Neue Studie alarmiert: Bestimmte Erreger in der Schwangerschaft erhöhen Behinderungsrisiko massiv
Infektionen vor der Geburt: Warum manche Kinder ein dreifach erhöhtes Autismus-Risiko tragen
Stand: 22.09.2026, 20:00 Uhr
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Ärzte diagnostizieren bei Kindern mit Infektionen wie Syphilis, Röteln oder Zytomegalievirus deutlich häufiger Autismus und geistige Behinderungen, berichtet eine neue Studie.
München – Kinder, die sich bereits im Mutterleib mit bestimmten Infektionen angesteckt haben, entwickeln später im Leben rund dreimal so häufig Autismus und mehr als siebenmal so häufig eine geistige Behinderung wie Kinder ohne solche Infektionen. Das zeigt eine neue Studie, die auf umfangreichen Gesundheitsdaten beruht und die langfristigen Folgen dieser frühen Belastungen beleuchtet.
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Dieser Artikel von Marta Iraola Iribarren entstand in Kooperation mit Euronews
Nach Einschätzung der Forschenden deutet das darauf hin, dass bestimmte, während der Schwangerschaft auf den Fötus übertragene Infektionen die Hirnentwicklung dauerhaft beeinträchtigen können. Sie gehen davon aus, dass die Erreger empfindliche Entwicklungsphasen stören und so strukturelle und funktionelle Veränderungen im kindlichen Gehirn hinterlassen.

Diese angeborenen Infektionen werden unter dem Kürzel TORCH zusammengefasst. Dazu gehören Syphilis, Röteln, Toxoplasmose, Zytomegalievirus und Herpesviren, die von der werdenden Mutter auf das ungeborene Kind übergehen können.
Im Unterschied zu vielen anderen Erregern überwinden sie mitunter die Plazenta und schädigen den Fötus direkt, wodurch das Risiko für Fehlgeburten, Totgeburten und weitere Komplikationen in der Schwangerschaft steigt.
Seltene, aber weitreichende Folgen
„Diese angeborenen Infektionen sind zwar selten, einige von ihnen lassen sich jedoch verhindern. Gerade deshalb sind sie aus Sicht der öffentlichen Gesundheit besonders relevant“, sagte Reneé Gardner vom Department of Global Public Health des Karolinska Instituts, die an der Studie mitgewirkt hat.
Sie verweist darauf, dass bereits kleine Präventionserfolge langfristig große Auswirkungen auf die Gesundheit vieler Kinder haben können. Für die Untersuchung werteten die Forschenden Daten von 3,7 Millionen Menschen aus, die zwischen 1987 und 2021 in Schweden geboren wurden.
Bei 975 von ihnen war eine angeborene TORCH-Infektion diagnostiziert worden; die Betroffenen wurden bis zu drei Jahrzehnte lang nachverfolgt, um Zusammenhänge mit späteren Diagnosen, Bildungswegen und anderen Entwicklungsmarkern zu prüfen. Insgesamt erklären TORCH-Infektionen nur einen sehr kleinen Teil aller Autismusfälle in der Bevölkerung.
Für betroffene Kinder ist das Risiko für Autismus und eine geistige Behinderung jedoch deutlich erhöht, wie die Auswertung zeigt. Nach Angaben der Autorinnen und Autoren entwickelt etwa jedes fünfte Kind mit einer TORCH-Infektion später Autismus und ist damit in seinem Alltag und seiner Teilhabe besonders gefordert.
Deutlich erhöhtes Risiko für geistige Behinderung
Die Folgen beschränken sich nicht auf Autismus. Kinder, die mit einer solchen Infektion zur Welt kommen, haben auf allen Schweregraden ein höheres Risiko für eine geistige Behinderung, von leichten bis hin zu sehr schweren Einschränkungen.
Für schwere bis hin zu tiefgreifenden Behinderungen lag das Risiko bis zu 30-mal höher als bei Kindern ohne Infektion, was aus Sicht der Forschenden auf einen klaren ursächlichen Einfluss hindeutet. Auch ohne formale Diagnose scheinen die Infektionen den Bildungserfolg zu beeinträchtigen.
In der Studie schnitten 420 Menschen mit nachgewiesener TORCH-Infektion in der Schule deutlich schlechter ab, obwohl bei ihnen weder Autismus noch eine geistige Behinderung festgestellt worden war, was auf subtilere kognitive oder neurologische Beeinträchtigungen schließen lässt.
TORCH-Infektionen unterscheiden sich stark in ihrer Verbreitung. Weltweit am häufigsten tritt die angeborene Zytomegalie (CMV) auf; sie betrifft etwa jedes 150. Neugeborene, etwa durch eine Erstinfektion oder Reaktivierung bei der Mutter. In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen ist die Belastung durch diese Infektion deutlich höher, da Prävention, Screening und Behandlung oft nur eingeschränkt verfügbar sind.
Risiken senken: Welche Maßnahmen helfen
Nach Ansicht der Forschenden unterstreicht die Studie, wie wichtig stärkere Präventionsstrategien sind, vor allem in Regionen mit hohen Infektionsraten und begrenzter medizinischer Infrastruktur. Dazu zählen etwa eine bessere Aufklärung von Frauen im gebärfähigen Alter, ein gezieltes Screening vor und während der Schwangerschaft sowie frühzeitige Behandlungen, wenn ein Verdacht besteht.
Sie betonen zudem die große Bedeutung flächendeckender Impfprogramme, die entwickelt, umgesetzt und dauerhaft gesichert werden müssen, um solche Infektionen zu verhindern. Dies gilt insbesondere für impfpräventable Erreger wie Röteln, bei denen ein konsequenter Impfschutz die Zahl schwer betroffener Neugeborener langfristig deutlich senken kann.
Außerdem weisen die Autorinnen und Autoren darauf hin, dass die derzeitigen Systeme, etwa in Schweden, zahlreiche asymptomatische Fälle übersehen. Ein Grund: Das Neugeborenen-Screening auf TORCH-Infektionen ist nicht überall Standard, sodass viele Kinder erst spät oder gar nicht erkannt werden; sie fordern daher bessere Strategien, um diese Kinder frühzeitig zu identifizieren und gezielt zu unterstützen.