Thüringer Stadt schmiert ab: Warum Suhl Schlusslicht im Städteranking ist

Schlusslicht

Immer wieder Suhl: Vom Sinn und Unsinn des Regionalrankings

Stand: 12.08.2026 20:10 Uhr

Suhl liegt zauberhaft im Grünen umgeben von Bergen. Suhl ist außerdem die zweitkleinste kreisfreie Stadt in Deutschland und steckt in einer tiefen strukturellen Krise. Das hat das aktuelle Regionalranking des Deutschen Instituts für Wirtschaft ergeben. Suhl landete auf dem 399. Platz. Die Stadt ist damit deutschlandweites Schlusslicht. Vor zwei Jahren noch war Suhl Thüringens Klassenbester mit Platz 97. Wie konnte Suhl so abschmieren?

von Bettina Ehrlich, MDR THÜRINGEN

Alle zwei Jahre erstellt das Institut für Wirtschaft in Köln das Regionalranking für die 400 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland. Die neueste Erhebung fällt für Suhl katastrophal aus.

Beim sogenannten Dynamik-Ranking ist nur der Landkreis Birkenfeld in Rheinland-Pfalz noch schwächer gewesen. Für das Ranking werden Parameter wie Wirtschaftsstruktur, der Arbeitsmarkt und die Lebensqualität verglichen.

Die Suhler Innenstadt

Suhl kommt im Städteranking nicht gut weg.

Suhl - die Stadt mit der schlechtesten Lebensqualität in ganz Deutschland

Bei der Lebensqualität hat Suhl sogar am schlechtesten von allen abgeschnitten. "Die Lebensqualität ist natürlich ein sehr schwer messbares Konstrukt", sagt einer der Studienautoren, Johannes Ewald. Man könne dafür auch die Einwohner befragen. "Da bräuchten Sie aber sehr, sehr große Fallzahlen", so Ewald. Deswegen nutze die Studie indirekte Indikatoren für Lebensqualität wie beispielsweise die Zuwanderung.

"Und da haben wir eben beobachtet, dass sich die Wanderungssalden sehr stark verringert haben. Also gerade in der Altersgruppe der 25- bis 50-Jährigen hat Suhl stark an Bevölkerung verloren." In der Studie speist sich die Lebensqualität aus insgesamt sieben Indikatoren. Doch auch da hat Suhl laut Ewald schlecht abgeschnitten. "Wie etwa bei Straftaten, der Überschuldungsquote oder den Baugenehmigungen."

Ein Schild an einer Ladentür.

Auch so sieht Suhl aus: Ein Ladenlokal macht dicht.

Flüchtlinge haben Bilanz geprägt

Dennoch sind die Zu- und Wegzüge aus Suhl hauptverantwortlich für das schlechte Abschneiden der Stadt. Was hier voll mit reinspielt, sind die Bewohnerzahlen in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge auf dem Suhler Friedberg. Bei einem nur flüchtigen Blick in die Studie kann einem das leicht untergehen. "Es gab Jahre, da hatten wir sehr viel Zuwachs in der Erstaufnahmeeinrichtung, gerade in diesen Altersgruppen. Das hat sich dann sehr positiv auf das Dynamik-Ranking in genau dieser Studie ausgewirkt", sagt Suhls Oberbürgermeister André Knapp (CDU).

Nun sei die Lage eine andere. Laut Knapp kommen nicht mehr so viele Flüchtlinge, die EAE wird leergezogen und soll Ende des Jahres schließen. Studienmacher Ewald spricht hier von Sondereffekten.

André Knapp, Oberbürgermeister Bürgermeister Suhl

OB André Knapp ist mit Suhls Herausforderungen vertraut.

