"Ich schäme mich": Situation in der CDU spitzt sich zu

Noch-Ministerpräsident Sven Schulze blickt im Landtag von Magdeburg in die Kamera.

AUDIO: CDU Sachsen-Anhalt steht vor möglicher Spaltung (3 Min)

Nach erster Landtagssitzung

Stand: 08.10.2026 21:43 Uhr

Mit Skepsis beobachtet die CDU-Basis, was im Magdeburger Landtag aktuell passiert. Seit der Landtagswahl stehen die Christdemokraten vor der Zerreißprobe. Und in der Fraktion verschärft sich die Lage immer mehr.

von Engin Haupt, Lars Frohmüller, MDR SACHSEN-ANHALT

Am Dienstag wurde deutlich, dass Absprachen innerhalb der CDU-Fraktion keinen Bestand haben. Noch am Tag zuvor hatte der neue Fraktionschef und Noch-Ministerpräsident Sven Schulze öffentlich erklärt, seine Fraktion werde sich bei der Wahl eines Landtagspräsidenten enthalten. 14 Christdemokraten waren bei der konstituierenden Sitzung anwesend. Es gab allerdings nur fünf Enthaltungen.

Noch dazu wurde der AfD-Mann Tobias Rausch mit vier Stimmen mehr zum neuen Landtagspräsidenten gewählt, als AfD und BSW gemeinsam überhaupt Abgeordnete haben. Der Verdacht: Die zusätzlichen Stimmen könnten aus der CDU-Fraktion stammen.

Eine Frau wirft ihren Stimmzettel in eine Wahlurne

Spekulationen über Stimmen für AfD

Als wäre das nicht genug, tauchten auch bei der Wahl von Hans-Thomas Tillschneider zum neuen Vizepräsidenten des Parlaments plötzlich fünf Stimmen mehr auf als zuvor angekündigt. Tillschneider gilt als einer der radikalsten AfD-Vertreter. Und das BSW, das Rausch nach eigener Aussage noch seine Zustimmung gegeben hatte, beteuerte anschließend, Tillschneider nicht gewählt zu haben.

Auch hier steht die Vermutung im Raum, dass die fünf Extrastimmen aus der CDU-Fraktion gekommen sein könnten – auch wenn Schulze das dementierte. An der CDU-Basis sorgt sich Eric Wilke aus dem Kreisverband Salzwedel um die Glaubwürdigkeit der Partei: "Ich habe ein Problem damit, wenn es nach außen heißt, 14 Abgeordnete waren da und alle wollen sich enthalten, wir aber bloß fünf Enthaltungsstimmen haben."

Die CDU gibt öffentlich ein zerrissenes Bild ab. Der Abgeordnete Marco Tullner, einst Bildungsminister, drohte kürzlich gar mit seinem Austritt aus der Fraktion, wenn sich nichts ändere.

Sven Schulze (CDU), nimmt an der konstituierenden Landtagssitzung in Sachsen-Anhalt teil, bei der der Landtag von Sachsen-Anhalt zum ersten Mal seit den Landtagswahlen zusammentritt.

Konflikte um Sven Schulze

In der ersten Sitzung der neuen Fraktion kurz nach der Landtagswahl waren die Risse bereits zutage getreten. Da hatte sich Schulze in einer Kampfabstimmung um den Fraktionsvorsitz denkbar knapp mit acht zu sieben Stimmen gegen Guido Heuer durchgesetzt. Heuer hatte das Amt zuletzt inne.

Angesichts dieser Ereignisse hat Wilke das Gefühl, es brauche einen Neuanfang. Der Landwirt und CDU-Kommunalpolitiker aus Gardelegen erinnert sich noch an eine andere Zeit. "Bei uns in der Region war es so, wer Landwirt lernt oder Jäger ist, der geht automatisch mit in die CDU", erzählt er im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT am Donnerstag.

Falsche Themen im Wahlkampf

Aktuell verändere sich die Partei. "Wir kannten die CDU ja immer nur als Regierungspartei", erklärt Wilke. Man habe dabei vergessen, dass sich die Bevölkerung und Deutschland weiterentwickelten. "Wir sind auf dem Stand vor 30 Jahren geblieben. Das rächt sich jetzt."

Der CDU-Politiker Eric Wilke aus dem Kreisverband Salzwedel.
Wir kannten die CDU ja immer nur als Regierungspartei. [...] Wir sind auf dem Stand vor 30 Jahren geblieben. Das rächt sich jetzt. Eric Wilke, CDU-Politiker aus Gardelegen

Im Wahlkampf sei dann auch noch auf die falschen Themen gesetzt worden. Wilke nennt ein Beispiel: "Wir unterhalten uns immer nur über das eine Thema Migration und vergessen komplett, dass wir hier Schlusslicht in der Bildung sind." Auch dass auf der CDU-Landesliste nur zwei Frauen auf den vorderen Plätzen standen für die Wahl, obwohl die Hälfte der Bevölkerung weiblich ist, stößt ihm bitter auf.

Sepp Müller von der CDU

Geteilte Meinungen zu Schulze

Ähnlich sieht es Benno Schigulski aus Aschersleben. Er ist seit 1998 in der CDU, wollte damals etwas verändern. Er macht nicht den Wahlkampf, sondern die Gesamtsituation verantwortlich. Es gebe eine Blase in den sozialen Netzwerken, die das Land in den letzten Jahren schlechtgeredet habe. "Auf eine Art und Weise, dass man dagegen gar keine Argumente mehr finden konnte", erklärt Schigulski.

Der CDU-Politiker Benno Schigulski aus Aschersleben.

Der CDU-Politiker Benno Schigulski aus Aschersleben sieht Sven Schulze als richtigen Mann für den Job des Fraktionsvorsitzenden.

Er befürwortet auch, dass Schulze sich zum Fraktionsvorsitzenden wählen ließ. "Für mich ist er derjenige, der als Oppositionsführer im Landtag Ulrich Siegmund auch verbal Paroli bieten kann." Anders bewertet das Wilke: "Ich hätte erwartet, dass er nach der Wahlniederlage abends sagt: Ich gebe mein Landtagsmandat zurück, ich mache nur geschäftsführend Ministerpräsident und trete dann drei Schritt zurück."

Wilke: "Ich schäme mich"

Wilke macht deutlich: "Ich habe gedacht, nach dem Wahlergebnis ist Demut das wichtigste Wort." Doch daran halte man sich nicht. Er habe nicht erwartet, dass man gleich so weitermache, wie man aufgehört habe. "Also ich schäme mich zurzeit."

An der Parteibasis erwartet man, dass die zerstrittene CDU wieder zu einer gemeinsamen Linie findet und mit einer Stimme spricht. Die Hoffnung ruht nun auf dem Parteitag im Dezember. Dann soll ein neuer Landesvorstand gewählt werden. Der bisherige Landesvorsitzende Sven Schulze hat bereits angekündigt, dass er nicht noch mal antreten werde.

MDR (Engin Haupt, Lars Frohmüller, Dennis Blatt)