So will Dresden Europas Schlüsselrolle in der KI-Welt stärken

In Dresden kämpft Deutschland um eine Schlüsselposition in der globalen KI-Wirtschaft

Europa spielt bei der Fertigung modernster KI-Chips keine Rolle. Deshalb stellt sich die Frage: Können die Europäer zumindest künftig in der Halbleiterbranche unentbehrlich werden – und sich damit geopolitisches Gewicht sichern? Eine Reportage.

Kalina Oroschakoff, Dresden

30.08.2026, 05.30 Uhr

8 Leseminuten


Sauberer als ein Krankenhaus: Um Zugang zum Reinraum von Globalfoundries in Dresden zu bekommen und die Chipfertigung live zu erleben, müssen Mitarbeiter und Besucher Schutzkleidung tragen.

Sauberer als ein Krankenhaus: Um Zugang zum Reinraum von Globalfoundries in Dresden zu bekommen und die Chipfertigung live zu erleben, müssen Mitarbeiter und Besucher Schutzkleidung tragen.

PD

Der deutsche Physiker Manfred Horstmann sitzt Ende Juli in einem unscheinbaren Konferenzraum des amerikanischen Halbleiterkonzerns Globalfoundries in Dresden und sprüht vor Tatendrang. Das iPhone in der Hand, skizziert er das nächste Technologiefeld, auf dem das Unternehmen mitmischen will.

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«Wir denken, dass der nächste Hype die physische KI sein wird», sagt Horstmann. «Ein typisches Beispiel ist ein humanoider Roboter: Er muss eine gewisse Intelligenz haben, er muss Sensorik haben und energieeffizient sein.» In solchen Anwendungen liegt auch die Stärke von Globalfoundries, einem der grössten Auftragsfertiger für Mikrochips weltweit. Horstmann leitet das Europageschäft. Seine Analyse wird auch von anderen Ingenieuren, Unternehmern und Forschern in der Branche geteilt.

Denn Europa hat den Anschluss bei den KI-Chips verpasst, also jener Spitzentechnologie, die den Boom der künstlichen Intelligenz (KI) antreibt. In Dresden, dem Zentrum der europäischen Halbleiterindustrie, werden zwar Chips gefertigt. Doch die Fabrik von Globalfoundries, wie auch die benachbarten Anlagen von Infineon und Bosch, produzieren Halbleiter für die Kommunikations-, die Automobil-, die Luft- und Raumfahrt-, die Verteidigungs- und die Energiebranche. Und das erfolgreich. Aber nirgendwo auf dem Kontinent werden jene Hochleistungschips gefertigt, die in Rechenzentren KI-Modelle trainieren und betreiben.

Das Epizentrum liegt in Asien und den USA

Auf diesem Feld dominieren das taiwanische Unternehmen TSMC, Samsung und SK Hynix aus Südkorea sowie die amerikanischen Unternehmen Nvidia und AMD. Kaum jemand aus der Branche in Europa hält es für realistisch oder wirtschaftlich sinnvoll, diesen Rückstand auf absehbare Zeit aufzuholen. Weder verfügt Europa heute über die nötigen Fertigungstechnologien, noch zeichnet sich ab, dass sich das in den kommenden Jahren ändern wird.

TSMC baut zwar seit dem vergangenen Jahr am Standort Dresden. Aber die Halbleiterfabrik, die zusammen mit Infineon und Bosch sowie dem niederländischen Unternehmen NXP betrieben werden soll, wird nicht die komplexesten und kleinsten KI-Chips fertigen. Ab Ende 2027 sollen auch von hier aus wieder traditionelle Industrien beliefert werden, darunter vor allem die Automobil- und die Luftfahrtbranche.

«Die komplexesten Chips werden nicht in Europa produziert», sagt Kevin Berghoff, Mitgründer des Münchner Startups Quantum Diamonds. Er sagt, das habe vor allem damit zu tun, dass es in Europa nicht eine ausreichend grosse Nachfrage für solche Chips gebe. Die Abnehmer sitzen vor allem in den USA.

Dafür verfügt Europa über Stärken in der Ausrüstungsindustrie, also im Maschinenbau und in der Präzisionsmesstechnik. Dort setzt auch Quantum Diamonds an. «Und da kann man durchaus nach Südkorea, nach Taiwan, in die USA verkaufen», sagt Berghoff.

