WM 2026: Wofür stehen Spanien und Argentinien? Der Kampf um Fußball-Identität

Kampf der Systeme – wie die Finalgegner Spanien und Argentinien den Fussball verkörpern

Was anderen grossen Fussballnationen an diesem Turnier fehlte, haben die Finalgegner Spanien und Argentinien. Beide haben eine klare Identität und wissen in jeder Phase des Spiels, was zu tun ist.

19.07.2026, 05.30 Uhr

7 Leseminuten


Das gesamte Spiel Argentiniens ist auf ihn ausgerichtet: Lionel Messi.

Das gesamte Spiel Argentiniens ist auf ihn ausgerichtet: Lionel Messi.

Carmen Mandato / Fifa via Getty

Identität ist ein grosses, aber schwieriges Wort. Was gehört zur Identität eines Menschen, einer Institution – einer Fussballmannschaft? Sind es Eigenschaften, die die Betreffenden selbst für sich reklamieren, oder werden sie ihnen von aussen zugeschrieben? Gewiss ist eines: Im Fussball ist die Frage nach der Identität einer Mannschaft eine ganz zentrale.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

So erklärte jüngst Philipp Lahm, der ehemalige deutsche Aussenverteidiger und Captain der Weltmeistermannschaft von 2014, dass ein wesentlicher Teil der Probleme im deutschen Fussball darauf zurückzuführen sei, dass das Spiel der Nationalmannschaft eigenartig konturlos geworden sei. Keine Idee davon zu haben, wofür man eigentlich steht: Das ist ein Dilemma – und somit eine ziemlich schwammige Grundlage, wenn es darum geht, Spitzenleistungen zu erbringen.

Identität per Vertragsklausel

Es gibt Spezialisten für Identitätsbildungsprozesse im Fussball. Jürgen Klopp, der designierte deutsche Nationaltrainer, ist einer von ihnen; er hat es an verschiedenen Orten gezeigt, nun will er es mit dem Nationalteam versuchen. Es gibt sogar Nationen, denen nicht nur von aussen eine klar definierte fussballerische Identität zugeschrieben wird: Einst gehörte es zum vertraglich fixierten Arbeitsauftrag des niederländischen Nationaltrainers, attraktiven, offensiv ausgerichteten Fussball im Stil des «Totaalvoetbal» zu spielen.

Das kann hinderlich sein, wenn gerade nicht die entsprechenden Spieler verfügbar sind. Es kann allerdings ein grosser Vorteil sein, wenn man genau weiss, wofür man steht – so, wie es die beiden Finalteilnehmer Argentinien und Spanien tun. Es sind die beiden Teams, die sich mit ihrer Idee vom Fussball am klarsten von der Konkurrenz unterschieden. Erst recht in schwierigen Momenten zeigten sie, was sie ausmacht.

Es wäre untertrieben, würde man behaupten, ihr Weg in den Final sei leicht gewesen. Das Gegenteil war der Fall. Sowohl Spanien als auch Argentinien mussten sich quälen. Das 0:0 zu Beginn gegen Kap Verde liess erste Zweifel aufkommen, ob der Europameister bei dieser Weltmeisterschaft seiner Rolle als einer der Favoriten gerecht werden könne. Es waren sachte Steigerungen von Spiel zu Spiel, bis zu jenem triumphalen Auftritt beim 2:0 im Halbfinal gegen Frankreich, der alle Qualitäten der Spanier in Reinform zeigte.

Ebenso wenig hatten es die Argentinier leicht: Nicht nur beim 3:1 im Viertelfinal gegen die Schweiz stand das Spiel auf der Kippe, sie hätten schon zuvor gegen Ägypten ausscheiden können. Und gegen England im Halbfinal hätte es ebenfalls eng werden können, hätte das Team des deutschen Trainers Thomas Tuchel nach dem Führungstreffer nicht den Spielbetrieb eingestellt.

Doch in all diesen schwierigen Augenblicken geschah etwas, was nur auf den ersten Blick schwer erklärlich wirkt. Die Mannschaft reaktivierte Fähigkeiten, die in den langen Minuten zuvor nicht zutage getreten waren. Man denke an das Zuspiel von Lionel Messi auf Lautaro Martínez gegen England, an die brutale Viertelstunde nach dem 0:2-Rückstand gegen Ägypten, an die Weigerung, ein Spiel aus der Hand zu geben. Aber vor allem an das Wissen darum, dass in ihren Reihen einer wie Messi ist, der es auf irgendeine Weise schon richten wird.

