„Ich werde nicht aufgeben“: Um sie tobt der Ukraine-Krieg – doch Tetyana bleibt

Von Jan Jessen, Politikredakteur07.08.2026, 18:01 Uhr

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Tetyana Stramnova steht vor dem Gatter, in dem ihre Ziegen blöken und meckern, weil die Kinder wieder mal bei ihnen sind. Sie lächelt, aber es ist ein wehmütiges Lächeln. „Ich bereite gerade ein Schreiben an die Behörden vor, weil ich die Hälfte von ihnen schlachten muss.“ Tetyana, 48, sieht ihren Traum in Scherben zerfallen. Der Krieg bedroht alles, was sie sich aufgebaut hat.

Muzykivka im Süden der Ukraine ist ein Dorf auf dem Land, nicht weit entfernt von Cherson. Kleine Bauernkaten, Feldwege, Äcker. Ab und an grummelt in der Ferne Geschützdonner, aber das ist es nicht, was Tetyana Stramnova derzeit mit Sorge erfüllt.

Als die russische Invasion im Februar 2022 über die Ukraine hereinbricht, fliehen viele Frauen mit ihren Kindern ins Ausland. Andere bleiben. Der Krieg prägt ihren Alltag und hat ihre Lebenswirklichkeit dramatisch verändert. Nichts ist mehr wie vorher. Sieben Frauen erzählen in unserer Serie, was der Krieg mit ihnen gemacht hat – und wie sie die Rolle von Frauen sehen.

Auf ihrem Hof wachsen große Bäume, die das Haupthaus beschatten. Sie lebt seit beinahe zehn Jahren hier, zusammen mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann Roman. Aber Roman ist im März eingezogen worden, obwohl ihre beiden Kinder, der schlaksige Iwan, 15, und Ira, 18, geistig behindert sind und besondere Zuwendung brauchen. „Ich kann nicht mehr“, sagt sie.

Der Krieg zerstört, was Tetyana aufgebaut hat

Ihr Schicksal ist eines, das von dem Krieg bestimmt wird, der die Ukraine schon lange vor der russischen Groß-Invasion im Jahr 2022 heimgesucht hat. Vor über zwanzig Jahren zieht sie mit Roman aus Cherson in die ostukrainische Region Donezk. „Mein erster Mann hat mich misshandelt. Roman hat mir geholfen, aus der Beziehung herauszukommen.“ In Donezk bauen die beiden eine Geflügelfarm auf. „Eigentlich bin ich Designerin. Irgendwas hat mich in die Landwirtschaft gezogen.“

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Das Dorf, in dem sie damals leben, fällt aber nach dem Aufstand prorussischer Separatisten im Jahr 2014 unter russische Kontrolle. Sie halten es dort nicht aus, ziehen wieder zurück in die alte Heimat. Doch in Muzykivka ist der Geflügel-Markt übersättigt. Also schafft Tetyana Ziegen an, gegen den Willen ihres Mannes. „Als ich ihm das erzählt habe, ist er in den Stall gegangen. Ich habe gedacht, er tötet die Tiere. Als ich nachgeschaut habe, saß er auf dem Boden und hat mit den Ziegen gespielt.“

Die Ziegenfarm wächst mit den Jahren. Tetyana stellt in einem Container Käse her. Sie nennt ihr kleines Unternehmen Amalthea, nach einer der ersten Ziegen. Sie verkauft ihren Parmesan und Gouda vor Ort und im Internet, macht Kurse. Im Container hängen etliche Zertifikate, auch aus Italien und der Schweiz. Der Hof wird zu einem Ausflugsziel, Touristen kommen mit ihren Kindern vorbei.

Starke Frauen - Ziegenwirtin Tetyana

Tatyana Stramnova mit ihren Ziegen: Mit ihrer Farm hat sie sich einen Lebenstraum erfüllt.© FUNKE Foto Services | André Hirtz

Die Eltern der Förderschule, auf der Tetyanas Kinder sind, merken, dass Iwan und Ira sehr ausgeglichen sind. „Sie haben mich gefragt, ob ihre Kinder hierherkommen dürfen. Danach ist der Hof zu einer Art Therapie-Ort geworden.“ Sie zeigt auf ihrem Telefon Bilder, darauf sind Männer und Frauen im Lotus-Sitz zu sehen, die mit Kamerun-Ziegen schmusen. „Wir haben hier Yoga-Kurse angeboten.“

Nach fünf guten Jahren besetzen russische Streitkräfte die Region

Sie erlebt fünf gute Jahre. Dann kommt der Krieg nach Cherson. Die russischen Streitkräfte besetzen große Teile der Region, auch Muzykivka. „Wenn die Russen ins Dorf gekommen sind, haben wir uns mit den Tieren in die Scheune gesetzt, damit sie ruhig sind. Sonst hätten sie sie mitgenommen.“ Die Zeit der Besatzung ist stressig. „Ständig waren Explosionen zu hören, ich musste den Tieren die Hörner abnehmen, weil sie sich gegenseitig attackiert haben.“

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Ende 2022 endet die Besatzung. „Wir waren sehr enthusiastisch und haben gedacht, jetzt können wir wieder neu anfangen.“ Aber die Russen setzen sich auf der anderen Seite des Flusses Dnipro fest, der durch die Region fließt. Die Kunden und Touristen aus der Regionalhauptstadt bleiben aus, der Strom fällt immer wieder aus, die Käseproduktion ist nicht mehr möglich. „Ich habe vergeblich versucht, an einen Kredit für eine Solaranlage zu kommen. Als ich meine Verwandten um Hilfe gebeten habe, haben sie nicht mehr mit mir gesprochen. Sie wollten, dass ich einen regulären Job annehme.“

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Das Unternehmen wird zu einem Zuschussgeschäft, das Tetyana und Roman nur aufrechterhalten können, weil Roman in einer nahen Fabrik arbeitet. Im März wird ihr Mann eingezogen. „Er hat zweimal eine Verlängerung der Ausnahmegenehmigung bekommen – wegen den Kindern. Dann haben sie die Regeln geändert.“ Jetzt ist Tetyana allein mit den Ziegen, mit den Kindern, mit dem Druck. Sie schluckt, räuspert sich. „Ich kann mich bei niemandem ausweinen.“ Sie kann das Futter für die Ziegen nicht mehr zahlen. Bald wird sie die Hälfte der Tiere schlachten müssen. Sie fängt an zu weinen: „Die Situation ist nicht gut. Gar nicht gut.“ Dann überlegt sie. „Trotz allem: Der Krieg hat mich stärker gemacht. Ich mache Dinge, die Männer gemacht haben. Ich werde nicht aufgeben.“