Kanada/EU: Trumps Zölle fördern engere Handelsbeziehungen

Die jüngste Salve, die US-Präsident Donald Trump in einem seiner zahlreichen Handelskriege auch gegenüber Ottawa abgefeuert hat, könnte katastrophale Konsequenzen für kanadische Unternehmen haben. Doch die neu angedrohten Zölle könnten anderswo auch neue Chancen für den Handel eröffnen. Davon profitieren könnten China und Europa.

Die von Trump geplanten Zölle in Höhe von 50 Prozent gelten für die unterschiedlichsten Importwaren, von Wein bis hin zu Hockeyschlägern. Andere Sektoren wie die Energiebranche, der Kalibergbau und die Fischerei bleiben jedoch ausgenommen.

Experten gehen davon aus, dass sich die Zölle auf etwa fünf Prozent der Waren, also Waren im Wert von etwa 20 Milliarden US-Dollar (17,5 Milliarden Euro), auswirken werden. "Für die Menschen in den betroffenen Unternehmen könnten die Auswirkungen verheerend sein", sagt Julian Karagusian, Dozent für Volkswirtschaft an der McGill-University in Kanada zur DW.

Der kanadische Premier Mark Carney hat versprochen, "alle erforderlichen Maßnahmen" zu ergreifen, um kanadische Arbeiter, Landwirte und Unternehmen zu schützen; nun treibt er die Diversifizierung der kanadischen Wirtschaft weg von einem einzigen großen Handelspartner voran.

Kanadas Wirtschaft setzt auf größere Diversifizierung

Dies versuche Kanada schon lange, sagt Mark Camilleri von der Canada EU Trade and Investment Association, einer in Brüssel ansässigen Organisation, die sich die Stärkung der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen Kanada und der EU zum Ziel gesetzt hat, zur DW. "Unter Premierminister Mark Carney können wir eine viel ambitioniertere Strategie der Diversifizierung der Handelsbeziehungen beobachten, insbesondere mit Europa und dem Indo-Pazifik." 

Camilleri unterstreicht, dass es sich in diesem Kontext nicht um eine Entkopplung von den USA handelt, sondern darum, Kanadas übermäßige Abhängigkeit von einem einzigen Exportmarkt zu reduzieren.

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Die Handelsbeziehungen Kanadas mit der EU sind im letzten Jahrzehnt deutlich enger geworden, hauptsächlich dank des umfassenden Wirtschafts- und Handelsabkommens CETA zwischen der EU und Kanada, das 2016 unterzeichnet wurde  und seit 2017 vorläufig angewendet wird.

Mit diesem Abkommen wurden fast 98 Prozent der Zölle im Handel zwischen Kanada und der EU abgeschafft. Es führte dazu, dass sich das Handelsvolumen zwischen beiden Partnern von 2016 bis 2025 fast verdoppelte.  Die Union berichtet außerdem, dass "das BIP der EU aufgrund des Abkommens jährlich um 3,2 Milliarden Euro gestiegen" sei.

Rohstoffe, seltene Erden und Energie 

Maschinen, Medikamente und Mineralien zählen zu den wichtigsten Treibern des Handels zwischen den beiden Partnern. Kanadas Bodenschätze wie seltene Erden und Minerale sind für die EU von Interesse, weil die ihre Abhängigkeit von China reduzieren und gleichzeitig ihre Umweltziele erreichen möchte.

"Dies ist einer der Hauptbereiche, in denen Kanada und die EU stärker zusammenarbeiten", sagt Camilleri, "Kanada verfügt über diese Rohstoffe, über seltene Erden, und die EU benötigt sie.

Auch wenn die Zölle nahezu vollständig abgeschafft sind, stellen die für bestimmte Waren geltenden Vorschriften der EU für kanadische Exporteure nach wie vor ein Hindernis dar, sagt Karaguesian. "Die EU könnte ein wichtiger Abnehmer für kanadische Nahrungsmittel sein, doch protektionistische Maßnahmen in der Landwirtschaft führen weiterhin zu einer Benachteiligung", fügt er hinzu.

Mangelnde Infrastruktur für den Export kanadischer Energie

Eine weitere Ressource, die die EU, insbesondere Deutschland, benötigt, ist Energie. "Der Transport von Öl und Flüssiggas ist teuer und Kanada muss seine Exportkapazitäten an der Ostküste ausbauen, um die Brennstoffe zu den europäischen Konsumenten zu bringen", erläutert Karaguesian.

Kürzlich unterzeichneten Kanada und Deutschland eine Absichtserklärung, die in naher Zukunft die Lieferung von einer Million Tonnen Flüssiggas (LNG) über das geplante Projekt "Ksi Lisims" an der Küste von British Columbia vorsieht. Doch das Projekt wartet noch immer auf grünes Licht, da Umweltgruppen und Interessenverbände der First Nations es mit der Begründung ablehnen, es stehe im Widerspruch zu Kanadas Umweltverpflichtungen.

Fehlende Infrastruktur und regulatorische Hürden, die den Handel zwischen Kanada und der EU behindern, könnten dazu führen, dass stattdessen China seine Beziehungen zu Kanada ausbaue, meint Karaguesian.

Nicht nur China und Indien können von einer Diversifizierung profitieren

"Ich denke, China wäre das erste Zielland für mehr Exporte aus Kanada. Das liegt daran, dass sich die kanadische und die chinesische Wirtschaft so gut ergänzen. China ist eine Großmacht in der industriellen Fertigung und Kanada eine Großmacht im Bereich der natürlichen Ressourcen", unterstreicht Karaguesian. Er weist darauf hin, dass zwei der drei wichtigsten Exportgüter Kanadas Energie und Nahrungsmittel sind, mit China als wichtigstem Käufer nach den USA.

Doch die Diversifizierung des Handels macht nicht bei China oder der EU halt, die bereits zu den wichtigsten Handelspartnern Kanadas zählen. Kanadas Außenministerin Anita Anand nahm diese Woche an einem Treffen der ASEAN (Association of Southeast Asian Nations) in Indonesien teil und verwies auf Kanadas Pläne, den Handel mit dieser Region mit einem Freihandelsabkommen zu stärken.

Die Verschlechterung der Handelsbeziehungen mit den USA hat laut Karaguesian auch dazu geführt, dass sich Kanada nach anderen Handelspartnern, darunter auch Indien und Lateinamerika, umsieht. Dadurch könnten sich neue Chancen bieten. "Angesichts des Wettbewerbsvorteils, den Kanada im Landwirtschaftssektor besitzt, könnte es absehbar engere Beziehungen zu Nordafrika und Nahost aufbauen. Auch sollten wir Länder wie Nigeria nicht vergessen, dessen Bevölkerung bereits 250 Millionen zählt", betont Karaguesian.

Diese Märkte, die von vielen westlichen Exporteuren vernachlässigt wurden, böten erhebliche Wachstumschancen für Kanada, meint er. Das alles steht im krassen Widerspruch zur Behauptung Trumps, der sagte: "Ohne uns hat Kanada keine Chance, zu überleben".

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.