Der Glaube an das Genie: Er gehört zum argentinischen Fussball wie der Rosenkranz zum Katholizismus – und zwar seitdem der Kult um Diego Maradona quasireligiöse Züge hat. Die Verehrung für den Mann mit der Nummer 10 ist unverändert grenzenlos, denn die Argentinier wissen, was sie ihm zu verdanken haben. Er war der Dreh- und Angelpunkt einer eher mediokren Mannschaft, die 1986 England aus dem Wettbewerb warf und gegen Deutschland Weltmeister wurde: Nicht die Mannschaft trug das Spiel ihres Stars, sondern Maradona hob das Team auf ein ganz anderes Niveau.

Die Härte gehört seit je dazu

Insofern liegt eine gewisse Folgerichtigkeit darin, dass Maradona in Messi einen Nachfolger gefunden hat, der im Begriff ist, ihn zu übertreffen. Der Streit, wer nun der grösste Kicker der Fussballgeschichte sei, sei für einmal beiseitegestellt; gute Argumente gibt es für jeden dieser beiden.

Ihre Ähnlichkeiten sind verblüffend gross. Zwar sind es keine Sololäufe Messis über das halbe Feld mehr, die Spiele entscheiden, aber es ist die Eingebung im entscheidenden Augenblick. Einen solchen Spieler kann kein Gegner neutralisieren. Eine Flanke genügt, wie gegen England auf den Kopf von Lautaro Martínez.

Argentiniens Spiel trägt seit je eine eigene Signatur. Es ist geprägt von vielen Einflüssen; es hat einen ganz eigenen Rhythmus, stakkatoartig, unberechenbar. Und gerade deshalb sind die Argentinier Spezialisten darin, den Rhythmus des Gegners zu zerstören.

Provokationen, wie sie auch gegen England zu sehen waren, sind nicht selten. Die robuste, bisweilen unfaire Gangart gehört zum Erbgut des argentinischen Nationalteams. Der regelrecht brutale Oscar Ruggeri aus dem WM-Team um Maradona hat viele Wiedergänger. Sie hiessen mal Diego Simeone, mal Walter Samuel, mal Fabricio Coloccini. Heute sind es Cristian Romero und Lisandro Martínez, die im Zweikampf nicht unbedingt mit feiner Klinge vorgehen.

Es ist ein ziemlich wagemutiges Unterfangen, eine Mannschaft um einen 39-Jährigen aufzubauen. Aber für Lionel Messi gibt es tatsächlich keine Alternative. Das bedeutet auch, dass er geschützt werden muss – durch Adjutanten wie Alexis Mac Allister, Leandro Paredes oder Giuliano Simeone, dessen Spielweise sich stark an die seines Vaters Diego anlehnt. Messi eine solche Sonderrolle zu gestatten, ist kein Ausdruck von Dekadenz, sondern eine Notwendigkeit. All seine Mitspieler wissen, dass es in jedem Match diese Augenblicke gibt, in denen das Spiel zu Messi kommen wird. Und dass er es dann entscheiden kann.

Im Grunde ist es ein Kollektiv um einen Prinzipal. Und darin unterscheidet sich Argentinien ganz wesentlich vom Gegner, aber auch von dessen Traditionen. Das Fundament, auf dem die Souveränität der Spanier bei diesem Turnier fusst, ist ebenfalls historisch gewachsen; man konnte in den letzten Jahren dabei zuschauen, wie sie zu einer fussballhistorischen Grösse heranwuchsen.

Dabei gibt es durchaus Gemeinsamkeiten mit dem Gegner am Sonntagabend: Die Wege der Trainer kreuzten sich in der Ausbildung – Luis de la Fuente hatte dieselben Dozenten wie einst Lionel Scaloni, als dieser nach Spanien ging, um dort seine Kenntnisse zu vertiefen. Und noch etwas anderes zeichnet beide aus: Sie stammen aus dem Nachwuchsbereich, ihnen sind die Strukturen des Verbandes vertraut, sie gewannen als Trainer mit Nachwuchsteams Titel. Eine Kontinuität, die sich auch in den Nationalmannschaften fortsetzt und Vertrauen schafft.

