Israelische Geheimdienstler schildern Vorgehen der Armee: Doku beleuchtet „ferngesteuerte Tötungen“ in Gaza

In einem neuen Dokumentarfilm über Lufteinsätze in Gaza berichten israelische Armee- und Geheimdienstmitarbeiter von militärischen Systemen wie KI-gestützter Zielerfassung und Angriffen auf Wohnhäuser, bei denen der Tod von Zivilisten bewusst in Kauf genommen worden sei. Darüber berichtet unter anderem die britische Zeitung „Guardian“, die den Film „Naza“ produziert hat. Damit widersprechen die anonymen Interviewten auch offiziellen Darstellungen der Armee.

Der Film der beiden jüdischen Israelis Yuval Abraham und Rachel Szor lief am Donnerstag bei den Filmfestspielen in Venedig. Bei der Vorführung bekam der Film Standing Ovations aus dem Publikum.

In „Naza“ kommen 24 Personen zu Wort, die laut dem „Guardian“ an Überwachung oder „ferngesteuerten Tötungen“ („remote killings“) von Menschen in Gaza beteiligt waren. Die Befragten hätten unter anderem von Methodiken wie dem Einsatz von KI-Systemen berichtet, mit denen eine möglichst große Anzahl potenzieller, rangniedriger Hamas-Ziele identifiziert werden sollte. Diese seien dann nachts in ihren Häusern bombardiert worden – demnach in dem Wissen, dass bei diesen Angriffen auch ihre Familien ums Leben kommen würden.

War die Mission, Frieden zu verhindern?

Auch habe das israelische Militär zivile Wohngebäude in Brand gesetzt und Menschen bei Essensausgaben getötet. Handys seien gehackt worden, um Standorte von Zielpersonen zu erfahren, sowie Gespräche mit deren Ehefrauen oder Kindern mitgehört worden, bevor sie getötet worden seien.

Ich bin nur ein kleines Rädchen.

Anonymer Interviewter

Israel betont immer wieder, seine Angriffe im Gazastreifen zielten nur auf Mitglieder von Terrororganisationen, man bemühe sich, zivile Opfer zu vermeiden. Die im Film interviewten Offiziere sagen, zivile Opfer seien stets in Kauf genommen worden.

Die Mission sei es gewesen, „Frieden zu verhindern“, sagte einer der Interviewten in dem Film laut der britischen Zeitung. Auch fielen in den Gesprächen distanzierende Phrasen wie „Ich bin nur ein kleines Rädchen“ oder „Ich kann nur sagen, dass wir die Mission erfüllen“. Ganz vereinzelt sind aber auch selbstkritische Worte zu hören. Ein Offizier sagt am Anfang, er müsse anonym bleiben, weil er in Israel sonst ins Gefängnis käme.

Directors Yuval Abraham and Rachel Szor pose during a photocall for the documentary "Naza" in Competition, at the 83rd Venice International Film Festival, in Venice, Italy, September 10, 2026. REUTERS/Yves Herman

Rachel Szor und Yuval Abraham haben bei „Naza“ Regie geführt. Der Film feierte in Venedig seine Premiere.

© REUTERS/YVES HERMAN

Der Filmemacher Yuval Abraham und die Filmemacherin Rachel Szor, die beide auch an der Umsetzung des Dokumentarfilms „No Other Land“ beteiligt gewesen waren, schreiben im israelisch-palästinensischen Onlinemagazin „+972 Magazine“: „Einer der von uns interviewten Offiziere beschreibt, dass er in Echtzeit über Hunderte Fälle informiert war, in denen Familien ihrem Alltag nachgingen – ein Mann sprach mit seiner Frau, im Hintergrund der Ton einer Fernsehsendung, ein Gebet oder es weinte ein Baby.“

Dennoch habe er die Freigabe zur Bombardierung erteilt. Man müsse verstehen, „dass es darum geht, zu zerstören“, zitieren ihn Abraham und Szor.

Das „+972 Magazine“ war ebenso wie der „Guardian“ an den investigativen Recherchen beteiligt, die dem Film zugrunde liegen.

Über die Motivation, den Film zu drehen, sagte Yuval Abraham in Venedig: „Wir befassen uns mit einem System, von dem wir wissen, dass wir darin Privilegien genießen, dass wir darin eine gewisse Macht haben – einem System, das wir ablehnen und dessen Zustand wir für ungerecht halten –, um das, was wir aus unserer Position heraus tun können, zu nutzen.“ (Tsp mit dpa)