Kann Jeremy Strong uns dazu bringen, Mark Zuckerberg zu mögen? Seine radikale Rolle in „Social Reckoning“

Jeremy Strong ist der neue Mark Zuckerberg: Wie der Schauspieler es schafft, auch in dieser Rolle vollständig aufzugehen.

Die Anweisungen für unser Treffen könnten ebenso gut aus einem Spionageroman stammen. Seien Sie am Montag um 15 Uhr im Hotel Cheval Blanc in Saint Tropez. Halten Sie Ausschau nach einem Mann mit Schnurrbart und einem vorgetäuschten polnischen Akzent.

Um 15:01 Uhr erscheint Jeremy Strong am oberen Ende der Treppe in der Hotellobby – im denkbar braunsten Freizeit-Outfit für einen freien Tag in Südfrankreich. Ein wandelnder Farbverlauf in Erdtönen: von der schlichten Baseballkappe und dem ärmellosen T-Shirt bis zu den glänzenden Shorts und den Slip-ons aus Wildleder. Er sieht ein wenig aus wie ein UPS-Zusteller, der seine Pakete mit dem Paddleboard ausliefert.

Kann Jeremy Strong uns dazu bringen Mark Zuckerberg zu mögen

Der graue Schnurrbart gehört zu einer neuen Rolle, ebenso wie der Akzent. Seit sieben Monaten reist der Schauspieler durch Europa, um eine Neuauflage der Miniserie „The Boys from Brazil“ zu drehen, die auf Ira Levins Bestseller von 1976 basiert und von einem Nazi-Jäger erzählt, der mit einer sehr konkreten Version des Dilemmas konfrontiert wird: Würdest du den jungen Hitler töten?

Und weil Strongs Figur in Polen geboren und in Deutschland ausgebildet wurde – und weil er nun einmal Jeremy Strong ist und es ihm nie in den Sinn käme, es anders zu machen –, hat er die vergangenen sieben Monate wie ein in Deutschland ausgebildeter Pole gesprochen. Denn sobald er die Stimme einer Figur einmal gefunden hat, legt er sie erst wieder ab, wenn das Projekt abgeschlossen ist. „Ich möchte nicht, dass es wie ein Akzent klingt“, sagt Strong. „Ich möchte, dass es einfach ein Mensch ist und das seine Stimme ist. Unsere Stimme ist schließlich das Individuellste an uns.“

Das erfahre ich allerdings erst, als ich ihn bei unserem zweiten Treffen darauf anspreche. Vor unserer ersten Verabredung hatte man mir gesagt, er werde „mit Akzent“ sprechen. Als wir uns begegnen, frage ich ihn nicht danach. Ich will sehen, wie lange es dauert, bis er das Thema selbst anspricht. Er tut es nicht.

Wenn Jeremy Strong eine Rolle annimmt, dann taucht er vollständig in sie ein

Look Loro Piana. Bogen mit freundlicher Genehmigung von Booster. Pfeil mit freundlicher Genehmigung von CrossX.

Look, Loro Piana. Bogen, mit freundlicher Genehmigung von Booster. Pfeil, mit freundlicher Genehmigung von CrossX.

„Er hat mich vor sechs oder acht Wochen angerufen“, sagt Aaron Sorkin, Drehbuchautor und Regisseur von „The Social Reckoning“, in dem Strong den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ähnlich fesselnd verkörpert. „Und ohne jegliche Erklärung sprach er einfach als osteuropäischer Nazi-Jäger mit mir über den Film, den wir gerade gedreht hatten, ohne zu sagen: ‚Hey, hör mal, das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber…‘“

„Ich genieße es sehr, mit ihm zu reden, wenn er gerade in diese anderen Personen schlüpft“, so Strongs Freund Bradley Cooper. „Ich liebe es. Ich habe schon oft mit Mark Zuckerberg gesprochen – ich war mit Mark Zuckerberg befreundet, ohne dass Mark Zuckerberg davon wusste.“

Strong ist in Saint-Tropez, um an einer von Loro Piana gesponserten Regatta teilzunehmen. „Was man eben so macht“, sagt er mit einem Lächeln, nach dem Motto „Wie verrückt ist dieses Leben?“. Das italienische Modehaus hat bereits sein „Succession“-Alter-Ego Kendall Roy in luxuriöse Wollkleidung gehüllt. Er ist sich nicht sicher, was eine Regatta von einem gewöhnlichen Bootsrennen unterscheidet, obwohl er ziemlich sicher ist, dass eine Regatta aus mehreren Bootsrennen über einen bestimmten Zeitraum besteht – was sich als richtig herausstellt.