2008 verblüffte Spanien die Konkurrenz

Nur ist der Stil der Spanier ein anderer: weniger geprägt von Härte als vom Fluss. Die alles überragende Figur scheint es im spanischen Fussball nicht zu geben – ein Kollektiv, aber auf allerhöchstem Niveau, das sich vor allem durch seine Strategen auszeichnet. 2008, als Spanien nach jahrzehntelangen Anläufen mit der Europameisterschaft die Neurose der Titellosigkeit ablegte (der 1964 gewonnene EM-Titel hatte noch nicht dieselbe Bedeutung wie die drei späteren), verblüffte es Fachwelt und Gegner mit seinem Kurzpassspiel, das die Attacken des Gegners ins Leere laufen liess. Beim folgenden Turnier, der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, degenerierte das System und erschien dadurch bisweilen berechenbar. Es fehlte die Tiefe, vor allem aber fehlten die Stürmer.

Heute erinnert die Equipe von Luis de la Fuente stärker an die Mannschaft von Luis Aragonés aus dem Jahr 2008: Es ist weniger ein Team, das den Gegner durch schiere Dominanz niederwalzt, sondern eines, das bei aller Ballsicherheit zu schnellen Kontern fähig ist – und in Lamine Yamal vom FC Barcelona den idealen Spieler hat, um diese auszuspielen. Niemand unter den Angreifern ist sich zu schade, auch an vorderster Front defensiv zu arbeiten – nicht Lamine Yamal, nicht Dani Olmo und erst recht nicht der wackere Baske Mikel Oyarzabal aus San Sebastián.

Er ist gewissermassen ein spanischer Archetyp. Denn wenn es den Spaniern traditionell an einem Spielertypus fehlt, dann sind es Mittelstürmer von internationalem Format. Seitdem Fernando Torres und David Villa sich vor mehr als anderthalb Jahrzehnten mit Verletzungen plagten, hat sich kein Weltklassespieler mehr für diese Position gefunden. Es hat die Spanier auch deshalb nicht an internationalen Erfolgen gehindert, weil Spieler wie Oyarzabal einen Wert haben, der über den blossen Torerfolg hinausgeht: Unablässig beschäftigt er die Verteidiger des Gegners.

Was angesichts der Geschlossenheit dieser Mannschaft leicht untergeht, ist die Qualität der einzelnen Protagonisten. Sie verstellt den Blick auf das Genie, das in dieser Mannschaft steckt. Niemand hat bessere Aussenverteidiger als Spanien, die offensiv wie defensiv gleichermassen stark sind. Marc Cucurella – dessen Handspiel gegen die deutsche Mannschaft an der EM für Diskussionen sorgte – ist einer der herausragenden Spanier bei diesem Turnier.

Rodri ist ein diskreter Gestalter

Auch Rodri und Fabián Ruiz, zwei herausragende defensive Mittelfeldspieler, prägen das Spiel und vermögen den Rhythmus eines jeden Gegners effektiv zu stören. Ihr Auftritt ist weniger spektakulär als diskret – auch das traditionell eine Stärke des spanischen Fussballs. Spanien verliert durchaus einmal den Ball, häufiger als früher, aber das geschieht in den Zonen des Spieles, in denen kein Schaden entsteht.

Spaniens Mann für die unberechenbaren Momente: Lamine Yamal

Spaniens Mann für die unberechenbaren Momente: Lamine Yamal

Alex Pantling / Fifa via Getty

Die Rolle, die Rodri nun auf herausragende Weise einnimmt, hatte früher Sergio Busquets inne, dessen Markenzeichen es war, taktisch enorm wirkungsvoll zu sein, dabei aber kaum sichtbare Spuren zu hinterlassen. Er schuf den Freiraum für Xavi und Iniesta vom FC Barcelona, die die prägenden Figuren des spanischen Kreativspiels waren. Im Klub spielten sie mit Lionel Messi zusammen, der für das irrationale Moment im Barça-Spiel sorgte. Diese Rolle hat bei den Spaniern nun Lamine Yamal eingenommen. Er hat keine Mühe, sich unterzuordnen und fügt sich in das Kollektiv des Trainers de la Fuente. Genau das verleiht dem Spiel der Spanier die grosse Klasse.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

Passend zum Artikel

Bei der Niederlage im WM-Halbfinal gegen Argentinien erlebt das englische Fussball-Nationalteam in den letzten Minuten den völligen Kollaps. Der Nationaltrainer Tuchel kann dies nicht verhindern.

Der 20-Jährige wechselt für bis zu 70 Millionen Euro vom SC Freiburg zu Aston Villa. Die Summe steht für einen Meilenstein, doch was bedeutet sie für Manzambi?

Dass Klopp die Nachfolge von Julian Nagelsmann antreten wird, scheint beschlossen. Die Überstürztheit der Entscheidung passt zum orientierungslos wirkenden Verband.