„In 20 Jahren gibt es hier keinen Weinbau mehr“ – Pfälzer Winzer meldet Insolvenz an
Stand: 01.10.2026, 08:15 Uhr
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Vier Generationen lang betreibt seine Familie Weinbau in der Pfalz. Nun sieht Winzer Wolfgang Bender kaum noch Zukunft für die Branche – auch sein eigenes Projekt ist in Insolvenz geraten.
Bad Kreuznach – Die Krise im deutschen Weinbau trifft einen weiteren Betrieb. Die Habitat Weine eG aus Rheinland-Pfalz befindet sich im vorläufigen Insolvenzverfahren. Hinter der vergleichsweise jungen Genossenschaft steht Winzer Wolfgang Bender, dessen Familie bereits in vierter Generation Weinbau in der Pfalz betreibt. Das Amtsgericht Bad Kreuznach ordnete Ende August die vorläufige Insolvenzverwaltung an.

Auch auf der Internetseite des Weinguts wird inzwischen offen über die wirtschaftliche Lage informiert. Man habe ein Insolvenzverfahren beantragen müssen, heißt es dort. Der Verkauf der vorhandenen Weine läuft zunächst weiter, solange noch Bestände vorhanden sind und die vorläufige Insolvenzverwaltung zustimmt. Für mehrere Wochenenden im Oktober und November sowie inzwischen auch im Dezember sind Lagerverkäufe mit Verkostungen angekündigt.
Habitat Weine meldet Insolvenz an – Verkauf geht zunächst weiter
Die Habitat Weine eG selbst ist noch vergleichsweise jung. Die Genossenschaft wurde 2021 gegründet, nachdem Bender seinen Familienbetrieb grundlegend neu ausgerichtet hatte. Der Weinbau seiner Familie reicht dagegen mehr als 100 Jahre zurück, Bender führt ihn in vierter Generation fort.
Das Konzept der Genossenschaft war ungewöhnlich: Das Weingut sollte sich gewissermaßen selbst gehören. Nach eigenen Angaben zählt Habitat Weine rund 180 Mitglieder. Gewinne sollten nicht an sie ausgeschüttet werden, sondern im Unternehmen bleiben und unter anderem für Naturschutz rund um die bewirtschafteten Flächen eingesetzt werden. Zudem setzte Bender auf ökologischen Weinbau.
Nun ist unklar, welche Zukunft dieses Modell noch hat. Der Abverkauf der vorhandenen Bestände läuft zwar zunächst weiter, das vorläufige Insolvenzverfahren zeigt jedoch, wie ernst die wirtschaftliche Situation inzwischen ist.
Deutsche trinken immer weniger Wein
Die Insolvenz fällt in eine schwierige Phase für die gesamte Branche. Der Weinkonsum in Deutschland geht seit Jahren zurück. Nach den jüngsten Zahlen des Deutschen Weininstituts tranken Menschen ab 16 Jahren im Weinwirtschaftsjahr 2024/25 rechnerisch noch 21,5 Liter Wein pro Kopf. Im Vorjahreszeitraum waren es 22,2 Liter gewesen. Der Rückgang um 0,7 Liter entspricht beinahe einer Flasche Wein pro Person.
Insgesamt wurden im betreffenden Zeitraum rund 15,3 Millionen Hektoliter Wein konsumiert. Das DWI führt den Rückgang unter anderem auf veränderte Konsumgewohnheiten, höhere Lebenshaltungskosten und den demografischen Wandel zurück. Auch 2025 setzte sich die Schwäche beim Einkauf fort: Die von privaten Haushalten gekauften Weinmengen gingen nach DWI-Angaben gegenüber dem Vorjahr um rund sieben Prozent zurück.