Aber, fügt er hinzu: „Wenn ich einen Segler in einer Regatta spielen würde, wüsste ich das. Ich würde dann über das Focksegel reden und darüber sprechen, wie viele Knoten und all das.“ Das ist lustig – wegen des Akzents, aber auch weil er nun einmal Jeremy Strong ist. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es überhaupt als Witz gemeint war.

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Hemd, Bottega Veneta. Schal (um die Hüfte), Hermès. Sonnenbrille, Jacques Marie Mage. Uhr (auf allen Bildern), Richard Mille. Ring am Ringfinger (auf allen Bildern), Sidney Garber.

Wir werden in eine Villa des Hotels geführt – genau die Art von Ort, an den Kendall sich vielleicht zurückgezogen hätte, um einen zum Scheitern verurteilten Machtkampf in der Führungsetage zu planen: hohe Decken, kühle Klimaanlage, durch die Glaswände der Blick auf vor Anker liegende Yachten, die im leuchtenden blauen Wasser der Riviera schaukeln. Auf dem Tisch vor uns steht ein Tablett mit perfekt unperfekt grob gebackenen Schokoladenkeksen, die keiner von uns anrühren wird. Es ist ein herrlicher Tag an der französischen Riviera, Strong hat den größten Teil davon in seinem Zimmer verbracht und ein Buch über die Operation Anthropoid gelesen – den Plan des tschechischen Widerstands, bei dem der Gestapo-Chef Reinhard Heydrich ermordet wurde. Im Laufe dieser Woche muss er wieder in Barcelona sein: in der Gedankenwelt eines Holocaust-Überlebenden.

„Um ehrlich zu sein, kommt es mir fast grotesk vor, in diesem Zusammenhang und in dieser Umgebung überhaupt darüber zu sprechen“, sagt Strong. Doch die Vorbereitungszeit mitgerechnet, ist er seit anderthalb Jahren vollständig in dieses Projekt vertieft. Und so ist es nun einmal das, worüber er sprechen muss, wenn man ihn fragt, womit er sich gerade beschäftigt: wie er in Fünf-Sterne-Hotelzimmern sitzt, sich in eines der dunkelsten Kapitel der modernen Geschichte vertieft, sich mit „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“ auseinandersetzt, mit den Schriften von Elie Wiesel, Simon Wiesenthal und Primo Levi, mit Claude Lanzmanns Dokumentarfilmen und unzähligen weiteren Quellen – und versucht, all das bis in die tiefsten Zellen seines Körpers eindringen zu lassen. Manchmal hält man inne und stellt fest, dass die Gedanken seit Monaten um dasselbe Thema kreisen. Für Strong war das der Zweite Weltkrieg.

Kann Jeremy Strong uns dazu bringen Mark Zuckerberg zu mögen

Der Schauspieler will alles über jene wissen, die er spielt

Strong habe so viel gelesen, schrieb mir Peter Morgan, der Schöpfer von „The Boys From Brazil“, in einer E-Mail, dass er „jetzt problemlos einen Vortrag zu diesem Thema halten könnte“. Und das sei kein Scherz. Morgan beschreibt Strong als „Stachanowist der Recherche“ und bezieht sich dabei auf den legendär fleißigen sowjetischen Bergarbeiter, der in Stalins Russland zum mythischen Helden wurde. Strong selbst sagt, er sei lediglich pragmatisch. „Ich muss die Namen von Menschen nennen, die wirklich gelebt haben und abscheuliche Taten begangen haben“, argumentiert er. „Ich kann diese Namen nicht aussprechen, ohne vollständig und nach bestem Wissen und Gewissen zu verstehen, wer sie waren und was sie getan haben.“

Aber so war er schon immer. Er arbeitet sich durch das ganze Material, bis er bereit ist, jede Frage zu beantworten, auf die seine Figur eine Antwort hätte. „Er kam zum Set“, sagt Sebastian Stan über Strongs ersten Tag als Roy Cohn bei den Dreharbeiten zu „The Apprentice – The Trump Story“, „und während wir die Szene entwickelten, hielt er diesen ganzen Monolog über New York City im Jahr 1975. Er sprach über das Spiel der Mets und den Bürgermeister. Ich dachte nur: ‚Scheiße.‘“

„Er weiß Dinge, von denen niemand je verlangt hat, dass er sie wissen muss“, sagt Jessica Chastain. In „Zero Dark Thirty“, dem ersten von drei Filmen, die sie gemeinsam gedreht haben, taucht Strong in einigen Szenen als CIA-Analyst auf. Chastain war überrascht, wie viel er wusste. „Ich erinnere mich, dass ich dachte: ‚Das ist ein seltsam spezifisches Detail‘, und mir dann klar wurde, dass er wahrscheinlich eine Woche damit verbracht hatte, Material zu lesen, das mit geheimen Informationen aus drei verschiedenen Perspektiven zu tun hatte – nur damit er jemandem eine Akte korrekt überreichen konnte. Die meisten Schauspieler:innen bauen das Haus. Jeremy verlegt auch noch die Wasserleitungen.“

Look Balenciaga. Taucherbrille .

