pure Realitätsflucht. Ich habe das voll gebraucht, um überhaupt zu überleben“, sagt er. Sein Abitur brach er damals ab, eine Ausbildung zum Fachinformatiker auch. „Alle meine Festanstellungen waren schlimm“, sagt er. Er sei immer „zwischen Burn-out und Bore-out gependelt“. Am schlimmsten sei es unter Führungskräften gewesen, die extreme Kontrolle ausgeübt hätten. Da habe er Panikattacken gehabt.
„Ich habe in meinem Leben Diagnosen gesammelt wie Pfadfinderorden: ADHS, komplexe posttraumatische Belastungsstörung, Depressionen, Angststörung und Sozialphobie“, erzählt Tchoumak. Auf den Begriff Ergophobie sei er selbst gestoßen. „Das beschreibt so gut, wie ich mich fühle.“ Auch wenn sich seine Angst nicht auf das Arbeiten an sich beziehe. Denn das mache er heute manchmal 80 Stunden in der Woche, weil er sich vor dreieinhalb Jahren in Vollzeit als Hochsensibilitäts-Coach selbstständig gemacht habe. Der 32-Jährige hilft anderen hochsensiblen und neurodivergenten Menschen, die sich im normalen Arbeitskontext „komplett ohnmächtig“ fühlen. „Sie müssen wie ich konstant maskieren und Unmengen an Energie aufwenden, um überhaupt durch den Tag zu kommen.“
Angst vor Arbeit: Was hinter Ergophobie steckt und wen es besonders oft betrifft
„Ergophobie ist keine eigene Krankheit, sondern eher eine Folgeerscheinung von Dauerstress, ausgelöst durch die Angst, auf der Arbeit nicht richtig zu performen“, sagt die Psychotherapeutin Astrid Neuy-Lobkowicz der Frankfurter Rundschau. Dieser Stress könne dann zu psychosomatischen Problemen führen – zum Beispiel zu Magenschmerzen oder Verspannungen. „Manchmal tritt chronische Erschöpfung auf, weil der Arbeitsplatz so anstrengend ist. Manche Betroffene entwickeln eine richtige Aversion – können und wollen gar nicht mehr zur Arbeit gehen.“
Neuy-Lobkowicz ist Expertin für ADHS bei Erwachsenen und weiß, warum Ergophobie besonders oft bei neurodivergenten Menschen auftritt: „Wenn ADHS oder Autismus unbehandelt sind, sind die Betroffenen viel öfter mit Versagen, Misserfolgen und Ablehnung konfrontiert. Dadurch entwickeln sie solche Ängste häufiger“, sagt sie. Aufgrund ihrer Neurodiversität würden diese Menschen Dinge oft anders handhaben, nur auf den letzten Drücker erledigen oder seien öfter desorganisiert.
Sie könnten sich schwerer in Hierarchien eingliedern, reagierten schnell heftig und seien schneller gekränkt und verletzt. Das hat Folgen. „Neurodiverse Menschen haben ein doppelt so hohes Risiko, gekündigt zu werden“, sagt die Psychotherapeutin. Oft stellten sie selbst fest, dass sie etwas auf der Arbeit einschränkt. „Das alles schafft eine diffuse Angst, die auf Dauer immer größer wird.“
Psychotherapeutin nennt Warnzeichen für Ergophobie
Doch nicht nur neurodiverse und hochsensible Menschen seien von der Angst vor Arbeit betroffen. „Es reicht manchmal auch ein narzisstischer Chef, der jeden Tag eine abfällige Bemerkung macht, oder ein Team, in dem es wenig Anerkennung und Wertschätzung gibt“, sagt die mehrfache AD(H)S-Buchautorin. „Dann kann auch ein neurotypischer, eigentlich gesunder Mensch mit der Zeit eine Ergophobie entwickeln.“ Ein Warnzeichen könne sein, wenn es einer Person immer schlecht gehe, sobald sie an die Arbeit denke. Dann müsse sich die Person folgende Fragen stellen:
- Wie ist mein soziales Umfeld?
- Bekomme ich genug Anerkennung und Wertschätzung?
- Wie geht mein Chef oder meine Chefin mit mir um?
- Interessiert mich meine Arbeit überhaupt?
- Arbeite ich in einer Umgebung, die mich stresst, zum Beispiel im Großraumbüro?
- Arbeite ich unter hohem Druck oder mit unklaren Anweisungen?
Wer viele dieser Fragen unzufriedenstellend beantworte, müsse sich mit dem Gedanken beschäftigen, die Arbeitsstelle zu wechseln. Danach gehe es den meisten Menschen besser. „Ergophobie kann ein wichtiger Leidensdruck sein, der nötig ist, um etwas zu ändern“, sagt Neuy-Lobkowicz. Wer aber immer wieder den Job wechsle und dieselben Probleme habe, müsse sich vielleicht fragen, ob es an ihm oder ihr liege, und sich gegebenenfalls eher um das eigene ADHS oder andere Ursachen kümmern.
„Dienst nach Vorschrift macht Menschen mit Ergophobie Angst“
Tchoumaks Weg aus der negativen Job-Spirale war seine Selbstständigkeit. „Für neurodivergente Menschen ist Social Media eine riesige Chance, weil sie ihr Spezialinteresse zum Beruf machen können“, sagt er der Frankfurter Rundschau. Für Arbeitnehmende in Unternehmen brauche es mehr Selbstwirksamkeit, sagt der 32-Jährige. Die meisten Menschen würden arbeiten und Wertschätzung dafür erfahren wollen – auch hochsensible Menschen.
Selbstwirksamkeit sei ein hohes Gut, aber in manchen Berufen einfach schwerer erreichbar. „Ich glaube, wir haben mittlerweile einen sehr hohen Anspruch, dass ein Beruf immer Spaß machen muss. Das ist nicht immer realistisch. Jeder von uns hat Tätigkeiten, die keinen Spaß machen. Wichtig ist, dass wir lernen, damit auf eine gesunde Art umzugehen.“ (Quellen: eigene Recherche, Instagram)