Icon League mit Toni Kroos, Oberliga mit Oma: BSV-Rehden-Trainer Majid Cirousse im Interview

Stand: 08.08.2026, 06:00 Uhr

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Klartext vor den Fußballgrößen: Majid Cirousse (M.) coachte unter anderem Toni Kroos (l.) und Marcelo (r.) in der Icon League. „Aber es wäre ja vermessen, wenn ich den beiden auch nur irgendetwas Inhaltliches hätte sagen wollen“, räumt der jetzige Rehdener Trainer ein

Klartext vor den Fußballgrößen: Majid Cirousse (M.) coachte unter anderem Toni Kroos (l.) und Marcelo (r.) in der Icon League. „Aber es wäre ja vermessen, wenn ich den beiden auch nur irgendetwas Inhaltliches hätte sagen wollen“, räumt der jetzige Rehdener Trainer ein © Schwan

Majid Cirousse trainiert den Oberligisten BSV Rehden – und nebenbei Stars wie Toni Kroos und Marcelo in der Icon League. Bei seinen Spielen sitzen Mama und Oma auf der Tribüne.

Rehden – Bedröppelt blickt Majid Cirousse auf die Uhr. „Drei Minuten zu spät“, entschuldigt sich der Trainer des BSV Rehden. Aber was sind schon drei Minuten Wartezeit auf ein Interview bei diesem Tagespensum? Der 42-jährige Jurist bringt seine leitende Funktion bei einem Hannoveraner Versicherer, die eigene Wirtschaftskanzlei, seinen Lehrauftrag an der Uni und den Nebenjob in der Chefetage des VfL Osnabrück unter einen Hut.

Zudem betreut er gelegentlich noch kickende Künstler im Millionen-Geschäft der Icon League. Wie blieb da noch Zeit für die heikle Aufgabe als BSV-Interimscoach im Abstiegskampf? Und warum hängt Cirousse nach der Rettung des Oberligisten noch (mindestens) ein Jahr bei den Schwarz-Weißen dran? Der Vater dreier Kinder nennt seine Motivation – und lässt durchblicken, dass er so viel wie möglich von dem beibehalten will, was ihm bisher Spaß bereitet hat.

Redebedarf: An der Seitenlinie wird der sonst eher aufgeräumt wirkende Cirousse schon mal emotional.

Redebedarf: An der Seitenlinie wird der sonst eher aufgeräumt wirkende Cirousse schon mal emotional. © Krüger

Am 22. April, als der BSV Rehden Sie als neuen Trainer präsentierte, bekamen Sie eine Nachricht von Marcos Alvarez. Der Offensivmann des TuS Bersenbrück bat Sie: „Unterschreib noch nichts!“ Denn kurz zuvor hatte der Oberligist seinen Coach entlassen. Haben Sie Ihre Unterschrift inzwischen bereut?

Nein, gar nicht. Tatsächlich haben sich seitdem mehrere Optionen für mich aufgetan, mit denen ich gar nicht gerechnet hatte. Auch höherklassige Möglichkeiten waren dabei, aber eben nicht als Chef-, sondern als Co-Trainer. Und in Rehden hat es mir wirklich gut gefallen: Ich hatte schnell das Gefühl, dass es hier eine Mannschaft gibt, mit der man etwas erreichen kann. Und dass ich ein Umfeld habe, wo man sich einbringen muss, aber auch kann. Ich bringe gern eigene Ideen mit. Natürlich musste ich mich mit meiner Frau abstimmen. Denn es ist ein Riesenaufwand. Aber bereut habe ich es nicht – im Gegenteil. Ich freue mich, weil es jetzt eine ganz andere Situation ist als im April: Ich konnte von Anfang an mit der Mannschaft arbeiten. Wir haben uns einige Wochen noch anders kennengelernt. Und wir waren in der sehr komfortablen Situation, mit 20 festen Spielern die Vorbereitung begonnen zu haben. Das ist für ganz viele Ligen ungewöhnlich.

Und zum Ende der Vorbereitung fanden Sie und Marcos Alvarez dann doch noch zusammen – denn der Ex-Profi gab dem BSV seine Zusage. Was zeichnet ihn aus?

Einer wie Marcos ist in der Lage, auch mal das Autoradio zu klauen, wie es mein alter Verbandsportlehrer Horst Stockhausen in der Niedersachsenauswahl formuliert hat. Autoradios gibt’s nicht mehr, aber Marcos ist ein Schlitzohr. Jetzt wollen wir ihn schnell wieder in die Spur kriegen, denn er hat ja die komplette Vorbereitung verpasst. Und wenn wir das geschafft haben, bringt er vorn einiges an Qualität mit.

Wie lange kennen Sie sich?

Schon länger. Ich habe seine Verfahren bei der Fifa und beim Internationalen Sportgerichtshof mitgeführt, als ihm in Polen übel mitgespielt wurde und sein Verein die Zahlung eingestellt hat. Auch seinen anschließenden Wechsel 2023 zum SV Meppen habe ich begleitet. Aus solch unterschiedlichen Perspektiven kenne ich die Hälfte aller Spieler des VfL Osnabrück der letzten Jahre. Ob freundschaftlich – oder ob ich mal rechtlich etwas für sie getan habe.

Beim VfL waren Sie bisher Assistent der Geschäftsleitung. Bleibt Ihnen für diesen Nebenjob jetzt noch Zeit - nach der Zusage in Rehden und Osnabrücks Zweitliga-Aufstieg?

