Schweizer Kirchen veröffentlichen KI-Leitlinien für Gläubige
Jenseits des «säkularisierten Unheildramas»: Schweizer Kirchen veröffentlichen KI-Leitlinien für Gläubige
Nachdem der Papst im Frühling eine Enzyklika zum Umgang mit KI vorgestellt hat, bringen sich auch die Schweizer Landes- und Freikirchen in die Diskussion ein. Ihr Ton ist weniger apokalyptisch.
12.10.2026, 14.10 Uhr
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Die Kirchen galten lange als technologieskeptisch, bringen sich jetzt aber sehr aktiv in die Debatten rund um KI ein. Im Bild: die reformierte Kirche Dielsdorf.
Michael Buholzer / Keystone
KI weckt bei den Menschen Hoffnungen, aber auch Ängste. Daher haben die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS), die Schweizer Bischofskonferenz (SBK), der Dachverband der Freikirchen, die Christkatholische Kirche und die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA) am Montag ihre KI-Leitlinien veröffentlicht. Mit zehn gemeinsam erarbeiteten Grundsätzen geben die Kirchen ihren Mitgliedern und weiteren Interessierten ein Instrument zum Umgang mit KI an die Hand.
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Bereits im Frühling hatte Papst Leo XIV. eine mehr als hundertseitige Enzyklika vorgestellt, in der er sich eingehend mit dem Thema KI und den Auswirkungen auf die Menschen beschäftigt hat. Sie orientiert sich stark an der Soziallehre der katholischen Kirche. Die Leitlinien der Schweizer Landes- und Freikirchen haben einige Überschneidungen mit dem Lehrschreiben des Papstes, stützen sich aber auf theologische Grundüberzeugungen, die in allen christlichen Traditionen mitgetragen werden.
«Wir möchten Menschen eine handlichere Orientierungshilfe zur Verfügung stellen, die wichtige ethische Anliegen auf zehn kompakte Leitlinien kondensiert. Sie macht auf Gefahren aufmerksam, stellt aber auch die Chancen dieser Entwicklung heraus», sagt Manuel Schmid, der Leiter Kompetenzzentrum Theologie und Ethik bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.
Betonung der Chancen
In ihren Leitlinien stellen die Kirchen das christliche Menschenbild den Herausforderungen im Umgang mit künstlicher Intelligenz gegenüber. In einer Medienmitteilung schreiben die Kirchen, dass Menschen etwas anderes seien als Maschinen und mehr als nur Daten. Beziehungen lebten von leiblicher Erfahrung. KI könne daher kein menschliches Gegenüber ersetzen. Auch lasse sich die Persönlichkeitsbildung nicht delegieren. Die kreativen, sozialen und geistigen Gaben der Menschen seien ihnen als Anlage geschenkt und müssten geübt werden.
Digitale Macht brauche zudem Grenzen, und die Menschen müssten diese mitgestalten können. Schliesslich habe der technologische Wandel auch Folgen für die Umwelt.
Bei ihren Leitlinien gehen die Schweizer Kirchen aber auch auf die Chancen von KI ein. «KI ist weder ein Heils- noch ein Unheilsbringer», sagt Schmid. So seien KI-Anwendungen in der Bildung durchaus nützlich. Ausserdem erleichtere KI auch die Kommunikation zwischen den Menschen, etwa indem sprachliche Grenzen einfacher überwunden werden könnten. «Wir wollen der KI-Revolution nicht mit Fatalismus begegnen, sondern sie mitgestalten», sagt Schmid.
Machtkonzentration bei Tech-Chefs problematisch
Damit fallen die Leitlinien der Schweizer Kirchen etwas weniger alarmistisch aus als die Enzyklika von Papst Leo XIV. Auch er nannte in seiner Schrift zwar einige positive Aspekte der KI. Vor allem aber machte er auf die Machtkonzentration bei einigen Tech-Bossen aus dem Silicon Valley aufmerksam, welche die neue Technologie mit sich bringt. Ohne ihre Namen explizit zu nennen, schreibt er: «Kleine, sehr einflussreiche Gruppen können Informationen und Konsum lenken, demokratische Prozesse konditionieren und die wirtschaftliche Dynamik beeinflussen.»
Wie einflussreich diese Gruppen bereits geworden sind, zeigte sich im September. Die beiden führenden KI-Firmen Open AI und Anthropic gaben bekannt, die Entwicklung bei ihren KI-Tools ab sofort zu verlangsamen. Auch Elon Musks Grok stimmte der Pause zu. Mehrere Sicherheitsforscher äusserten sogar Befürchtungen, dass KI die Menschheit auslöschen werde, und sorgten damit weltweit für Angst und Schrecken.
Zu diesem Doomsday-Szenario schreiben die Kirchen nüchtern: «Wo KI als schicksalhafte, übermenschliche Macht erscheint, die die Menschen unweigerlich beherrscht, ersetzt oder auslöscht, ist meist nicht die Technik am Werk, sondern eine Erzählung über sie: ein säkularisiertes Unheildrama, das den Menschen ihre Freiheit und ihren Handlungsspielraum abspricht.»