„Jeder quetscht und schubst sich vorbei“: Mutter rechnet mit der Deutschen Bahn ab

Stand: 19.07.2026, 06:19 Uhr

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Klappsitz neben Fahrrädern statt Familienkomfort: Eine Mutter kritisiert die Deutsche Bahn für fehlende Sitzplätze für Eltern mit Kinderwagen im Zug.

Kassel – Verspätungen, marode Gleise, ausufernde Baustellen: Die Deutsche Bahn kämpft seit Jahren mit ihrem Image. Im Fernverkehr erreichte die Pünktlichkeitsquote zuletzt nur rund 61 Prozent – weit entfernt vom eigenen Ziel von mehr als 70 Prozent bis 2029. Als Ursache nennt der Konzern das überlastete, sanierungsbedürftige Schienennetz und zahlreiche Baustellen. Wer regelmäßig mit ICE oder IC unterwegs ist, kennt Verspätungen inzwischen eher als Normalfall denn als Ausnahme.

Collage aus Bahn und Mehrzweckabteil

Eine Mutter beklagt die Zustände im Mehrzweckabteil der Deutschen Bahn. © Collage Arne Dedert/picture alliance/dpa - Screenshot/a.l.ian/threads

Neben der Pünktlichkeit sorgt nun ein anderes Thema für Unmut. Eine Mutter zeigt auf der Plattform Threads mit einem Foto, wie wenig komfortabel Zugfahren mit Kind sein kann: eingezwängt zwischen Fahrrädern und Gepäck im Mehrzweckabteil, ohne festen Sitzplatz. Ihr öffentlicher Appell an die Deutsche Bahn macht deutlich, dass der Konzern beim Thema Familienfreundlichkeit aus Sicht vieler Eltern noch deutlichen Nachholbedarf hat.

Mit Kinderwagen zwischen Fahrrädern und Rollkoffern: Mutter fordert mehr Komfort in der Bahn

Das Foto sei nach Angaben der Passagierin an einem gewöhnlichen Freitagnachmittag, gegen 14 Uhr entstanden – zu einer Zeit also, in der von klassischem Berufsverkehr keine Rede sein könne. Trotzdem habe die Mutter im Mehrzweckabteil kaum Platz gefunden: Ihr Kinderwagen habe dicht neben mehreren Fahrrädern gestanden, ein freier Klappsitz sei Glückssache gewesen. In ihrem Beitrag wandte sie sich direkt an die Deutsche Bahn: „Ist geplant, dass auch mal Eltern mit einem Mindestmaß an Komfort bei euch fahren können?“

Die Reaktionen auf ihren Post fielen unterschiedlich aus. Es zwinge sie niemand, mit ihrem „Spross Zug zu fahren“, urteilte jemand. Ei Ein Teil der Community verwies darauf, dass Kinderwagen im Mehrzweckabteil eben genau richtig aufgehoben seien, während Eltern selbst einen regulären Sitzplatz nutzen könnten. Die Mutter widersprach dieser Einschätzung: Ohne Aufsicht könne das im Kinderwagen verstaute Gepäck leicht gestohlen werden, zudem diene der Wagen häufig auch als Schlafplatz für das Kind. Das Mehrzweckabteil erinnere an eine „Lagerhalle“, so die Mutter. „Es ist eng, es stinkt, jeder quetscht sich und schubst sich vorbei.“

Nicht nur Eltern äußerten sich zu dem Beitrag. Eine weitere Nutzerin schilderte, dass auch ihre sehbehinderte Mutter mit Rollator im Zug kaum einen geeigneten Platz finde und Radfahrende dabei wenig Rücksicht nähmen. Andere Kommentare wiesen darauf hin, dass das Mehrzweckabteil grundsätzlich für sperriges Gepäck aller Art gedacht sei und nicht speziell für Familien reserviert werden könne: „Gleiches Recht für alle“.

Kleinkind- und Familienabteil im Fernverkehr – doch der Regionalverkehr geht leer aus

Auf ihrer Website stellt die Deutsche Bahn ihre familienfreundlichen Angebote ausführlich vor. In nahezu allen ICE-Zügen sowie in den meisten IC- und EC-Verbindungen gibt es demnach eigene Kleinkindabteile mit Wickelmöglichkeit, kindersicheren Steckdosen und einem Stellplatz für den Kinderwagen in unmittelbarer Nähe der Sitzplätze. Ergänzt wird das Angebot durch Familienbereiche in der zweiten Klasse, in denen mehrere Sitzgruppen speziell für Eltern mit Kindern reserviert sind. Doch ein entsprechendes Angebot im Regionalverkehr gibt es nicht.

Hinzu kommt, dass selbst die Plätze im Fernverkehr begrenzt sind und im Voraus reserviert werden sollten, um sie sicher zu bekommen. Wer spontan oder kurzfristig verreist, geht oft leer aus. Auf ihrer Webseite rät die Bahn Eltern zudem, statt eines großen Kinderwagens lieber einen kompakteren Buggy oder ein Tragetuch mitzuführen. Statt das eigentliche Platzproblem zu lösen, überlässt die Bahn die Anpassung schlicht den Familien.

Wegfall der Familienreservierung verschärft die Unzufriedenheit zusätzlich

Das Platzproblem ist nicht der einzige Kritikpunkt, mit dem sich Familien derzeit konfrontiert sehen. Bereits im Juni 2025 strich die Deutsche Bahn die kostenfreie Familienreservierung ersatzlos, obwohl Politik, Verbände und Öffentlichkeit dies deutlich kritisiert hatten. Zuvor konnten Familien mit bis zu fünf Personen für pauschal 10,40 Euro einen Sitzplatz im Fernverkehr reservieren. Seit der Abschaffung wird jede Reservierung einzeln berechnet: 5,50 Euro in der zweiten und 6,90 Euro in der ersten Klasse.

Sebastian Heimann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Familienverbandes, kritisierte die Entscheidung mit Verweis auf die sozialen Folgen für Familien und mahnte, grundlegende Angebote sollten nicht ohne genauere Prüfung der Auswirkungen gestrichen werden. Die Bahn begründete den Schritt laut der Tagesschau mit der wirtschaftlichen Lage des Konzerns, der seine Angebote „wirtschaftlich tragbar“ gestalten müsse. Der Verkehrsclub VCD widersprach dieser Argumentation deutlich und sprach von einer verdeckten Preiserhöhung; eine von ihm gestartete Petition gegen die Abschaffung sammelte mehr als 128.000 Unterschriften. An ihrer Entscheidung hielt die Bahn dennoch fest.