Das Startup verkündete Anfang Juli, es habe in seiner jüngsten Finanzierungsrunde fast 100 Millionen Euro eingesammelt. Damit plant es den Bau einer Produktionsstätte in München, um Hochleistungschips während ihrer Herstellung zu vermessen und auf Defekte zu überprüfen – und damit die Ausbeute von Unternehmen wie TSMC zu steigern. Der Halbleitergigant ist schon heute Kunde, Quantum Diamonds arbeitet zudem eng mit Entwicklern aus Taiwan zusammen.

«Das heisst, wir sind von unserer Ausrichtung her näher an TSMC, Samsung und SK Hynix dran als Infineon, die hier in München um die Ecke sitzen», sagt er und fügt hinzu: «In Asien, ist wirklich jeder im Hardwarebereich unterwegs. Das ist das Epizentrum – und da müssen wir hin, auch wenn wir in Deutschland ansässig sind.» Mit 76 Millionen Euro stellen die Beihilfen der deutschen Regierung im Rahmen des Europäischen Chip-Gesetzes den grössten Anteil der Gelder für Quantum Diamonds dar.

Das junge Unternehmen steht für deutsche Halbleiterfirmen, die nicht mit TSMC konkurrieren, sondern Werkzeuge für die globalen Spitzenreiter entwickeln. «Im Equipment-Bereich kann man mit Innovationen mehr machen als im Spitzentechnologiebereich mit Milliarden», sagt Berghoff. «Ich glaube, das Ergebnis pro investiertem Euro Steuergeld ist da einfach viel höher.»

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Wenige Mitarbeiter, dafür viele Maschinen. Im Reinraum von Globalfoundries in Dresden ist fast alles automatisiert.

Deutschland – und Europa – suchen nach einer strategischen Rolle

Berghoffs Startup unterstreicht eine für Europa zentrale Frage: Wenn der Kontinent das Rennen um die modernsten KI-Chips nicht mehr gewinnen kann – worauf sollte er stattdessen setzen?

Gespräche mit Ingenieuren, Unternehmern, Unternehmensvertretern und Ökonomen zeigen, dass die Antwort weit über die Fertigung der leistungsfähigsten Chips hinausreicht. Nicht die gesamte Wertschöpfungskette müsse nach Europa geholt werden. Entscheidend ist es, jene Stellen der globalen Wertschöpfungskette zu besetzen, an denen andere auf europäische Technologien, Maschinen und Know-how angewiesen sind – und die Kontrolle über gewisse kritische Prozesse zu behalten.

«Die Frage kann nur sein: Gibt es irgendetwas, wo wir unentbehrlich sind?», so Albert Heubergers Fazit. «Noch kann man sagen: die Ausrüstungsindustrie für die Halbleiterherstellung. Strategisch wichtige Firmen sitzen in Europa.» Heuberger ist Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen (IIS) und Sprecher der Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland.

Doch darauf könne man sich nicht ausruhen, sagt er. Die Ausrüstungsindustrie sei vielmehr der Ausgangspunkt, um das dazugehörige Ökosystem aus Forschung, Talenten und Unternehmen weiterzuentwickeln. Und dafür, neue Schlüsselpositionen in der Lieferkette auszubauen. «Dann weiss nämlich der Rest des globalen Ökosystems: Ohne diese Technologien geht’s nicht.»

Für Deutschland und Europa ist die Suche nach einer neuen Rolle längst zu einer industriepolitischen Kernfrage geworden. Doch die Halbleiterbranche folgt eigenen Regeln. Sie ist kapitalintensiv, der Bau der notwendigen Infrastruktur verschlingt Milliarden. Einzelne Maschinen kosten dreistellige Millionenbeträge. Nirgendwo auf der Welt stehe heute eine Fabrik, die nicht subventioniert worden sei, sagen Branchenkenner.

Entsprechend sind am weltweiten Wettlauf längst nicht mehr nur Unternehmen beteiligt. Regierungen von Japan über Taiwan und Südkorea bis hin zu jenen der USA und Deutschlands locken Hersteller mit milliardenschweren Förderprogrammen an – auch wenn Europa im internationalen Vergleich mit deutlich kleineren Summen operiert.

Doch auch diese Aufwendungen haben ihre Kritiker: Immer wieder warnen Ökonomen davor, Steuergeld in sehr erfolgreiche Unternehmen zu pumpen, die es eigentlich nicht brauchten. In Dresden ist die Kritik nicht neu, auch Horstmann teilt sie. Und dennoch entgegnen Brancheninsider immer wieder: So ist es nun einmal – und überhaupt: Die USA und China fördern viel stärker.