Bürgermeister Knapp fragt sich, wie viel Sinn so ein Regional-Ranking speziell für die Stadt dann eigentlich noch macht. "Diese Sonderfaktoren, die wir als relativ kleine Kreisfreie Stadt haben, mit der einzigen Erstaufnahmeeinrichtung des Freistaats über viele Jahre, die teilweise mit bis zu 2.000 Leuten belegt gewesen ist. Das macht was im Verhältnis zur Gesamtbevölkerungszahl. Und wenn man dann weiß, dass es Jahre gab, wo dort 6.000 bis 12.000 Menschen durchgelaufen sind, und die sich dann alle in dieser Statistik wiederfinden, dann muss man diese Zahlen schon deutlich hinterfragen." Einfach nur die Schlagzeile "Suhl ist Schlusslicht bei der Lebensqualität" greife auf jeden Fall zu kurz.

Blick in ein Wohngebiet

Suhl mit ältesten Einwohnern

Dass Suhl strukturelle Probleme hat, ist aber dennoch offensichtlich. Seit den 1990er-Jahren hat die Stadt rund 20.000 Einwohner verloren. So viele wie keine andere Kommune in Deutschland. Mit etwa 51 Jahren Durschnitt hat Suhl auch deutschlandweit die ältesten Einwohner.

Suhl war zu DDR-Zeiten mal Bezirksstadt und hatte mal knapp 57.000 Einwohner. Heute versucht sie, sich regelrecht gesundzuschrumpfen. Nach Angaben von Stadtplanerin Adriane Winkler sollte sich die Zahl der Einwohner auf rund 30.000 einpegeln. Das wäre eine realistische Größe, mit der Suhl von der Infrastruktur her gut zurechtkommen würde. Realistisch wäre das laut Winkler auch mit Blick auf die Arbeitsplätze in der Region.

Suhler schätzen die Lage

Wer sich in Suhl umhört und die Menschen auf der Straße fragt, wie es sich dort so lebt, bekommt meist Positives zu hören. Petra beispielsweise ist hier geboren und möchte hierbleiben. Daniela ist vor einigen Jahren aus Schmalkalden nach Suhl gezogen und hat es nicht bereut. Auch die Enkelin komme immer wieder gern. Die Suhler schätzen vor allem die wunderschöne Lage mitten in den Bergen. Der Rennsteig ist nicht weit weg. Positiv bewertet werden auch die kurzen Wege, die günstige Verkehrsanbindung sowie der relativ preiswerte Wohnraum.

Eine Garderobe in der Kita.

Die Jugend braucht mehr

Das große Aber kommt von der Jugend. Kevin ist 22 Jahre und fühlt sich in Suhl auch recht wohl - allerdings fehlen ihm die Angebote speziell für junge Leute. Vor allem aber fehlt ihm eine Perspektive. "Ausbildungsmöglichkeiten, Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Ich als junger Mensch, für mich ist nicht nur wichtig, was ich in zwei Jahren erreichen kann, sondern auch, wo die Reise in fünf bis sieben Jahren hingeht. Und da fehlt mir hier einfach die Möglichkeit, mich zu entwickeln. Ich meine, ich habe jetzt hier einen guten Arbeitgeber gefunden, aber gerade, was die Firmen angeht, ist alles rückläufig. Viele Firmen sagen ja, dass sie weniger junge Menschen einstellen wollen - wo gehe ich dann hin? Und wenn ich dann hier nichts finde, dann gehe ich halt in die nächstgrößere Stadt und so stirbt Suhl aus."

Prof. Dr. Frank Eckardt, Bauhaus-Universität Weimar

Was für eine kluge Analyse. Suhl hat seit 1990 rund 6.000 Industriearbeitsplätze verloren. Pro Jahr sterben in der Stadt zwischen 500 und 600 Menschen, dem stehen gerade mal 200 Geburten gegenüber. Die Stadt muss sich etwas einfallen lassen, um junge Menschen zu halten oder nach Suhl zu locken.

Vielleicht ist das geplante Holz-Kompetenzzentrum in Suhl-Nord ein wichtiger Baustein dafür. Das Wohngebiet soll bis 2035 zu einem Gewerbegebiet umfunktioniert werden. Noch in diesem Jahr wird mit dem Bau einer Forschungshalle begonnen. Für das Institut werden schon jetzt die Mitarbeiter gesucht.

MDR (dst)