Italiens Kino am Lido: Bertoluccis Buch, Argentos Erbe und Morettis Charme
Halbzeit in Venedig
Italiens Kino am Lido: Bertoluccis Buch, Argentos Erbe und Morettis Charme
Mamma-Witze in "L'Estranea" und Morettis "Succederà questa notte" unterhalten das gebannte italienische Publikum, "The Echo Chamber" mit Susan Sarandon enttäuscht
Valerie Dirk
Am Festivaltag sechs, Montagmorgen, war es endlich so weit. Da flimmerte ein Film über die Leinwand in der Sala Darsena, der sein Publikum restlos fesselte. Zur Freude aller Italiener und Italienerinnen, die ihr Nationalkino gerne feiern, handelte es sich um eine heimische Produktion. "Bello", sagte danach die Sitznachbarin mit glänzenden Augen.
"Bello" ist indes ein sehr schwammiges Urteil über L'Estranea (The Spiral) von Jungregisseur Paolo Strippoli, geboren 1993 in Bari. In der südlichen Stadt ist auch sein Film über eine verfluchte Familie angesiedelt. Dabei scheinen die Besitzer eines Modegeschäfts alles zu haben: Geld, eine Villa, Eleganz und zwei wohlgeratene Kinder, Bub und Mädchen, die sich noch dazu gut verstehen.
Doch eines Tages, während einer ausgelassenen Feier ganz in Weiß, die an die Anfangsszene von La Grande Bellezza erinnert, attackiert der Familienhund das Mädchen Alice. Im Krankenhaus erfahren Mutter Anna, Vater Walter und Bruder Tobia, dass Alice ihr Bein verlieren könnte. Die Verzweiflung von Anna, die in Alice eine künftige Schauspielerin sieht, ist enorm. Sie zieht sich in die Krankenhauskapelle zurück – und da ist sie: L'Estranea, die Fremde.
Die Fremde ist der Teufel in Gestalt von Valeria Bruni Tedeschi. Sie stellt Anna nach dem biblischen Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn" vor die Wahl: Entweder Alice verliert ihr Bein, oder der sportliche Tobia wird fettleibig. Anna entscheidet sich für eine unversehrte Tochter. Doch es kommt, wie es kommen muss. Die unvermeidliche Dickleibigkeit von Tobias treibt einen Dolch in die Familie, insbesondere in die Vater-Sohn-Beziehung – und damit ist es nicht getan. Anna wird die Fremde noch viele Male treffen, und ihre Wahlmöglichkeiten haben immer drastischere Konsequenzen.
Paolo Strippoli tritt an, um das italienische Genrekino nach dem Rezept Dario Argentos wiederzubeleben – und es gelingt ihm fabelhaft. L'Estranea fällt keiner Zitathaftigkeit anheim, sondern ist eine zeitgeistige Hommage an den Horrorstilisten, die als hochspannende Parabel auf überehrgeizige Eltern zu deuten ist: Ab einem gewissen Alter ist es nur noch furchterregend, wenn eine Mutter zu ihrer Tochter sagt "Ich lasse dich niemals allein".
Italien, die Familie!
Die Mutter in Nanni Morettis Wettbewerbsfilm Succederà questa notte (It Will Happen Tonight) kommt auch nicht gerade gut weg (hier kristallisiert sich möglicherweise ein Thema heraus angesichts der noch kommenden italienischen Filme: die Abrechnung mit der Mamma!). In der ersten Szene sagt sie der schwangeren norwegischen Freundin ihres Sohnes: "Du bist nicht reif genug, Mutter zu sein. Dein Kind muss in Italien aufwachsen, bei der Familie." Großes Gelächter im Saal.
Was Mama sagt, geschieht. Sohn Matteo kehrt mit seinem Sohn zurück in den Schoß der Familie. Die Kindesmutter verschwindet von der Bildfläche. Nun geht es um Matteo, der sich Jahre später auf einem Tennisplatz in eine Braut verliebt. Die Braut wird zu seiner fixen Idee, seiner Auserwählten. Aber das Schicksal lässt sich viele Jahre Zeit, sie wieder zusammenzubringen. Und selbst als das geschieht, haben beide Familien, Kinder, um die sich gekümmert werden muss.
Doch Moretti ist ein ungenierter Romantiker alter Schule. Selbst wenn Amors Pfeil auf einem Tennisplatz ins Netz geht, hat das bis in alle Ewigkeit, über alle (moralische) Hürden hinweg, Gültigkeit. Mithilfe seiner charmanten Darsteller – Louis Garrel und wieder Jasmin Trinca mit ihren unwiderstehlich unperfekten Zähnen – ist dem italienischen Woody Allen eine Romantikbombe fürs Programmkino gelungen. Sogar The Boss, Bruce Springsteen, hat darin einen bemerkenswerten Auftritt. Ein Film wie eine rosarote Seifenblase, die immer größer und schillernder wird, um dann doch zu zerplatzen. Aber auch für Träume und Schäume ist das Kino da. Ringsherum wurde jedenfalls kräftig geschluchzt und "Bellissimo" gerufen.
Bertoluccis letztes Skript
So weit, so gut für das italienische Kino im Venedig-Wettbewerb zur Halbzeit. Weniger gut rezipiert wurde Andrea Pallaoros The Echo Chamber nach dem letzten Drehbuch von Bernardo Bertolucci vor dessen Tod 2018. Stetig verließen Menschen den Saal und im Nachgang hätte man sich gewünscht, es auch getan zu haben. Nicht, weil der Film schlecht war, sondern weil die letzte halbe Stunde das vorher Gesehene zerstörte.
Pallaoro hätte die letzten Seiten von Bertollucis Skript einfach aus dem Fenster dieser wunderschönen Londonder Filmwohnung werfen sollen. Dann wäre The Echo Chamber ein sensibel beobachtetes, melancholisches Kammerspiel über Liebe, Sucht und Kontrolle zwischen einem Musikproduzenten mit Schmerz- und Suchtproblematik (Luca Marinelli) und einer Therapeutin (Alicia Vikander) geworden. Auch Susan Sarandon als von Marianne Faithfull inspirierter Ex-Popstar, der mit brüchiger Stimme sein letztes Album aufnimmt, hätte als charismatische Nebenfigur wunderbar funktioniert.
Vielleicht kann sich Pallaoro für seinen nächsten Film von Moretti oder Strippoli inspirieren lassen, um sich freizuspielen vom erdrückenden Geist des verehrten Altmeisters. (Valerie Dirk aus Venedig, 7.9.2026)
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