Mingma Gyalje Sherpa sagt, warum Alpinisten den höchsten Punkt des Manaslu verpassten

Interview

Ab wann gilt ein Berg als bezwungen? «Mittlerweile haben wir auf den Achttausendern ein Schild, das den höchsten Punkt markiert», sagt ein Sherpa

Mehrere Alpinisten waren überzeugt, auf dem Manaslu gewesen zu sein, obwohl sie den höchsten Punkt des Achttausenders verpassten. Dafür gebe es eine einfache Erklärung, sagt Mingma Gyalje Sherpa, der am nepalesischen Berg eine neue Route zum Gipfel erschlossen hat.

Stephanie Geiger07.09.2026, 14.00 Uhr

5 Leseminuten


«Eigentlich ist die Situation jetzt sogar besser», sagt Mingma Gyalje Sherpa über die neue Route am Manaslu.

«Eigentlich ist die Situation jetzt sogar besser», sagt Mingma Gyalje Sherpa über die neue Route am Manaslu.

Sanjit Pariyar / NurPhoto via Getty

In diesen Tagen machen sich mehrere Expeditionen auf den Weg zum Manaslu, dem achthöchsten Berg der Welt. 350 entsprechende Bewilligungen wurden für die Saison an ausländische Bergsteiger vergeben. Der Manaslu ist ein Achttausender, bei dem über die Jahre viele Alpinisten glaubten, dass sie auf dem Gipfel waren. Tatsächlich hatten sie den höchsten Punkt aber verfehlt, weil sie auf einem Gratpunkt vor dem Gipfel umkehrten.

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Es ist ein Thema, das die Szene immer wieder umtreibt: Wann ist man oben, und waren alle oben, die das behaupten? Offenbar haben an Achttausendern Kletterer immer wieder Schwierigkeiten, den Gipfel zu finden. Selbst die Bergsteigerlegende Reinhold Messner geriet einst in eine solche Affäre. Am Manaslu suchte Mingma Gyalje («Mingma G») Sherpa im Jahr 2021 eine Route zum höchsten Punkt, auf dem auch die Erstbesteiger standen. Im Gespräch erzählt er, wie er das gemacht hat, und erklärt, warum der Manaslu Bergsteiger verwirren kann.

Frage: Mingma Gyalje, einen Berg hat man erst bestiegen, wenn man den höchsten Punkt erreicht hat. Darüber herrscht unter Bergsteigern Einigkeit. Weshalb standen am Manaslu trotzdem viele Jahre lang die Bergsteiger nicht auf dem Gipfel?

Antwort: Die erste erfolgreiche Expedition erreichte 1956 den Hauptgipfel. Das war damals, im Mai, eine japanische Expedition.

Frage: Anschliessend schafften es auch viele weitere Expeditionen bis zum höchsten Punkt. Umso unverständlicher ist es, dass dann plötzlich auf einem Vorgipfel kehrtgemacht wurde. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Antwort: Das ist gar nicht so schwierig zu erklären. Der Manaslu wurde ursprünglich hauptsächlich im Frühjahr bestiegen, gewann jedoch ab 2008 an Beliebtheit als Herbstberg, als es wegen der Olympischen Spiele in Peking keine Expeditionen in Tibet gab. Die meisten namhaften Achttausender-Agenturen verlagerten ihre Expeditionen vom Shishapangma, der in Tibet liegt, und vom Cho Oyu, auf den man üblicherweise von der tibetischen Nordseite aus aufsteigt, zum Manaslu, was in jenem Jahr ein grosser Erfolg war. Seitdem hat sich die Klettersaison am Manaslu vom Frühjahr auf den Herbst verlagert und ist sehr beliebt geworden.

Frage: Und deshalb steigt man nicht mehr auf den höchsten Punkt?

Antwort: Der Hauptgipfel des Manaslu sorgt im Herbst für Verwirrung, weil auf dem Vorgipfel viel Schnee liegt. Im Frühjahr ist der Gipfel schneefrei und besteht aus Fels, so dass er leicht zu erreichen ist. Vor der Herbstsaison gibt es während des Monsuns in der Gipfelregion starke Schneefälle. Aufgrund des vielen Schnees ist der Hauptgipfel vom Vorgipfel aus völlig unsichtbar. Er ist einfach nicht zu sehen, wenn man dort steht. Aus diesem Grund hielten alle Bergsteiger am Vorgipfel an, in der Annahme, das sei der Gipfel.

Frage: Woher haben Sie gewusst, dass es am Manaslu noch einen höheren Punkt gibt als den, der bis dahin als Gipfel betrachtet wurde?