Gleichzeitig gilt auch: Die Wertschöpfungskette ist global und arbeitsteilig. «Es ist einfach unmöglich, dass auch nur irgendein Land auf der Welt unabhängig ist. Selbst China, die USA, Taiwan – alle sind aufeinander angewiesen», sagt Berghoff von Quantum Diamonds und setzt hinzu: «Es ist naiv, zu denken, dass man in Europa seine eigenen Chips baut und dabei komplett von aussen unabhängig ist. Das wird niemals so sein.»

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Die Halbleiterproduktion besteht aus unzähligen hochkomplexen Fertigungsschritten.

Im grössten Reinraum Europas 

In einer in dunkelgelbes Licht getauchten Halle der Fabrik von Globalfoundries in Dresden ist diese Verzahnung eindrücklich mitzuverfolgen.

Hergestellt werden Mikrochips in sogenannten Reinräumen, dem Herzstück jeder Halbleiterfabrik. In Dresden betreibt der amerikanische Konzern mit rund 3000 Mitarbeitern und einer Reinraum- und Laborfläche von rund 60 000 Quadratmetern das grösste Halbleiterwerk auf dem Kontinent.

Der Name ist Programm: Ein Reinraum ist sauberer als ein Operationssaal. Gleich einem Operationssaal müssen auch hier Besucher Schutzkleidung tragen, die Körper, Kopf und Mund bedeckt. In den langen Gängen sind kaum Menschen zu sehen, jene, die vor den kastenförmigen Maschinen stehen, sind meist mit der Wartung beschäftigt. Um einen herum summt und brummt es, über den Köpfen rasen Transportbehälter auf Schienen von Station zu Station. Der Fertigungsprozess läuft rund um die Uhr und ist weitgehend automatisiert.

Nach Angaben von Horstmann befindet sich im Dresdner Reinraum auch der «teuerste Raum Sachsens». Dort stehen unter anderem die Lithografiemaschinen des niederländischen Unternehmens ASML.

Schon eine einzige dieser crèmefarbenen Anlagen kostet bis zu 70 Millionen Euro. Die modernsten ASML-Modelle verschlingen dreistellige Millionenbeträge. Zusammen stehen allein in diesem Reinraum Maschinen im Wert von weit über einer Milliarde Euro.

Ohne diese Maschinen würde heute weltweit kein leistungsstarker Chip hergestellt. An ASML, der heute als der wertvollste Konzern Europas gilt, hängt zudem ein ganzer europäischer Industriecluster. Darunter sind auch die deutschen Unternehmen Zeiss und Trumpf.

In Europa gilt ASML im Rahmen der immer lauter werdenden Debatte über die technologische Souveränität als Wunderwaffe – und politisches Druckmittel.

Der Ingenieur Horstmann aber ist von dieser Erzählung nicht ganz überzeugt. «Es gibt keine Advanced Chips, die ohne ASML hergestellt werden können», sagt er. Doch daraus allein erwachse keine Souveränität. Denn der Vorsprung gegenüber China, beispielsweise, «schmilzt zusammen», sagt er warnend. «Und ich denke, man ruht sich da ein bisschen drauf aus.»

Für ihn bedeutet Souveränität, zentrale Schritte bei sicherheitsrelevanten Chips kontrollieren zu können. «Es ist wichtig, zumindest die kritischen Chips in Europa herzustellen, darüber muss man die Kontrolle haben.» Er denkt dabei unter anderem an die kritische Infrastruktur, digitale Zahlungsdienste, an Luftfahrt und Verteidigung sowie Satellitensysteme.

So hat Europa neuerdings die Ambition, eigene Satellitensysteme auszubauen. Für Horstmann ist völlig klar, dass die Chips hierfür aus Europa kommen und der entscheidende Teil der Wertschöpfungskette entsprechend in Europa verankert sein sollte.

Das sei nicht nur strategisch wichtig, sondern würde auch einen heimischen Markt für die Chips schaffen. «Das generiert Nachfrage in Europa», sagt Horstmann.

Darin sehen viele Gesprächspartner eine entscheidende industriepolitische Aufgabe für Europa. Es geht nicht nur darum, Chips herzustellen, sondern auch darum, die Märkte aufzubauen, in denen sie künftig gebraucht werden.

