Kalte Küche vom Feinsten: Saure Wurst trifft auf selige Affen
Kaum etwas ist so sehr Sommer auf dem Teller wie eine saure Wurst. Und nichts ist so sehr Sommer auf dem Teller wie eine saure Wurst mit guter Wurst. „Handwerkswurst“, sagt Roman Pfandler, nimmt eine stattliche Knacker und schneidet sie mit dem Messer in schräge dünne Scheiben.
Die Knackwurst kommt aus der Manufaktur des Litschauer Fleischhauers Franz Geitzenauer. „Für mich war von Anfang an klar“, sagt Roman Pfandler, „dass alles Fleischliche von dort kommen muss. Allein die Saumaisen sind ein Traum.“

Litschauer Gourmandisen: Saure Knacker und Mangerl.
Der Wirt im „Weinhaus Pfandler“ kennt Litschau seit seiner Kindheit. Seine Mutter ist in Österreichs nördlichster Stadt aufgewachsen; er selbst kann sich noch gut an die extrem langen Bratwürste erinnern, die es seit einer gefühlten Ewigkeit bei den Feuerwehrfesten gab.
Roman Pfandler hat schon ein gutes Stück Gastronomie in seinem Leben absolviert, allerdings in einem ganz anderen Feld als jetzt. „Ich war hauptsächlich in der Nachtgastro aktiv“, erzählt er. „Aber dann wollte ich etwas ruhiger treten.“ Als er 2017 diesen Entschluss fasste, kam er eines frühen Morgens auf dem Heimweg an einem geschlossenen Lokal vorbei, sah durch die schmutzigen Fenster und „verliebte“ sich auf der Stelle in dieses völlig aus der Zeit und seiner damaligen Lebenswelt gefallene Etablissement.
Er kontaktierte den Besitzer des früheren Weinhauses „Pitzl“; man einigte sich, und Roman Pfandler machte sich an die behutsame Renovierung, bei der natürlich alles beim Alten bleiben sollte.
Ein Relikt der Fifties
Und dieses Alte hat es in sich. Viele Ensembles aus den 1950er-Jahren mit fast ausschließlich originalen Elementen gibt es nämlich nicht mehr: eine Schankanlage der Traditionsfirma Riebl, hinter der sich ein ganzer Kühlraum befindet, Garderobenständer, die Roman Pfandler farblich mit elegantem Vespagrün aufgefrischt hat, Resopaltische, deren Platten wie fahle zartgrüne Wasseroberflächen schimmern, Deckenleuchten mit jeweils sechs Neonröhren („Die schauen allerdings ausgeschaltet besser aus“, sagt Pfandler, „weil sie geben ein echt brutales Rausschmeißerlicht“) und Sessel, die 1954 eigens für die Neueröffnung des Weinhauses „Pitzl“ angefertigt wurden.

Vintage: Riebl-Schank und Faema-Espresso-Maschine.
Kurz nach der Eröffnung als „Weinhaus Pfandler“, erinnert sich der Wirt, kam jemand ins Lokal, schaute sich um und rief: „Mah, die Sessel!“ Pfandler fragte: „Was ist mit denen?“ Und der Gast antwortete: „Die hat mein Großvater, ein Tischler, gemacht und 1954 hierher geliefert. Ich hab’ ihm als kleiner Bub dabei geholfen und dafür ein Kracherl spendiert bekommen.“
Es ist kurz nach 16 Uhr, bald sperrt Roman Pfandler auf, aber schon jetzt kommen Menschen zur Tür herein, nennen eine Nummer und erhalten dafür alles, was eine Greißlerei zu bieten hat. Das Weinhaus ist nämlich auch Abholstation für den regionalen Online-Hofladen „Paradeisa“. Pfandler kennt viele, die hereinspazieren; sie sind Stammkunden, so wie viele, die hier einen Abend verbringen, Stammgäste sind.
Gegessen wird derzeit vor allem kalt, ab Herbst gibt es auch wieder warme Speisen. „Ich seh’ das hier eher als eine Art Stadtheurigen.“ Doch was serviert wird, ist – auch abgesehen von den Litschauer Würsten – allerfeinste Ware. Der hausgemachte Liptauer enthält echten slowakischen Brimsen, den Bergkäse liefert die Vorarlberger Sennerei Sutterlüty, die Mangerl – ein typisches Gebäck des Waldviertels aus gefalteten Teigrollen mit Salz und Mohn – kommen aus der Litschauer Bäckerei Smetacek, wo sie meist schon am frühen Vormittag ausverkauft sind, und die Soleier (in saurer Salzlösung eingelegte harte Eier) macht Pfandler einfach selbst, je nach Lust und Laune mit Dille, roten Rüben oder Limetten gewürzt. „Ein Heurigenklassiker“, sagt er, und fügt lachend hinzu: „Die isst Homer Simpson immer in Moe’s Taverne in Springfield.“
Bleibt nur noch das Rätsel des geheimnisvollen Logos, das draußen auf der Glasscheibe prangt: zwei Primaten der Gattung Meerkatzen, dazu der Schriftzug „Zu den seligen Affen“. Hieß das Weinhaus früher einmal so? Roman Pfandler muss schon wieder lachen: „Nein, zu dem Namen gibt es zwei Geschichten, eine wahre, die ist aber ziemlich langweilig, und eine lustige.“ Na dann doch lieber die lustige ...
„Irgendwann einmal hat Kaiser Franz Joseph I. Meerkatzen für den Zoo Schönbrunn bestellt, die sind in einer großen Kiste da draußen am Bahnhof Meidling angekommen. Beim Ausladen ist die Kiste zerbrochen, und die ganze Dörfelstraße war voller Affen.“
Wie selig wären die erst gewesen, wenn es das „Weinhaus Pfandler“ damals schon gegeben hätte ...
kurier.at, salz | 25.07.2026, 17:30