Antwort: Ich war ab 2015 mit Eberhard Jurgalski von 8000ers.com in Kontakt, weil wir erhebliche Meinungsverschiedenheiten bezüglich des Annapurna-Gipfels hatten. Eberhard Jurgalski veröffentlichte Informationen zu den Gipfelpunkten des Manaslu, und ich erfuhr davon über seine Website. Infolgedessen wurde 2016 eine eingehende Untersuchung zur Gipfelsituation eingeleitet, und diese Ergebnisse wurden meines Wissens schliesslich 2019 veröffentlicht. Ich jedenfalls versuchte schon 2016, den Hauptgipfel zu besteigen, schaffte es aber nicht, weil mein Team kein Interesse daran hatte, ihn zu erreichen.

Frage: Warum wollten Ihre Begleiter 2016 nicht auf den tatsächlich höchsten Punkt?

Antwort: Der Gratpunkt war als Gipfel anerkannt. Das reichte ihnen.

Frage: 2019 wurde das Dossier zur Gipfelsituation vorgelegt. 2020 gab es wegen Corona keine Expeditionen. Sie sind dann im September 2021 zum Hauptgipfel aufgestiegen. Woher wussten Sie, dass man im Herbst am besten vom Grat absteigt, um auf den Gipfel zu gelangen?

Antwort: Ich habe zunächst tatsächlich versucht, über den Grat zu gehen, aber ich habe mich dabei nicht sicher gefühlt. Ich habe nach möglichen Routen gesucht und tatsächlich eine Möglichkeit gefunden: Ich nenne es die Rolwaling-Umgehung.

Frage: Benannt nach der Region südwestlich des Mount Everest, aus der Sie stammen.

Antwort: Als ich den Grat etwa zur Hälfte überschritten hatte, sah ich einen klareren Weg zum Hauptgipfel, indem ich etwa fünfzehn Meter abstieg. Absteigen, queren und dann direkt zum Gipfel aufsteigen. Das war die Lösung.

Frage: Es gibt sogar Drohnenaufnahmen von Ihrem Aufstieg. Diese Aufnahmen zeigen auch die Gipfelsituation ganz deutlich. Man erkennt sehr gut, dass der Hauptgipfel ein Stück hinter dem Gratpunkt liegt, in dem vorher viele den Gipfel sahen.

Antwort: Die Aufnahmen mit der Drohne waren nicht geplant. Der Mann, der die Drohne steuerte, gehörte zu einem anderen Team. Es war Zufall, dass Kili Pemba Sherpa, der mit mir das Fixseil verlegte, und Dawa Gyalje Sherpa, der uns begleitete, gefilmt wurden, während wir die Route zum Hauptgipfel erschlossen. Das war nicht abgesprochen. Wir haben die Bilder erst hinterher im Internet gesehen.

Frage: In einer steilen Flanke absteigen, queren, aufsteigen – ist dadurch der Gipfelaufstieg schwieriger geworden?

Antwort: Jetzt ist der Weg zum Gipfel direkter. Eigentlich ist die Situation jetzt sogar besser, weil es am Hauptgipfel einen besseren Platz zum Fotografieren gibt. Der Vorgipfel lag auf einem etwas schroffen Grat, und dort aneinander vorbeizugehen, war ziemlich riskant.

Frage: Wie hat die nepalesische Community auf Ihren Aufstieg reagiert? Auch Ihre Leute wollten ja zunächst nicht den Gipfel suchen.

Antwort: Die nepalesischen Bergsteiger waren froh und glücklich, dass die Route von nepalesischen Bergsteigern erschlossen und eröffnet worden war. Der von mir geleiteten Expedition folgte dann ja auch gleich Nirmal Purja mit seinen Leuten nach. Niemand hat mich kritisiert, aber ja, die meisten Bergsteiger, die den Manaslu zuvor bestiegen hatten, waren eher unglücklich, als ihnen klarwurde, dass sie den Gipfel nicht erreicht hatten, und die meisten von denen, die die vierzehn Achttausender in Angriff genommen hatten, wiederholten den Aufstieg, um den Hauptgipfel zu erreichen.

Frage: Eberhard Jurgalski hat 39 Wiederholungen erfasst. Diese Entwicklung ist auch an anderen Bergen zu beobachten, zum Beispiel an der Annapurna und am Dhaulagiri. Ist das Bewusstsein für den Gipfel heute ein anderes?

Antwort: Ja. Da hat sich etwas verändert. Mittlerweile haben wir auf den Achttausendern auch jedes Jahr ein Schild, das den höchsten Punkt markiert. Es ist ein Muss, diesen Punkt zu erreichen.

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