Manfred Horstmann (Mitte) steht zusammen mit Bundeskanzler Friedrich Merz und anderen führenden Politikern und Managern im Reinraum der Chipfabrik von Globalfoundries in Dresden.

Manfred Horstmann (Mitte) steht zusammen mit Bundeskanzler Friedrich Merz und anderen führenden Politikern und Managern im Reinraum der Chipfabrik von Globalfoundries in Dresden.

Chris Emil Janssen / Imago

Aus Deutschland in die Welt

Berghoff und seine Kollegen konzentrieren sich mit Quantum Diamonds derweil auf eine der zentralen Problemzonen der Branche: die Ausbeute. Ihre Technologie zielt darauf ab, die Fehlersuche zu beschleunigen und zu präzisieren und Unternehmen damit Zeit und Geld zu sparen. Denn schon die kleinste Unreinheit während des Fertigungsprozesses kann dazu führen, dass Chips unbrauchbar werden. Das kostet Hersteller schnell Millionen.

Das Unternehmen arbeitet dabei eng mit TSMC zusammen, beliefert aber auch in Dresden ansässige Hersteller. «Wir liefern nicht nur nach Asien», sagt Berghoff. «Globalfoundries in Dresden ist für uns natürlich auch ein potenzieller Kunde, Infineon genauso. Das Schöne an Dresden ist eben, dass man hier mehrere Halbleiterhersteller an einem Ort hat.»

Diese Stärke ist auch der Grund, warum die Chipfabriken in Dresden längst nicht nur als Werkbänke gelten. Sie sind ein Anziehungspunkt für einen ganzen Wirtschaftszweig, der Forscher, Zulieferer, Startups und Kunden aus Deutschland und dem Ausland herholt.

Heute beschäftigt die Branche dort mehr als 70 000 Menschen. Sie ist zu einem Wachstumsmotor in einer Region geworden, die nach der Wende nicht nur Industrien, sondern auch ihren Status als hochentwickelter Tech- und Mikrolektronikstandort verloren hatte.

Das zeige sich auch in für Deutschland schnellen Genehmigungsverfahren, heisst es vor Ort. Anfang Juli eröffnete Infineon seine neue Chipfabrik – früher als angekündigt. Globalfoundries erweitert seinen Reinraum, die Bauarbeiten laufen auf Hochtouren.

Die Roboter kommen

Die Raumerweiterung soll Horstmann und seinem Team dabei helfen, Globalfoundries einen wettbewerbsfähigen Platz in der KI-Wirtschaft von morgen zu sichern. Worin dieser Platz besteht, darin sind sich nicht nur Horstmann und sein Team in Dresden einig.

Viele Gesprächspartner sehen Europas Chance in der physischen Welt – in Robotern, Drohnen, Fabriken und Maschinen, wo KI neue Nachfrage nach Chips schafft. Anders als die modernsten KI-Halbleiter für Rechenzentren benötigen solche Anwendungen oft nicht die kleinsten und komplexesten Chips, wohl aber Spezialchips, Sensoren und energieeffiziente Mikroelektronik.

Während an der Spitze der Technologie inzwischen an Halbleitern mit Strukturgrössen von zwei Nanometern und darunter gearbeitet wird, könnte Europa mit modernen Fertigungskapazitäten etwas über zwei Nanometern genau jene Anwendungen bedienen, in denen der Kontinent bereits heute industrielle Stärken besitzt.

Für Horstmann sind die tanzenden Roboter aus China zwar als Bild ziemlich abgegriffen. Aber das ändere nichts daran, dass sie einen riesigen Zukunftsmarkt darstellten – und Europa dort eine führende Rolle spielen könnte.

«Für diese Sachen ist Europa wirklich gut aufgestellt», sagt Horstmann. «Wir haben viele Schlüsseltechnologien, die zum Beispiel in einen Humanoiden eingebaut werden.» Worauf es jetzt ankomme, sei die kommerzielle Verwertung dieser Technologien. Sonst, mahnt Horstmann, «nehmen uns das andere auch noch weg.»

Globalfoundries ist einer der grössten Arbeitgeber in Sachsen, einem führenden Zentrum für Mikroelektronik in Europa.

Globalfoundries ist einer der grössten Arbeitgeber in Sachsen, einem führenden Zentrum für Mikroelektronik in Europa.

PD

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