Von TikTok in die Klinik: So krank hat der Wunsch nach einem schlanken Körper Helena gemacht
Helena möchte Fußball spielen. Reisen. Mit Freunden ins Restaurant gehen. Kurz gesagt: Das machen, was Mädchen in ihrem Alter eben tun. Aber vieles davon ist für die 17-Jährige kaum möglich. Denn Helena kämpft jeden Tag gegen eine Essstörung.
Die Krankheit hat sie verändert. "Ich war früher ein ganz anderer Mensch. Natürlich habe ich auch viel gelernt durch die Therapie. Aber die Essstörung hat mir auch viel genommen. Freunde. Lebensfreude."
Mit 13 Jahren wegen Magersucht in die Klinik
Angefangen hat alles, als Helena begann, sich mit ihrer besten Freundin zu vergleichen. Die beiden haben zusammen TikTok-Videos aufgenommen, auf diesen hat Helena sich neben ihrer Freundin nicht wohl gefühlt. Sie begann, immer mehr auf ihre Ernährung zu achten. Innerhalb kurzer Zeit nahm sie stark ab.
Im Familienurlaub ist ihrer Mutter das erste Mal richtig klar geworden, dass ihre Tochter Hilfe braucht. Als sie nach Hause kamen, brachte sie Helena in eine Klinik. Diagnose: Anorexia nervosa. "Da habe ich gedacht: Nein, ich doch nicht. Das kann nicht sein." Die damals 13-Jährige musste stationär behandelt werden. Durch die Magersucht hatte sich Wasser am Herzbeutel gesammelt, eine von mehreren möglichen körperlichen Folgen der Krankheit.
In diesen Formen können Essstörungen auftreten:
- Typisch für eine Magersucht, auch Anorexia nervosa genannt, ist eine sehr restriktive Nahrungsaufnahme, oft ein starker Gewichtsverlust und große Angst vor dem Zunehmen.
- Betroffene einer Bulimie oder Bulimia nervosa leiden unter Essanfällen mit Kontrollverlust und ergreifen aus Angst vor Gewichtszunahme drastische Gegenmaßnahmen wie selbstherbeigeführtes Erbrechen.
- Auch eine Binge-Eating-Störung zeichnet sich durch Essanfälle aus. Anders als bei der Bulimie werden hier in der Regel keine gewichtsregulierenden Maßnahmen ergriffen.
Meist treten Essstörungen in Mischformen auf.
Damals hat Helena einfach nur gegessen, damit sie schnell wieder nach Hause darf. Vier Jahre später ist sie wieder in einer Klinik. Dieses Mal möchte sie wirklich etwas ändern, wie sie sagt.
"Ich habe nicht viele Freunde, ich mache nicht das, was andere Jugendliche machen. Ich möchte mich hier auf die Behandlung einlassen, damit ich wieder ein normales Leben führen kann." Die 17-jährige Helena
In Deutschland kämpfen Tausende Mädchen wie Helena gegen eine Essstörung. Das Statistische Bundesamt hat kürzlich eine neue Erhebung dazu veröffentlicht. Demnach hat sich die Zahl der Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren, die wegen einer Essstörung im Krankenhaus behandelt wurden, binnen 20 Jahren verdoppelt. 2004 waren es noch gut 2.800 Fälle, 2024 waren es knapp 6.000. Das sind bislang die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes.
Ursachen für Essstörungen sind vielfältig
"Im ersten Halbjahr von 2026 haben wir schon so viele Essstörungs-Patientinnen behandelt wie jeweils in den beiden vorherigen Jahren über das ganze Jahr." Clara Heidkamp, Chefärztin der Oberberg Fachklinik Konrader Hof
Die Gründe, warum junge Menschen eine Essstörung entwickeln, sind vielfältig. Es gibt biologische Ursachen, die eine Essstörung begünstigen können. Außerdem können individuelle Ursachen wie traumatische Erfahrungen eine Rolle spielen. Dazu kommen soziokulturelle Ursachen wie das soziale Umfeld, Schönheitsideale und Social Media.
