Darmkrebs im Stadium 4: Berlinerin über ihre Diagnose – „kann nicht mehr träumen“
KI-Stimme. Info
- Hatun Ceylan lebt nach ihrer Darmkrebsdiagnose im Stadium 4 mit Metastasen am Bauchfell
- Auch nach einer schweren Operation und Chemotherapie bleibt die Angst vor einem Rückfall bestehen
- Die 51-Jährige erzählt, wie sich ihr Leben verändert hat und was ihr Hoffnung gibt
„Heute ist mein Jahrestag“, sagt Hatun Ceylan fast schon beiläufig bei einem Besuch bei ihr zu Hause. Genau vor einem Jahr hat die 51‑Jährige eine Diagnose bekommen, die ihr Leben für immer in zwei Hälften teilen wird. So sagt sie es selbst. Ein Leben vor der Diagnose und ein Leben danach. „Ich vermisse mein altes Ich. Ich habe meine Leichtigkeit verloren.“ Ceylan hatte einen bösartigen Tumor am Dickdarm. Kurz: Darmkrebs.

Nach anfänglicher Freude, dass der Tumor noch nicht gestreut hat, folgte die Gewissheit. Die Berlinerin hat Krebs im Stadium 4, der Primärtumor hat bereits Metastasen im Bauchfell gebildet. „Mein Körper ist eine tickende Zeitbombe“, sagt Ceylan und wischt sich mit ihren Händen die Augen trocken. Auch wenn der Krebs ihr die Leichtigkeit und Planungssicherheit genommen hat, bleibt die Familienmutter stark. Hoffnung gibt ihr auch ihre behandelnde Ärztin, eine Spezialistin an der Charité Berlin.
Dickdarmkrebs: Diagnose nach Operation bringt Gewissheit
Nach einem Verkehrsunfall 2024 habe es immer wieder Phasen gegeben, in denen Ceylan krank war. Mal sei es ein Abszess im Rachenraum gewesen, dann plötzliche Schwindelanfälle. „Ich hatte zwei oder drei Wochen die eine Erkrankung und danach wieder die nächste.“ Untersuchungen ergaben Diabetes und erhöhte Leberwerte. Nach plötzlich auftretenden Bauchschmerzen kommen Übelkeit, Erbrechen und Durchfall hinzu. „Diese Schmerzen waren wie Wehen. Die kamen, hatten einen Höhepunkt und dann haben sie wieder abgelassen“, erklärt Ceylan.
Als das Erbrochene plötzlich schaumig und bräunlich war, wusste die mittlerweile berentete Krankenschwester, dass etwas nicht stimmte. Nach einem CT und einer Ultraschalluntersuchung wurde die Berlinerin stationär im Krankenhaus aufgenommen. Es folgte eine Operation am Bauch – und eine Diagnose: Dickdarmkrebs. Der Tumor wurde operativ entfernt. Laut pathologischem Befund soll der Tumor nicht gestreut haben. „Super, dachte ich. Jetzt noch eine Chemotherapie und wir bekommen das hin“, waren Ceylans Gedanken. Sie sei schon immer eine starke Frau gewesen.
Krebs-Stadium 4: Bauchfellbefall wird erst später entdeckt
Dann aber die Wendung. Die OP-Naht platzt auf, Ceylan muss erneut ins Krankenhaus. „Dieser Platzbauch war mein Glück“, sagt sie heute bestimmt. Wäre ihre Narbe am Bauch nicht plötzlich aufgegangen und ihr pathologischer Befund nicht nochmals überprüft worden, wäre vielleicht gar nicht aufgefallen, dass der Darmkrebs doch gestreut hat. Nach einer Korrektur lautet die Diagnose plötzlich: Dickdarmkrebs mit Bauchfellbefall, Stadium 4. Die Behandlung erfolgt mit Chemotherapie und Antikörpertherapie.
Die Charité – Universitätsmedizin bietet viermal im Jahr öffentliche Sonntagsvorlesungen an. Dort können sich alle Interessierten seriös und wissenschaftlich fundiert über wichtige medizinische Themen informieren. Die Berliner Morgenpost, Teil der FUNKE-Mediengruppe, begleitet die Veranstaltungsreihe in einer Kooperation mit der Charité redaktionell und berichtet ausführlich über das jeweilige Thema. Bei der nächsten Sonntagsvorlesung am 13. September um 14 Uhr mit Priv.-Doz. Dr. med. Şafak Gül und Lava Truckenmüller geht es um Bauchfellkrebs und wie hoch die Anforderungen bei der Behandlung an das gesamte Operationsteam sind. Die Veranstaltung wird zudem aufgezeichnet und kann im Anschluss über die Webseite der Charité oder YouTube nachgehört werden.
(Zur Sonntagsvorlesung: Hörsaal Innere Medizin, Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1, Geländeadresse: Sauerbruchweg 2, Eintritt frei.)
Der Krankheitsverlauf von Ceylan ist typisch für Bauchfellkrebs. Dieser sei letztendlich aber nur ein Überbegriff – dahinter versteckten sich verschiedene Krebsarten im Bauchraum, die letztlich in das umliegende Bauchfell streuen, sagt Dr. Şafak Gül. Die Oberärztin leitet das Referenzzentrum für bösartige Tumore im Bauchfell am Universitätsklinikum Charité Berlin. Als Spezialistin behandelt sie auch Hatun Ceylan. Ziel der Behandlung an der Charité sei es immer, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern und ihre Lebenserwartung zu verlängern, erklärt Gül. Genaue Prognosen äußert sie nicht.

