Rätselhafte Postkarte aus Badeort: Junge Italienerin nach mehr als 40 Jahren noch immer vermisst

Junge Italienerin seit Jahrzehnten vermisst – mysteriöse Postkarte aus Badeort sorgt für Rätsel

Stand: 02.09.2026, 19:02 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Sie war 23, zierlich, und dann spurlos weg – ihr Mann saß bereits in Untersuchungshaft. Der Fall Germana Degasperi aus Trient erschüttert bis heute.

Trient – Wir schreiben das Jahr 1982, es sind die letzten Tage des Juni, und während sich Italien und die Welt mit den üblichen großen Themen beschäftigen – der Waffenstillstand im Libanon, die Verhandlungen zwischen Amerikanern und Sowjets in Genf, von denen man sich ein Abkommen über Nuklearsprengköpfe erwartet, die neuen Polemiken zwischen Craxi und De Mita und vor allem der Fußball-Mythos der Nationalmannschaft in Spanien, die im Begriff steht, gegen Argentiniens Maradona anzutreten –, erschüttert ein kleines Rätsel die Ruhe in der Provinz.

Partner-Content

Dieser Artikel von Jacopo Strapparava entstand in Kooperation mit Corriere della Sera.

Am 28. Juni ist die Polizei den ganzen Nachmittag über in Piedicastello (Trient) vor Ort: Sie durchkämmt die steilen Hänge des alten Steinbruchs von Italcementi, am Fuß der überhängenden Felswand, an deren Oberkante sich die Bergstation der Sardagna-Seilbahn befindet. Die Beamten suchen überall, im dichten Bewuchs, ohne etwas zu finden. Über den Fall herrscht striktes Stillschweigen. Doch die Zeitungen erfahren am nächsten Tag trotzdem genug, um in ihren Artikeln das Wort „Mord“ zu verwenden.

Bei San Cristoforo am Lago di Caldonazzo (deutsch: Caldonazzosee) werden Segelboote von der herbstlichen Sonne beschienen. Diesen Anblick können auch Camper genießen, denn hier haben sie eine große Auswahl an Plätzen.

Der myteriöse Vermisstenfall beschäftigt die Provinz Trentino seit Jahrzehnten. (Symbolbild) © IMAGO / Peter Schickert

Am 28. Juni sucht die Polizei in Piedicastello den ganzen Nachmittag lang vergeblich nach einer Frau. Ihr Name ist Germana Degasperi, 23 Jahre, aus Sardagna, wo sie jeder kennt. Sie ist ein zierliches, schwächliches Mädchen, das vielleicht 43 Kilo wiegt. Seit drei Jahren verheiratet. Seit nunmehr über zwei Monaten (genauer seit der Nacht vom 24. auf den 25. April) ist sie von zu Hause fort. Spurlos verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Flucht? Verbrechen? Selbstmord? Das Einzige, was feststeht, ist, dass der Ehemann bereits seit zwei Tagen in einer Zelle im Gefängnis in der Via Pilati sitzt.

Germana seit Jahrzehnten spurlos verschwunden: Verdächtiger Ehemann und frühere Gewaltvorwürfe

Der Ehemann ist eine Person, die man genau einordnen muss. Name: Aldo Giovannini. Alter: 25 Jahre. Sie hatten sehr jung geheiratet. Beruf: Angestellter im Geschäft Autoaccessorio in der Via Verdi in Trient. Tagelang hat er geschwiegen.

Es war die Schwiegermutter, Signora Bruna Bolognani, Mutter von Germana und zehn weiteren Kindern, sechs Töchtern und vier Söhnen, die am 5. Mai ins Polizeipräsidium auf der Piazza Mostra ging, um das Verschwinden der Tochter zu melden. „Germana erzählte mir von familiären Spannungen. Sie hat mir berichtet, dass ihr Mann Joints rauchte, dass sie Angst hatte, weil er versucht hatte, sie zu erwürgen.“ Offenbar trug das Mädchen ein weißes Tuch um den Hals, um die blauen Flecken zu verbergen.

Erst am 8. Mai erschien Aldo Giovannini bei der Polizei. Er erklärte, dass er und seine Frau schon seit Langem nicht mehr miteinander auskamen, dass die Ehe am Ende sei. Dass sie schon oft verschwunden sei, ohne ein Lebenszeichen zu geben. Dass er sie am 26. April angerufen habe, um ihr zu sagen, er komme zwei Stunden später nach Hause. Dass sie ihm geantwortet habe: „Interessiert mich nicht, man holt mich ab, ich gehe weg: Ich weiß nicht, ob wir uns noch einmal wiedersehen.“

Dann wurden die Dinge kompliziert. Am 9. Mai rief Aldo Giovannini seine Schwiegermutter Bruna an, um ihr mitzuteilen, Germana sei gesehen worden, wie sie allein in der Pizzeria Vesuvio zu Abend gegessen habe. Am 13. Mai bat er seinen Arbeitgeber Renato Baron um ein Darlehen, das er auch bekam. Er ließ sich krankschreiben. Dann fuhr er am 21. Mai ans Meer.

Einige Wochen später erhielt Laura Pisetta, eine Freundin der unglücklichen Germana, eine Postkarte aus Milano Marittima. „Mir geht es gut, und dir? Ich schreibe dir. Sprich mit Donata.“ Ein Schriftgutachten ergab, dass die Unterschrift „Germana“ gefälscht war. Die anderen Unterschriften auf der Karte gehörten nicht existierenden Personen.

Im Prozess wird der Anwalt Adolfo de Bertolini von der Anwaltskammer Trient erklären, dass das Mädchen schon mehrfach von zu Hause weggegangen sei. Dass der Ehemann sie jedes Mal gesucht habe, ihre Verwandten sie ihm aber verheimlicht hätten. Dass diese gefälschte Postkarte ein Trick gewesen sei, eine geniale Idee, um die Schwiegereltern dazu zu bringen, zu verraten, wo sie gelandet sei.

„Giovannini ist nicht allein ans Meer gefahren, sondern zusammen mit einem Freund, Mariano Corn“, wird die Verteidigung vortragen. „Halten Sie es für möglich, dass ein Mörder in Anwesenheit eines Zeugen eine derartige Inszenierung aufzieht?“ Für Laura Pisetta, die Empfängerin der Karte, erschien das möglich. Auch sie, als Dritte in der Reihe, ging zur Polizei, die Postkarte in der Hand, und berichtete, sie sei mit Germana in Pergine Valsugana tanzen gewesen, im Paradisi Star, in der Nacht vom 24. auf den 25. April.

Letzte Nacht vor dem Verschwinden und frühere Übergriffe

Sie erzählte, die Freundin sei um 1.30 Uhr nachts mit dem Panda eines gewissen Giuseppe Tommasino weggefahren. Sie habe Germana mehrfach mit Kratzern und Schrammen am Hals gesehen. Auch ihr habe die Unglückliche anvertraut, dass der Ehemann versucht habe, sie zu erwürgen.