In Zahlen: Ist Europa sicherer als die USA?
Publiziert15. August 2026, 08:03
In ZahlenIst Europa sicherer als die USA?
Ein neuer Datensatz liefert einige überraschende Antworten.


In europäischen Städten wimmelt es von messerschwingenden Halbstarken, die einen niederstechen, nur um einem das Handy zu entreissen. Amerika ist voll von Gangstern mit Schusswaffen und ausser Kontrolle geratenen ICE-Beamten. Solche Klischees sind in den sozialen Medien weit verbreitet – auf beiden Seiten des Atlantiks hält man die jeweils andere Seite für gesetzlos.
Wie sieht es in Wirklichkeit aus? Kriminalitätsstatistiken verschiedener Länder miteinander zu vergleichen, ist bekanntermassen schwierig. Die Bereitschaft, Straftaten anzuzeigen, unterscheidet sich von Ort zu Ort, und die Definitionen stimmen selten genau überein.
Kriminalitätsraten hängen ausserdem stark davon ab, welche Bevölkerungszahl als Bezugsgrösse dient. Wenn eine Stadt ein grosses Hinterland umfasst – etwa Staten Island in New York –, kann dies andere Teile – etwa die Bronx – sicherer erscheinen lassen, als sie tatsächlich sind.
Mit einem neuartigen Datensatz versuchen Matt Ashby, Kriminologe am University College London, und seine Kollegen, diese Probleme zu überwinden.
Zunächst wählten sie 20 Städte mit mindestens 2,5 Millionen Einwohnern in wohlhabenden Ländern aus, die allesamt jährlich Kriminalitätsstatistiken veröffentlichen. Anschliessend passten sie die räumlichen Abgrenzungen so an, dass alle Städte eine ähnliche Bevölkerungsdichte aufwiesen. Für Paris wird beispielsweise die gesamte Region Île-de-France berücksichtigt und nicht nur die Stadt Paris selbst.
Schliesslich vereinheitlichten sie die Definitionen, sodass die Deliktskategorien weitgehend mit den in Grossbritannien verwendeten vergleichbar waren. Die Ergebnisse sind differenzierter, als mancher Tastaturkrieger erwarten dürfte.
Eine tödliche Kluft
Registrierte Tötungsdelikte je 100’000 Einwohner in europäischen und US-amerikanischen Städten*

Die Mordrate – oder genauer gesagt: die Rate der Tötungsdelikte, zu denen auch Totschlag zählt – ist ein unvollkommener Massstab für die Sicherheit auf den Strassen: Am ehesten wird man von jemandem getötet, den man kennt. Doch diese Statistik lässt sich über Ländergrenzen hinweg am besten vergleichen, denn eine Leiche ist eine Leiche.
Gemessen daran ist Chicago die mit Abstand tödlichste Stadt im Datensatz. Im Jahr 2024 wurden dort 587 Tötungsdelikte verzeichnet. Das entspricht 22 Fällen je 100’000 Einwohner und damit dem 2,7-Fachen der Rate in Los Angeles, der Stadt mit dem zweithöchsten Wert. In den zehn europäischen Städten liegt die durchschnittliche Rate bei 1,7 je 100’000 Einwohner.
Auf der Suche nach Sicherheit
Registrierte Straftaten je 100’000 Einwohner in europäischen und US-amerikanischen Städten*
Raubüberfälle auf Personen – Fahrzeugdiebstähle

In anderen Deliktskategorien ist die Trennlinie jedoch weniger deutlich. Raubüberfälle auf Personen, bei denen Gewalt angewendet wird, kommen in beiden Regionen ungefähr gleich häufig vor, auch wenn London und Paris mit jeweils mehr als 300 Fällen je 100’000 Einwohner und Jahr besonders schlecht abschneiden.
Fahrzeugdiebstähle sind in Chicago und Los Angeles häufig, doch New York schneidet besser ab als die meisten europäischen Städte. Einbrüche in Privathaushalte wiederum sind in Europa häufiger.
Einerseits könnte ein grosszügiges soziales Sicherheitsnetz in Europa den Anreiz zum Stehlen verringern. Andererseits könnten die konsequente Polizeiarbeit in Amerika – und die dort weitaus höheren Inhaftierungsraten – dazu beitragen, die Unterschiede auszugleichen.
Sicherheit in Zahlen
Registrierte Straftaten je 100’000 Einwohner in europäischen und US-amerikanischen Städten*
Wohnungseinbrüche – Raubüberfälle auf Geschäfte

Ashby bezeichnet die Statistiken als den «am wenigsten schlechten Versuch», Daten vergleichbar zu machen. Er und seine Kollegen entwickelten den Datensatz, damit politische Entscheidungsträger «detaillierte Fragen» zu Trends im Ländervergleich stellen können.
Unterschiede bei der Meldung und Erfassung von Straftaten bleiben ein grosses Problem. Die offiziellen Zahlen zu Vergewaltigungen in England und Wales haben sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Vertrauliche Befragungen deuten jedoch darauf hin, dass die Fallzahlen stabil geblieben sind: Der Anstieg scheint darauf zurückzuführen zu sein, dass mehr Menschen solche Taten der Polizei melden und Straftaten besser erfasst werden.
Ebenso könnte laut Ashby die Zahl der in London registrierten Raubüberfälle auf Geschäfte gestiegen sein, weil die Polizei die Meldung solcher Straftaten erleichtert hat.
Obwohl Vergleiche zwischen Ländern schwierig sind, geben die Entwicklungen auf beiden Seiten des Atlantiks Anlass zu Optimismus. Die Mordraten in London und New York befinden sich auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Rate der Raubüberfälle auf Personen in Paris mag hoch erscheinen, hat sich in den vergangenen zehn Jahren aber beinahe halbiert.
Der allgemeine Trend ist, dass Städte sowohl in Europa als auch in Amerika sicherer und freundlicher sind und mehr Spass machen als vor einer Generation. Das sollte jeder feiern können.

Von Economist.com, übersetzt von 20 Minuten, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist auf www.economist.com verfügbar.