Skinny-Trend auf Social Media
Nicht immer zeigt sich die Krankheit durch eine starke Gewichtszunahme oder Gewichtsabnahme. Schwarte empfiehlt Eltern, eher auf andere Warnzeichen zu achten, etwa ob das Kind zwanghaft Sport treibt, da gerade extremer Sport in Kombination mit gestörtem Essverhalten zuletzt unter Jugendlichen immer häufiger auftrete.
Auch was gegessen wird, könne Hinweise auf eine mögliche Esstörung geben. Wichtig sei es dann, direkt professionelle Hilfe zu suchen. Einer Person mit Essstörung zu sagen, sie solle einfach mehr essen, helfe nicht.
"Das ist so, als würde man einem Spinnen-Phobiker sagen: Dann geh doch einfach in ein Spinnen-Terrarium." Reinhild Schwarte, Leiterin Fachbereich Essstörungen in der Oberberg Klinik Konrader Hof
Trotzdem sind solche Ratschläge nicht selten. Auch Helena hat das schon erlebt: "Als ich beim Kinderarzt war, hat der gesagt: Trink doch einfach einen Becher Sahne. Aber damit ist das Problem nicht gelöst. Viele Leute realisieren nicht, dass es nicht nur um das Äußerliche geht, um das Gewicht. Es ist ein Kampf im Kopf."
Die 17-Jährige beschreibt die Krankheit als eine innere Stimme, ein Monster in ihrem Kopf, das ihr ständig einrede, sie sei zu dick, nicht schön. In Gruppen- und Einzeltherapien in der Oberberg Klinik soll sie jetzt lernen, dieser Stimme nicht mehr nachzugeben, freundlicher zu sich selbst zu werden und die Ängste abzubauen, die sie am Gesundwerden hindern.
Hier können Betroffene Hilfe finden:
Über die Internetseite des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit können Betroffene nach geeigneten Hilfsangeboten in ihrer Nähe suchen. Neben ambulanten Praxen und stationären Einrichtungen gibt es hier auch Infos zu niedrigschwelligen Beratungsangeboten. In Köln gibt es etwa die Mädchen- und Frauenberatungsstelle, bei der sich Betroffene melden können, auch in Düsseldorf gibt es mit ProMädchen und BerthaF. Beratungsstellen, die sich gezielt an Frauen und Mädchen richten und auch Erstberatungen bei Essstörungen anbieten.
Teil ihrer Behandlung ist auch die Therapie mit Pferden. Die Klinik kooperiert für das Angebot, das Eltern als zusätzliche Leistung über die Klinik buchen können, mit einer Tiertherapeutin. Der Kontakt zu den Pferden helfe ihr, sagt Helena. So wie der Gedanke an ihren Hund, der zu Hause auf sie wartet: "Meinen Hund Bounty vermisse ich sehr und für ihn lohnt es sich, zu kämpfen. Aber auch für meine Eltern, denn die leiden auch sehr stark darunter."
Essstörungen belasten auch Angehörige
Helenas Mutter Anja, die ihren Nachnamen zum Schutz ihrer Tochter nicht im Internet lesen möchte, macht sich große Sorgen um ihr Kind. Das ständige Auf und Ab, das die Krankheit mit sich bringt, belastet sie sichtlich. Aber sie hofft, dass der zweite Klinikaufenthalt Helena weiterbringt. "Ich wünsche mir für sie, dass sie wieder ganz normal in Restaurants gehen kann und in den Urlaub fahren kann, ohne diese ständigen Gedanken zu haben."
Das wünscht sich auch Helena. Neben einem guten Schulabschluss und Fußballspielen hat sie auch einen ganz speziellen Wunsch für die Zukunft: "Mein größter Traum ist es, nach New York zu reisen." Dafür kämpft sie weiter.