Da gibt es auf jeden Fall eine Veränderung. Ich werde nicht komplett aufhören, weil wir ein, zwei Projekte haben, von denen ich mir vorstellen kann, dass ich sie weiter betreue. Aber das klären wir gerade. Fest steht: In der Form, wie wir es voriges Jahr gemacht haben, kann ich das zeitlich nicht mehr darstellen.

Dann wäre da noch Ihre Tätigkeit als Trainer in der Icon League, diesem Mega-Hallenfußball-Event. Machen Sie da weiter?

Ja. Es bedeutet zwar Aufwand, ist aber für mich relativ entspannt. Mittlerweile kenne ich da auch gefühlt alle Spieler und Trainer. Und meine Kinder feiern das unglaublich. Zuerst habe ich diese Strahlkraft der Icon League gar nicht richtig realisiert. Das kam eher im Nachgang, weil mich die Leute irgendwo erkannt und darauf angesprochen haben.

Zu Ihrem Team, den „Berlin Underdogs“, zählten sogar Toni Kroos und Marcelo. Wie geht man mit solchen Stars als Trainer um?

Ja, 2025 waren sie in meinem Team. Da haben wir auch die Regular Season gewonnen. Die waren sehr entspannt. Aber insgesamt war es ein Riesenspektakel: Die Halle in Bremen war mit 12.000 Zuschauern pickepackevoll. Natürlich habe ich mit Kroos und Marcelo auch gesprochen, aber es wäre ja vermessen, wenn ich den beiden auch mal irgendetwas Inhaltliches hätte sagen wollen. Es ging eher darum, dass die, die da sind, auch Spaß haben sollen und die Jungs zuordnen können, mit wem sie zusammenspielen. Marcelo hat die Halle komplett zum Ausflippen gebracht. Das war gefühlt eine andere Sportart – bei dem, was er mit dem Ball gezeigt hat.

Wie würden Sie reagieren, wenn jetzt einer Ihrer Rehdener einmal pro Woche weniger trainieren will, um in der Icon League zu spielen?

Okay, wenn wir jetzt sonntags spielen, einer der Jungs aber gerne am Training in der Icon League teilnehmen will, dann sage ich: Überdenke noch mal deine Priorität. Doch wenn er nach dem Abpfiff zur Icon League fahren will, bin ich der Erste, der ihn supportet. Wer bin ich denn, dass ich ihn um diese Erfahrung bringen möchte? Der kriegt da eine riesige Plattform. Und dort wird ja auch wirklich guter Fußball gespielt. Klar sagen einige, die Verletzungsgefahr wäre so groß. Aber Verletzungen können überall passieren. Die Jungs messen sich da auf einem extrem hohen Niveau, die gehen richtig in die Belastung. Es ist ähnlich wie im Beruf: Wenn einer meiner Mitarbeiter eine Fortbildung machen oder sich nebenbei an der Uni engagieren will, sage ich: Gerne! Ich freue mich für ihn, weil ich weiß, es motiviert ihn, es gibt ihm etwas.

So wie es Sie motiviert? Sie unterrichten ja ebenfalls noch als Lehrbeauftragter an der Universität Osnabrück.

Da sind jetzt erst mal Semesterferien. Aber es gibt noch Prüfungen, die korrigiert werden müssen. Das ist eine Aufgabe, bei der ich mich dann frage: Warum mache ich das eigentlich?

Und warum?

Was meinen Weg bisher gekennzeichnet hat, war, dass ich Dinge getan habe, die mir Spaß machten. Fußball war die letzten 25 Jahre immer mein Plan B – und ich habe nicht vor, etwas daran zu ändern. Im Fußball kann alles ganz schnell gehen. Es kann also sein, dass Sie mich im September fragen, warum mich der BSV Rehden freigestellt hat. Deswegen kommt für mich nicht infrage, meine Familie wegen irgendetwas mit Fußball zurückzulassen. Oder ihr zu sagen: So, wir machen jetzt mal was Wildes und ziehen sonst wohin. Hinzu kommt noch, dass ich bei uns im Haus in Melle noch meine Mama und meine Oma habe. Wir müssen auf sie nicht aufpassen, aber es ist schon was anderes.

Die beiden Damen haben wir schon einige Male bei Rehdener Spielen gesehen.

Bei meinen Spielen sind sie eigentlich immer dabei. Ich hatte das ganz große Glück, dass meine Eltern uns drei Brüder immer und in allem uneingeschränkt supportet haben. Mein Bruder Babis war der bessere Fußballer von uns. Er hat in der Jugend beim VfL Wolfsburg gespielt und ich bei Arminia Bielefeld. Ich habe mich also im Westen getummelt und gegen Borussia Dortmund, Bochum, Düsseldorf oder Schalke gespielt, mein Bruder eher im Norden und Osten. Und teilweise war es so, dass meine Eltern samstags nach Dortmund gefahren sind, ein Spiel von mir geguckt haben – und sonntags dann nach Berlin, um ein Spiel von meinem Bruder zu schauen. Und egal, auf welchem Platz ich gewesen bin: Ich habe mich immer umgeschaut und wollte wissen, wo sie sitzen. Sonst war ich beunruhigt. Das hat uns geprägt: Ich definiere mein Glück im Leben über meine Familie. Daraus ziehe ich meine Kraft für alles, was ich brauche.