Für die Winzer verschärft der sinkende Absatz ein ohnehin schwieriges wirtschaftliches Umfeld. Energie, Personal und Betriebsmittel sind teurer geworden, gleichzeitig reagieren viele Verbraucher preissensibel. Im Jahr 2024 kosteten deutsche Weine im Handel durchschnittlich 4,47 Euro je Liter, ausländische Erzeugnisse im Mittel 3,72 Euro. 2025 konnten heimische Weine ihren Mengenmarktanteil zwar leicht auf rund 42,6 Prozent steigern, doch auch ihre Absatzmengen gingen zurück.
Insolventer Winzer spricht von einer „Weinkrise“
Bender sieht die Schwierigkeiten deshalb nicht allein bei seinem eigenen Betrieb. Gegenüber dem Mannheimer Morgen sprach er von einer „Weinkrise“. Besonders pessimistisch fällt seine Einschätzung für die Zukunft der Region aus: „In zwanzig Jahren gibt es hier keinen Weinbau mehr“, sagte der Winzer der Zeitung.
Schon lange vor der aktuellen Insolvenz hatte Bender versucht, sein Geschäftsmodell grundlegend umzubauen. Nach der Übernahme des angeschlagenen Familienbetriebs setzte er zunächst auf Modernisierung und ökologischen Anbau. Während der Corona-Pandemie brachen durch geschlossene Gastronomie und ausgefallene Veranstaltungen wichtige Absatzwege weg. Anschließend wandelte er das Weingut in die Genossenschaft Habitat Weine um.
Das Modell sollte den Betrieb langfristig unabhängig von einzelnen Eigentümern machen und gleichzeitig Naturschutz und Weinbau stärker miteinander verbinden. Gegen die aktuelle Absatzkrise und den Kostendruck konnte aber offenbar auch dieses Konzept keinen ausreichenden Schutz bieten.
Rheinland-Pfalz zahlt 5000 Euro für gerodete Weinberge
Wie groß der wirtschaftliche Druck auf die Branche inzwischen ist, zeigt eine neue Fördermaßnahme in Rheinland-Pfalz. Das Land will Weinbaubetrieben 5000 Euro je Hektar zahlen, wenn sie produktive Rebflächen dauerhaft roden. Anträge sollen voraussichtlich ab November über das WeinInformationsPortal der Landwirtschaftskammer möglich sein.
Die Förderung soll ausdrücklich auch dazu dienen, das Produktionspotenzial zu senken und damit den Weinmarkt zu entlasten. Wer die Prämie in Anspruch nimmt, verliert für die gerodete Fläche die Möglichkeit einer Wiederbepflanzung. Zudem werden bestehende Genehmigungen für Neuanpflanzungen des Betriebs gelöscht, und in den folgenden zehn Jahren dürfen keine neuen beantragt werden. Finanziert wird die einmalige Maßnahme mit EU-Mitteln.
Damit reagiert Rheinland-Pfalz auf eine Krise, die längst nicht mehr nur einzelne Betriebe betrifft. Sinkende Nachfrage trifft vielerorts auf hohe Produktionskosten und einen intensiven Preiswettbewerb.
Zukunft von Habitat Weine bleibt offen
Während das Land versucht, mit der Rodungsprämie den Angebotsdruck auf dem Weinmarkt zu verringern, steckt Habitat Weine bereits im vorläufigen Insolvenzverfahren. Ob und in welcher Form der Betrieb weitergeführt werden kann, ist bislang offen.
Vorerst konzentriert sich die Genossenschaft auf den Verkauf der noch vorhandenen Weine. Solange die vorläufige Insolvenzverwaltung zustimmt und Lagerbestände vorhanden sind, können Kunden weiterhin bestellen oder die angekündigten Lagerverkäufe besuchen.
Der Fall Habitat Weine zeigt damit exemplarisch, wie tiefgreifend sich der deutsche Weinmarkt verändert. Selbst ein Familienbetrieb in vierter Generation, der mit ökologischem Anbau und einem ungewöhnlichen Genossenschaftsmodell neue Wege gegangen ist, kann sich dem wirtschaftlichen Druck nicht entziehen. (Quellen: Tagesschau/SWR, Mannheimer Morgen, t-online) (mare)