Große Entschlossenheit, klare Forderungen: So reagieren die deutschen CSD-Städte auf den Anschlag in Berlin
„Jetzt erst recht“: Deutsche CSD-Städte setzen nach dem Anschlag klare Zeichen
Stand: 29.07.2026, 14:01 Uhr
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Trauer, Wut – und Entschlossenheit. Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD fallen andere Events 2026 nicht aus. Die Botschaft: „Wir lassen uns nicht einschüchtern.“
Berlin – Der Angriff auf den Christopher Street Day in Berlin hat tiefe Spuren hinterlassen, auch weit über die Hauptstadt hinaus. In Hamburg, Essen, Nürnberg, Bremen und Dortmund sollen die geplanten CSD-Veranstaltungen dennoch stattfinden. Ein gemeinsamer Tenor schwingt mit: Absagen wären das falsche Signal.

Dennoch wurden Krisensitzungen abgehalten, Sicherheitskonzepte neu durchdacht, Mahnwachen organisiert und Kondolenzbücher ausgelegt. Die Frankfurter Rundschau von Ippen.Media hat in den großen Städten nachgefragt, wie es sich anfühlt, jetzt eine Pride-Veranstaltung zu planen.
„Wir lassen uns nicht einschüchtern“: Diese Städte organisieren noch 2026 einen CSD
| Ort | Datum | Veranstalter |
|---|---|---|
| Hamburg | 1. August 2026 | Hamburg Pride e.V. |
| Essen | 8. August 2026 | ruhrPRIDE e.V. |
| Nürnberg | 8. August 2026 | Förderverein Christopher-Street-Day Nürnberg e. V. |
| Bremen | 22. August 2026 | CSD Bremen e. V. |
| Dortmund | 5. September 2026 | SLADO e. V. (Dachverband der queeren Vereine Dortmunds) |
Erster CSD nach dem Berliner Anschlag findet in Hamburg statt: „Spüren vollen Rückhalt der Polizei“
In Hamburg findet der erste CSD nach dem Anschlag von Berlin statt. Man stehe jetzt noch enger im Austausch mit den Behörden als ohnehin schon, sagt Manuel Opitz von HamburgPride. Täglich nehmen die Sicherheitsbehörden eine neue Lagebeurteilung vor. Da es aktuell keine konkreten Gefährdungshinweise gebe, fiel die Entscheidung: Der CSD findet statt. Die Polizei kündigte zudem an, die Zahl der eingesetzten Kräfte zu erhöhen.
Der Schmerz von Berlin bekommt in Hamburg einen festen Platz: Während der politischen Kundgebung am Freitag um 19:45 Uhr ist unter anderem eine Schweigeminute geplant. Im Pride House, dem zentralen Haus der bereits angelaufenen Pride Week, liegt ein Kondolenzbuch aus, „in dem Menschen ihre Gedanken und Gefühle niederschreiben können“. Weitere Formen des Gedenkens seien in Planung.
Dass Teilnehmende dem Hamburger CSD in diesem Jahr fernbleiben, erwarten die Veranstalter nicht. Im Gegenteil: „Unser Eindruck ist, dass ein ‚Jetzt erst recht!‘ deutlich überwiegt“, berichten sie. „Bei uns melden sich im Moment unglaublich viele Personen, die schreiben, dass sie gerade jetzt auf die Straße gehen wollen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen, dass sie sich nicht verstecken wollen.“
Politik und Polizei stünden bereits fest hinter der Community. „Was wir jetzt brauchen, ist der Rückhalt aus der Mitte der Gesellschaft“, so Opitz. „Deshalb rufen wir alle Menschen in Hamburg auf, mit uns gemeinsam auf die Straße zu gehen und ein Zeichen gegen Hass und Gewalt zu setzen.“
CSD in Essen: „Wer am ruhrPRIDE teilnimmt, setzt ein Zeichen für Freiheit, Vielfalt und Demokratie“
Beim ruhrPRIDE-Team in Essen ist die Trauer groß. „Der Anschlag auf den Berliner CSD hat uns tief erschüttert“, heißt es aus dem ehrenamtlichen Organisationsteam. „Unsere Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen sowie allen, die dieses schreckliche Ereignis miterleben mussten.“ Die vergangenen Tage seien „sehr intensiv“ gewesen: Neben der eigentlichen ruhrPRIDE-Vorbereitung organisierte das Team kurzfristig eine Mahnwache und führte „viele Gespräche innerhalb der Community“.
An eine Absage haben die Veranstalter dennoch nie ernsthaft gedacht: „Ein CSD ist eine Demonstration für Menschenrechte, Vielfalt und Demokratie. Wenn Hass und Gewalt dazu führen würden, dass wir unsere Veranstaltungen absagen, hätten diejenigen ihr Ziel erreicht, die unsere offene Gesellschaft angreifen. Deshalb gilt für uns: Jetzt erst recht.“ Gemeinsam mit Polizei und Stadt wurden bestehende Sicherheitskonzepte noch einmal „intensiv überprüft“ – zu Details schweigt man aus nachvollziehbaren Gründen.
