Jüdischer Jagdflieger mit Hakenkreuz: Lorenz Beckhardt erzählt Familiengeschichte

Stand: 16.09.2026, 14:00 Uhr

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Von links: Katharina Umbach, Florance Yaquby, Lorenz Beckhardt, Annika Pütz, Nikolas Huneck und Tim Kieweg.

Führten zu Beginn des Vortrags ein kurzes Interview: (von links) Katharina Umbach, Florance Yaquby, Referent Lorenz Beckhardt, Annika Pütz, Nikolas Huneck und Tim Kieweg. © Julius Köhler

Journalist Lorenz Beckhardt berichtete Schülern der Alten Landesschule Korbach von seiner deutsch-jüdischen Familie und deren Leben vor, während sowie nach der NS-Zeit.

Korbach – Einen eindrucksvollen Einblick in die Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie vor, während und nach der NS-Zeit erhielten die Jahrgänge 11 und 13 der Alten Landesschule. Zu Gast in der Aula war der öffentlich-rechtliche Wissenschaftsjournalist und Jude Lorenz Beckhardt. Er erzählte die Geschichte seiner Familie – von seinem Großvater Fritz Beckhardt, einem patriotischen Jagdflieger im Ersten Weltkrieg, bis zu seinem Vater Kurt und seiner eigenen Entdeckung der jüdischen Herkunft.

2014 veröffentlichte Beckhardt das Buch „Der Jude mit dem Hakenkreuz“, in dem er die Geschichte seiner Familie aufarbeitete. Er selbst erfuhr erst als junger Erwachsener eher zufällig, dass er Jude ist und zahlreiche Verwandte Opfer des Holocaust geworden waren.

Zu Beginn des Vortrags führten einige Schüler mit dem Referenten ein kurzes Interview. Katharina Umbrachte wollte wissen, wie Beckhardt zum Journalismus gekommen sei. Nach seinem Chemie-Studium habe er sich gegen eine Karriere in der verpönten Chemie-Industrie entschieden. Da er politisch aktiv gewesen sei und gerne geschrieben habe, sei er nach mehreren Praktika schließlich zum Journalismus gekommen. Auch die politische Gegenwart wurde thematisiert. Auf die Frage von Florance Yaquby nach seiner Haltung zur AfD erklärte Beckhardt, er könne die Unzufriedenheit vieler Menschen nachvollziehen. Es sei für ihn jedoch unverständlich, deshalb eine seiner Meinung nach faschistische Partei zu wählen.

Im Mittelpunkt des Vortrags stand Fritz Beckhardt, Lorenz Beckhardts Großvater. Dieser stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie und war ein überzeugter Patriot. Wie viele junge Juden seiner Generation identifizierte er sich stark mit dem Kaiserreich und meldete sich zum Militärdienst für den Ersten Weltkrieg. Im Ersten Weltkrieg wurde Fritz Beckhardt zunächst Soldat und später zum Jagdflieger ausgebildet.

Besonders ungewöhnlich war das aufgemalte Hakenkreuz auf seinem Flugzeug. Für Beckhardt war die linksgewinkelte Swastika damals ein persönliches Glücks- und Nationalsymbol, das er auch ständig als Amulett mit sich führte. Das Hakenkreuz bekam erst 1921 durch Adolf Hitler die Bedeutung für die kommende Zeit.

Nach dem Ersten Weltkrieg heiratete Fritz Beckhardt und übernahm das elterliche Lebensmittelgeschäft in Wiesbaden-Sonneberg. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich sein Leben jedoch grundlegend. Sein Geschäft wurde durch den Boykott jüdischer Geschäfte immer mehr geschädigt. 1937 wurde er wegen seiner Affäre mit einer nichtjüdischen Frau und des gemeinsamen unehelichen Kindes wegen sogenannter „Rassenschande“ verurteilt und kam nach zwei Jahren im Zuchthaus in das KZ Buchenwald.

Da er im Ersten Weltkrieg in dem gleichen Jagdgeschwader wie Hermann Göring war, wurde er bereits 1940 wieder entlassen. Danach floh er mit seiner Frau Emma über Portugal nach England. Seine Kinder Kurt (Vater von Lorenz) und Hilde waren bereits 1939 nach der Reichspogromnacht mit einem sogenannten Kindertransport nach England gebracht worden. Dort wuchsen sie zunächst getrennt von ihren Eltern in Camps oder Pflegefamilien auf. Erst nach der Flucht der Eltern konnte die Familie wieder zusammenkommen.

1950 kehrte die Familie Beckhardt nach Deutschland zurück. Außer Tochter Hilde, die in England blieb. Fritz Beckhardt eröffnete 1955 sein früheres Geschäft erneut, nachdem er einen Teil seines während der NS-Zeit enteigneten Eigentums zurückerhalten hatte. Doch die Rückkehr in das Land, das seine Familie verfolgt hatte, war schwierig. Die Familie erlebte weiterhin Antisemitismus und Vorurteile. Kurt Beckhardt habe deshalb seinem Sohn später erzählt, dass er die Rückkehr mit seinen Eltern nach Deutschland lange bereut habe. Erst mit der Geburt seiner eigenen Kinder habe sich diese Einstellung langsam verändert.