Island lehnt EU-Beitritts-Verhandlungen ab
Island lehnt die Beitrittsverhandlungen mit der EU überraschend deutlich ab
Die EU-Frage spaltet das Land seit Jahren. Nun dürfte sich das Thema zumindest vorerst erledigt haben – zum Nachteil Brüssels.
30.08.2026, 11.58 Uhr
3 Leseminuten

Wollte die Verhandlungen mit der EU wieder aufnehmen: Islands Ministerpräsidentin Kristrun Frostadottir.
Marco Di Marco / AP
Die Isländerinnen und Isländer wollen die seit über zehn Jahren ruhenden Beitrittsverhandlungen mit der EU nicht wieder aufnehmen. Das Referendum ist mit 52,8 Prozent Nein-Stimmen zu 47,2 Prozent Ja-Stimmen überraschend deutlich gescheitert. Einzig die Einwohnerinnen und Einwohner der Hauptstadt Reykjavik sprachen sich für das Referendum aus, doch deutlich knapper als erwartet.
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In den Umfragen waren die Befürworter und Gegner gleichauf gelegen, was das Stimmvolk zusätzlich mobilisiert haben dürfte. Die Abstimmungsbeteiligung lag bei 82,5 Prozent. Am Samstag standen die Isländer vor den Stimmlokalen in Reykjavik Schlange. Ein Viertel der Stimmberechtigten hatten ihre Meinung bereits im Vorfeld per Briefabstimmung kundgetan.
Fischerei vor Sicherheit
Zu den treibenden Kräften hinter dem Referendum gehörte die isländische Aussenministerin Thorgerdur Katrin Gunnarsdottir. Ihre liberale Reformpartei hätte das Land am liebsten schnellstmöglich in die EU führen wollen. Von einer Mitgliedschaft erhofften sich die Befürworter unter anderem finanzielle Stabilität. Der Leitzins der Zentralbank liegt derzeit bei 8 Prozent, und die Inflation steigt. Eine Ablösung der schwachen und volatilen isländischen Krone durch den Euro könne Erleichterung bringen, so lautete die Argumentation.
Die unsichere Weltlage hatte dem Anliegen zusätzlichen Antrieb verliehen. Der amerikanische Präsident Donald Trump verwechselte Grönland wiederholt mit Island. Dass er aus Versehen die falsche Insel annektieren würde, kann zwar ausgeschlossen werden. Die andauernden Drohgebärden haben das Vertrauen in den wichtigsten Allianzpartner aber geschwächt. Island besitzt keine eigenen Streitkräfte und hat seine Verteidigung bisher der Nato und den USA überlassen.
Geopolitisch ist die Lage der Insel interessant, sowohl für Europa als auch für die USA und Russland. Island befindet sich mitten im strategisch wichtigen Korridor zwischen Grönland und Grossbritannien, der sogenannten Giuk-Lücke. Wer diese kontrolliert, bestimmt über den Zugang zum Atlantik. Eine Mitgliedschaft in der EU bringe zusätzliche Sicherheit, argumentierten die Befürworter.
Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Kristrun Frostadottir hatte im Vorfeld der Abstimmung immer wieder betont, dass mit dem Referendum noch nichts entschieden sei. Zunächst gehe es nur darum herauszufinden, wie viel Island aus den Verhandlungen mit der EU herausschlagen könne. In einem zweiten Schritt werde das Volk dann erneut zur eigentlichen Beitrittsfrage konsultiert. Mit den abgelehnten Beitrittsverhandlungen hat sich dieser zweite Schritt nun erübrigt.
Sechs von Islands acht Parteien lehnen einen EU-Beitritt ab oder stehen ihm skeptisch gegenüber. Der grösste Streitpunkt bei den letzten Verhandlungen war die Fischerei. Der Fischfang ist für die Isländerinnen und Isländer traditionell der wichtigste Wirtschaftszweig und macht heute immer noch einen Achtel der Wirtschaftsleistung aus.
Die Fischer bilden auf der Insel, wo jeder jeden kennt, eine mächtige Lobby. Sie haben keinerlei Interesse daran, in Brüssel über nachhaltigen Fischfang, gemeinsame Quoten und gegenseitigen Zugang zu Gewässern zu verhandeln. Ministerpräsidentin Frostadottir versuchte abzuwiegeln. Der Verhandlungstisch in Brüssel werde schnell geräumt, wenn sich abzeichne, dass es nicht möglich sei, die volle Kontrolle über die Fischerei-Ressourcen zu erlangen, sagte sie in der Debatte des öffentlichrechtlichen Senders RUV am Donnerstag. So weit wird es nun gar nicht kommen.
Ein Erfolgsbeispiel für den EWR
Es ist nicht das erste Mal, dass die Isländerinnen und Isländer über einen EU-Beitritt nachdenken – und ihn ablehnen. Bereits 2009 trat Reykjavik in Verhandlungen mit Brüssel. 2013 kam die damalige Regierung zu dem Schluss, dass Islands Interessen ausserhalb der EU besser vertreten seien. Island blieb im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und profitierte somit weiter von den EU-Märkten. Gleichzeitig behielt es die Kontrolle über die Fangquoten in seiner Ausschliesslichen Wirtschaftszone.
Schlecht gefahren ist das Land mit dem Entscheid nicht. Island gehört heute zu den Staaten mit dem höchsten Lebensstandard und weist weltweit eines der höchsten Bruttoinlandprodukte pro Kopf aus. In der EU wäre das kleine, wohlhabende Land ein Nettozahler, ohne von den meisten Förderprogrammen selbst profitieren zu können. Und mit seinen 400 000 Einwohnerinnen und Einwohnern hätte Island im Staatenverbund mit 450 Millionen Menschen politisch nur wenig Einfluss.
Am Sonntag zeigte sich, dass eine Mehrheit der Bevölkerung die erst 1944 erlangte Unabhängigkeit nicht leichtfertig aufs Spiel setzen will. Das Nein der Isländerinnen und Isländer ist ein Rückschlag für Brüssel – nicht zuletzt, weil es ganz grundsätzliche Fragen zur Attraktivität der Union aufwirft. Ob Island seinen Antrag auf die Mitgliedschaft nun formell zurückziehen wird, ist noch unklar. 2013 tat es das nicht, sondern setzte die Verhandlungen nur aus. Ministerpräsidentin Kristrun Frostadottir sagte dem Sender RUV, dass die Debatte um die Europäische Union in Island nun zumindest für die Dauer ihrer Amtszeit beendet sei.
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