Der Mahnwache in Essen, bei der bereits wenige Tage nach dem Anschlag Menschen aus der Community zusammenkamen, soll beim ruhrPRIDE selbst eine Schweigeminute folgen. „Es ist uns wichtig, den Betroffenen und ihren Angehörigen unsere Solidarität auszudrücken und gleichzeitig deutlich zu machen, dass wir uns von Gewalt nicht einschüchtern lassen.“
An die Teilnehmenden richtet das Team einen Aufruf: „Wer am ruhrPRIDE teilnimmt, setzt ein Zeichen für Freiheit, Vielfalt und Demokratie.“ Gleichzeitig räumen die Organisatoren offen ein: „Wir verstehen, dass viele Menschen verunsichert sind.“ Trotzdem überwiege in den Rückmeldungen ein anderes Gefühl: „Viele Menschen schreiben uns, dass sie gerade jetzt bewusst teilnehmen möchten. Das Gefühl ‚Jetzt erst recht‘ ist in der Community sehr präsent.“
Politisch fordert Essen mehr als warme Worte: „Ein klares und dauerhaftes Bekenntnis von Politik und Gesellschaft zum Schutz queerer Menschen.“ Mit konsequenter Strafverfolgung queerfeindlicher Gewalt, verlässlicher Finanzierung queerer Infrastruktur und der klaren Botschaft, „dass Angriffe auf Minderheiten immer Angriffe auf unsere Demokratie sind“.
Nürnberger CSD findet statt: „Gerade jetzt wollen viele dabei sein und Solidarität zeigen“
In Nürnberg zeigt sich der Förderverein Christopher-Street-Day sehr emotional. „Natürlich macht so eine Tat Angst. Gleichzeitig macht sie uns auch wütend, weil sie zeigt, dass queere Menschen noch immer Ziel von Hass und Gewalt werden“, sagt das Organisationsteam. Seit Berlin gebe es viele Gespräche „im Vorstand, im Organisationsteam und mit Ehrenamtlichen“. Die Gedanken der Veranstalter seien „bei der getöteten Person, den Verletzten, ihren Familien und allen, die das Erlebte verarbeiten müssen“.
Man habe durchaus diskutiert, wie mit der Situation umzugehen sei – doch die Antwort stand schnell fest: „Wenn wir jetzt aus Angst unsere Sichtbarkeit aufgeben, wäre das genau das Signal, das Menschen senden wollen, die unsere Community einschüchtern möchten.“ Die CSD-Demonstration am 8. August und das Finale am Kornmarkt am 8. und 9. August finden deshalb „nach aktuellem Stand“ statt. Treffpunkt der Demo ist um 11:30 Uhr am Prinzregentenufer – ausdrücklich eingeladen sind auch die „Allies“, die Unterstützerinnen und Unterstützer von außerhalb der Community: „Gerade jetzt zählt Solidarität.“
Bei allen Veranstaltungen der Prideweeks wird mit einer Gedenkminute an die Betroffenen erinnert. Über konkrete Sicherheitsmaßnahmen spricht man bewusst nicht öffentlich, prüfe aber gemeinsam mit Polizei und Stadt das bestehende Konzept.
Aus der Community berichten die Veranstalter von gemischten Gefühlen: Sorge einerseits, Zusammenhalt andererseits. „Viele sagen ganz bewusst: Gerade jetzt wollen wir dabei sein und Solidarität zeigen. Das macht uns Mut.“ Ihre Forderung ist klar: „eine klare und ernst gemeinte Haltung gegen Queerfeindlichkeit“ – denn „Hass und Gewalt gegen queere Menschen dürfen niemals relativiert oder hingenommen werden“.
