Island vor dem EU-Referendum: Die kleine Insel und der große Kontinent

Stand: 25.08.2026, 13:21 Uhr

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Islands Premierministerin Kristrún Frostadóttir bei einer Diskussionsveranstaltung zum Referendum in Reykjavík am Montag.

Islands Premierministerin Kristrún Frostadóttir bei einer Diskussionsveranstaltung zum Referendum in Reykjavík am Montag. © JONATHAN NACKSTRAND

Island stimmt am Samstag über die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen ab. Enthusiastisch werben vor allem jene für den Urnengang, die dagegen sind.

Wenn Donald Trump wieder mal donnernd die Einverleibung von Island in die USA verlangt, meint er eigentlich Grönland. Ländernamen überfordern ihn bekanntermaßen oft. Am Samstag stimmt Islands Bevölkerung im Kern darüber ab, ob man vielleicht doch lieber auf Nummer sicher geht, falls mehr dahinterstecken sollte als eine Namensverwechslung. 300.000 Stimmberechtigte entscheiden per Referendum, ob ihr Land zum zweiten Mal Beitrittsverhandlungen mit der EU führen und eventuell Schutz in Brüssel suchen soll. Umfragen sagen einen sehr knappen Ausgang voraus.

Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Kristrún Frostadóttir wirbt für ein „Ja“, hütet sich aber vor offensivem Trommeln für die Mitgliedschaft. Man solle doch einfach erst mal schauen, „was sich in dem Paket verbirgt“. Danach könne man in Ruhe die eigentliche Entscheidung treffen. Das Paket sind die auszuhandelnden Beitrittsbedingungen.

Nach dem Bankencrash 2008 mit Ruin der Staatsfinanzen im Gefolge hatte Islands Regierung schon einmal den Rettungsanker Richtung Brüssel geworfen, die Verhandlungen aber 2013 abgebrochen. Die kleine Inselrepublik mitten im Atlantik mit unwiderstehlicher Landschaft und wilden Vulkanausbrüchen berappelte sich dank Fischerei und Tourismus-Boom überraschend schnell aus eigener Kraft. Das ließ in Reykjavík die Aussicht auf Teilung von Fischereiquoten mit Ländern als Eintrittspreis in die EU dann doch wieder weniger verlockend aussehen.

Der wirtschaftliche Erfolg stand und steht auf wackeligen Füßen mit einer schwachen eigenen Mini-Währung und hohem Zinsniveau. So treten Frostadóttirs seit 2024 regierende Sozialdemokraten und stärker noch die liberale Partei von Außenministerin Thorgerdur Katrín Gunnarsdóttir weiter für den EU-Beitritt ein. Sie setzen jetzt ihr Wahlversprechen eines Referendums über die Wiederaufnahme von Beitrittsverhandlungen um.

ARCHIV - 07.08.2026, Island, Reykjavík: Ein Mann hält bei der Eröffnung des Büros der „Ja“-Kampagne ein Schild mit der Aufschrift „SJA“ in der Hand. Am 29.08.2026 entscheiden die Isländer in einem Referendum über die Wiederaufnahme von EU-Beitrittsgesprächen. Foto: James Brooks/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Logo der „Ja“-Kampagne. © James Brooks/dpa

Dass die Union sich ohne Zögern und freudig mit dem wohlhabenden, demokratisch stabilen und rohstoffreichen westlichsten Land Europas erweitern würde, steht außer Frage. Island ist Nato-Mitglied, aber ohne eigene Armee, und als „unsinkbarer Flugzeugträger“ mitten im Nordatlantik ein Leckerbissen, was die strategische Lage angeht. Im Land selbst allerdings kommt die herzliche Aufnahmebereitschaft in Brüssel wohl eher der „Nein“-Seite zugute.

„Wir verlieren unsere nationale Unabhängigkeit“, verkündet man dort und warnt vor „Unterwerfung“ unter die EU-Großmächte Deutschland und Frankreich. Ihr Mantra verkünden die rechten politischen Kräfte im Chor mit Alt-Linken wie Frostadóttirs Vorgängerin an der Regierungsspitze, Katrín Jakobsdóttir von den Links-Grünen. Unterstützung kommt von der mächtigen Fischereilobby und auch dem Bauernverband, dessen Mitgliedschaft eigentlich mit enormen Subventionen rechnen könnte.

Höchst unsichere Aussichten

„Die Nein-Seite mobilisiert damit erfolgreich und macht sich eine auch bei uns nationalistische Grundstimmung zunutze“, sagt die Ex-Chefredakteurin Steinunn Stefánsdóttir. Sie findet die Ja-Kampagne „ausgesprochen zaghaft“. Tatsächlich hütet sich vor allem Premier Frostadóttir penibel davor, der Nein-Seite auf die Füße zu treten: Weder der eine noch der andere Ausgang des Referendums werde Island „entzweien“. Wegen der höchst unsicheren Aussichten wollte sie die „EU-Frage“ bei ihrem Regierungsantritt von der Tagesordnung haben, musste sich aber dem kleinen Koalitionspartner von Außenministerin Gunnarsdóttir beugen.

Die erklärte im Endspurt ihrer Kampagne im TV-Sender RUV als entscheidende Wende für die EU seit Islands erstem Anlauf: „Durch den Brexit ist alles anders. Deshalb stehen wir viel stärker da.“ Man werde jetzt die Hoheit über die Fischereiquoten problemlos sichern können. Das war Geschichtsschreibung auf Trump-Niveau und sollte den nationalen Stolz auf die legendären „Kabeljau-Kriege“ mit den Briten vor mehr als einem halben Jahrhundert triggern. Wenn auch das keine Mehrheit beim Referendum sichern kann, dürfte die Regierung in Reykjavík wohl vor dem Rücktritt stehen.