Dr. Şafak Gül, Bereichsleitung für die Chirurgie der bösartigen Erkrankungen des Bauchfells an der Charité Berlin. © FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen
Charité-Referenzzentrum prüft Chancen auf Operation nach Tumorkonferenz
Es sei großes Glück im Unglück gewesen, als Patientin schließlich an die Charité zu kommen, sagt Ceylan. Als im Mai dieses Jahres trotz unauffälliger MRT-Kontrollen wieder plötzliche Magenschmerzen einsetzten und man ihr im Krankenhaus Gül empfiehlt, schreibt sie eine E‑Mail. „Ich habe am selben Abend noch eine Antwort von ihr erhalten. Sie hat geschrieben, dass sie nicht nur das sieht, was ich schreibe, sondern auch die Emotionen und die Tragik dahinter. Können Sie sich das vorstellen?“
Diese Schmerzen waren wie Wehen. Die kamen, hatten einen Höhepunkt und dann haben sie wieder abgelassen
Hatun Ceylan
Im Referenzzentrum wird der Fall ausführlich in einer Tumorkonferenz besprochen. Wie gut die Aussichten auf eine Operation sind, habe Gül nicht sofort sagen können, sagt Ceylan. Das sei erst nach einer Bauchspiegelung möglich, hieß es, weil erst dann das Ausmaß der Krankheit sichtbar sei.
„Und dann gibt es drei Möglichkeiten. Entweder sie operiert nicht, weil die Chancen zu schlecht sind, oder keine Operation nötig ist. Oder sie operiert, weil es möglich ist, die Metastasen zu entfernen“, sagt Ceylan. Sie selbst wurde vor wenigen Wochen operiert – direkt im Anschluss an die Bauchspiegelung. „Mir wurden die Eierstöcke, Eileiter, Galle und das Bauchfell entfernt“, zählt sie auf. Der gesamte Bauchraum wird auf Metastasen abgesucht, erklärte Gül in einem Interview. Es sei technisch sehr herausfordernd. Mehrere Stunden dauert eine solche Operation. Sind alle Bauchfellmetastasen entfernt, erfolgt bei ausgewählten Patienten eine lokale Chemotherapie, so Gül. Der Bauchraum wird mit einer erhitzten Flüssigkeit einmal durchgespült. So auch bei Hatun Ceylan. Eine so spezialisierte Behandlung von Bauchfellkrebs wie an der Charité ist selten.

Hatun Ceylan kämpft auch nach erfolgreicher Operation gegen ihre Krebserkrankung mit Bauchfellbefall. © FUNKE Foto Services | Reto Klar
Behandlung gibt Hoffnung – aber die Ungewissheit bleibt
Bei niemand anderem hätte sie sich bisher so gut aufgehoben gefühlt wie bei Gül und ihrem Team, sagt Ceylan. „Ich finde keine passenden Worte, um sie zu loben, aber sie nimmt mir die Angst und macht mir Hoffnung.“ Erst vor wenigen Tagen habe sie der Spezialistin ihren weiteren Behandlungsplan geschickt. Wieder habe es Zuspruch gegeben. Chirurgisch gesehen sind alle Bauchfellmetastasen entfernt. Eine weitere Chemotherapie in Tablettenform läuft bereits. Und trotz bester medizinischer Behandlung, trotz der liebevollen Unterstützung ihres Ehemanns und ihrer Familie, trotz ihrer eigenen Stärke und ihrem eigenen Willen – trotz allem ist da eben diese Ungewissheit.
Ceylan muss weiter unter ärztlicher Kontrolle bleiben. „Was diese winzigen Krebszellen im Blut, die man in der OP nicht gesehen hat, jetzt noch anrichten, weiß ich nicht“, sagt sie. Auch wenn ihre Therapie den Sinn hat, genau diese Zellen schneller zu erkennen und zu vernichten. Ihre nahe Zukunft, alles, was in den nächsten Wochen stattfindet, kann Ceylan mittlerweile wieder planen. Bei allem anderen blockiere ihr Gehirn. „Früher war der Tod sehr weit weg. Heute ist er ständig präsent. Ich kann nicht mehr träumen“, sagt sie. Erlebnisse in weiterer Zukunft könne sie nicht mehr visualisieren. Ihre Stärke und ihr Durchhaltevermögen behält sie dennoch.