Bremen will am Christopher Street Day Zeichen setzen: „Wir lassen uns nicht einschüchtern“
Aus Bremen kommen ebenfalls Worte der Solidarität: „Der Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin erfüllt uns mit tiefer Trauer. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Verstorbenen, bei den Verletzten und bei allen, die das Geschehene miterleben mussten.“ Ein Anschlag wie dieser richte sich „nicht nur gegen einzelne Menschen, sondern gegen das Recht aller, frei, sicher und sichtbar leben zu können“. Der CSD Bremen stelle sich „in Solidarität an die Seite des CSD Berlin und aller queeren Menschen“. Die Botschaft: „Wir lassen uns nicht einschüchtern. Im Gegenteil: Gerade jetzt ist es wichtiger denn je, gemeinsam für Vielfalt, Demokratie und Menschenrechte einzustehen.“
Am Samstag, 22. August 2026, wird Bremen unter dem Motto „Generationen voller Pride – glücklich – sichtbar – stark“ erneut zur Bühne für diesen Anspruch: Die Demonstration startet um 12 Uhr am Altenwall, erwartet werden bis zu 30.000 Menschen. Bemerkenswert: Mehr Gruppen, Vereine, Initiativen und Unternehmen als je zuvor haben ihre Teilnahme angemeldet. Nach den Ereignissen in Berlin erfahre der CSD Bremen „von vielen Seiten eine größere Wahrnehmung und Solidarität“. Die Organisatoren deuten das als Zeichen der Zeit: „Es zeigt sich nach einer solchen Tat, dass Menschen sich nicht zurückziehen, sondern handeln und mobilisiert werden.“
Die Route bleibt gegenüber dem Vorjahr unverändert: vom Altenwall über Osterdeich, Sielwall, Am Dobben, An der Weide, Bahnhofsplatz, Bürgermeister-Smidt-Straße und Obernstraße zurück zum Altenwall. Den Abschluss bildet die Kundgebung im Bereich Goetheplatz/Am Wall unter dem Motto „Gemeinsam für Respekt und Akzeptanz“ mit Redebeiträgen, Musik und kulturellem Programm bis in die späten Abendstunden.
Politisch fordert der Verein aus Bremen unter anderem die Aufnahme von sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität in Artikel 3 des Grundgesetzes, konsequenten Ausbau des Schutzes vor queerfeindlicher Gewalt, bessere Erfassung und Strafverfolgung queerfeindlicher Straftaten, verpflichtende Sensibilisierung von Polizei und Justiz, verlässliche Finanzierung queerer Vereine und Beratungsstellen und barrierefreie Infrastruktur wie Unisex-Toiletten. Außerdem mehr Angebote für queere Seniorinnen und Senioren, besseren Schutz queerer Kinder und Jugendlicher sowie eine diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung. Der Anspruch dahinter: „Jeder Mensch trägt Verantwortung dafür, dass Vielfalt, Respekt und Menschenwürde im Alltag gelebt werden.“
Dortmund erinnert an Berliner CSD-Motto: „Haltung ist hot – und unsere Community hält zusammen“
In Dortmund war die Marschrichtung von Anfang an klar: Keine Absage, keine Verschiebung. „Unser Sicherheitskonzept ist schon hoch“, so Anika Freytag aus dem Vorstand des Slado e.V. Der Verein nimmt nun gemeinsam mit Stadtverwaltung, Polizei, Ordnungsamt und eigenem Security-Team eine „gemeinsame detaillierte Prüfung“ vor. Konkretere Details zur Gefahrenanalyse sollen erst in rund drei Wochen folgen. Der Anspruch bleibt derselbe wie immer: „Unser CSD soll ein Safe Space für Alle sein, in dem wir uns alle frei bewegen können und sichtbar sind.“
Schon am Mittwoch, 29. Juli 2026, um 19 Uhr lädt der CSD Dortmund auf dem Friedensplatz zu einer Mahnwache – ein Ort für „Trauer, Zusammenhalt, Gedenken an die verstorbene Person sowie an alle verletzten Menschen“. Die Veranstalter greifen dabei bewusst das Motto des Berliner CSDs auf: „Haltung ist hot – und unsere Community hält zusammen!“
An die Teilnehmenden richten sie einen Appell: „Wie immer empfehlen wir, nicht alleine zum oder weg vom CSD zu gehen und achtet alle gegenseitig aufeinander. Unser Team und unsere Security sind für euch da.“
Und auch in Dortmund zeigt sich, dass Angst offenbar nicht das letzte Wort hat: „Derzeit haben wir mehr das Gefühl, dass wir sagen: Und jetzt erst recht stehen wir für mehr Sichtbarkeit ein.“ Neue Vereine meldeten sich zur Teilnahme an – „und das nicht nur aus unserer queeren Community.“
„Jetzt erst recht“: Community lässt sich vom Anschlag auf den Berliner CSD nicht die Sichtbarkeit nehmen
Fünf Städte, ein Grundton. Aber auch in kleineren Städten als Hamburg, Essen, Nürnberg, Bremen und Dortmund überwiegt die Entschlossenheit, sich vom Anschlag in Berlin nicht die Sichtbarkeit nehmen zu lassen. Überall wurden Sicherheitskonzepte in enger Abstimmung mit Polizei und Behörden nachgeschärft, überall finden sich Formen des Gedenkens. Und fast überall tauchen die drei Worte auf, die zum inoffiziellen Motto dieses CSD-Sommers werden könnten: Jetzt erst recht. (Quellen: Hamburg Pride e.V., ruhrPRIDE e.V., Förderverein Christopher-Street-Day Nürnberg e. V., CSD Bremen & umzu e. V., SLADO e. V.) (moe)