Look, Balenciaga. Taucherbrille (privat vom Stylisten).

All das mag einem verrückt vorkommen. Doch sein Verhalten scheint nichts mit Eitelkeit oder Selbstinszenierung zu tun zu haben. Es gibt diese Schauspieler:innen, die mit Stühlen um sich werfen und andere lieber quälen, als zur Therapie zu gehen. Strong liest einfach nur viele Bücher und versetzt sich in eine bestimmte Geisteshaltung, indem er immer wieder eine bestimmte Stimme übt. Er würde einen ganzen Heuhaufen durchwühlen, gäbe es die Hoffnung, darin eine Nadel der Wahrheit zu finden – jenes Detail, das alles entschlüsselt, selbst wenn das Publikum es niemals bemerken wird. Die Arbeit ist akribisch, fast klösterlich, nach innen gerichtet. Das Ergebnis sind verinnerlichte Darstellungen, die ganz von der Präsenz eines komplexen Innenlebens und einer enormen emotionalen Tiefe getragen werden.

Hätte er Jessica Chastain eine Aktenmappe überreichen können, ohne all diese Informationen im Kopf zu haben? Wahrscheinlich schon. Andererseits: Können Sie sich vorstellen, jemanden zu spielen? Texte zu sprechen, so zu tun, als wären Sie jemand anderes, und dabei zu versuchen, die Zuschauer:innen nicht aus dem Film zu reißen? Und diese Arbeit dann auf höchstem Niveau zu leisten – für Steven Spielberg, Kathryn Bigelow und Adam McKay –, obwohl Sie, sagen wir mal, ein Typ mit ungewöhnlichem Aussehen aus Boston sind und all das für Sie eigentlich völlig unwahrscheinlich ist? Würden Sie dann auf alles zurückgreifen, was Ihnen ein sicheres Gefühl gibt, dem Stoff nach Ihren eigenen Maßstäben gerecht zu werden?

Wenn Sie kurz davor wären, Mark Zuckerberg – einen der mächtigsten Menschen der Welt – in einem Film zu verkörpern, der so viele heikle Themen berührt, dass Sie mit ziemlicher Sicherheit sowohl von Fox News als auch von dem linken Magazin Jacobin kritisiert werden, ganz gleich, wie gut die Darstellung ausfällt – würden Sie dann nicht alles tun, um sich einen Teil dieser Angst zu nehmen?

Das umfassende Wissen nehme ihm die Angst, erklärt der Schauspieler

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Mantel, Loro Piana. Hemd und Badehose, JW Anderson.

Genau darum gehe es eigentlich, erzählt Jeremy Strong. Er beschreibt sich selbst als „ängstlichen Menschen“. Vor jedem Projekt verspüre er „tiefe Angst“ – und das nicht nur im Vorfeld, sondern an jedem einzelnen Drehtag. „Es ist fast etwas Existenzielles, eine Art Verzweiflung darüber, dass man sich selbst nicht befreien kann“, sagt er. „Dass man irgendwie nicht den Schlüssel hat, um den Motor zu starten.“ Das hat wenig mit gewöhnlichem Lampenfieber zu tun. Sobald Strong die Bühne betritt oder vor der Kamera steht, stelle sich bei ihm vielmehr ein „übernatürlicher Zustand der Ruhe“ ein. „Aber dieses Gefühl, wirklich bereit zu sein“, sagt er, „muss man sich durch enorme Vorbereitung hart erarbeiten.“

Was auch immer man davon halten mag: Als ich mit Strongs Freund:innen und Kolleg:innen über seine Arbeitsweise spreche, hält sie keiner für verrückt. „Was auch immer nötig ist, um ans Ziel zu kommen“, sagt Bradley Cooper, als wir über den polnischen Akzent sprechen. (Während der Dreharbeiten zu „American Sniper“ sprach Cooper rund um die Uhr wie der legendäre Scharfschütze Chris Kyle – sogar beim Abendessen. „Clint Eastwood hat sich ständig über mich lustig gemacht.“)

Bruce Springsteen sieht Ähnlichkeiten zu seiner künstlerischen Herangehensweise

„Er geht an seine Arbeit genauso heran wie ich an meine: mit vollem Einsatz. Für ihn ist sie eine psychologische, spirituelle, emotionale und körperliche Herausforderung“, sagt Bruce Springsteen, der Strong kennenlernte, als dieser in „Deliver Me From Nowhere“ den langjährigen Springsteen-Manager Jon Landau spielte. „Man bringt sein ganzes Selbst ein, um etwas hervorzubringen, das im Grunde Magie ist.“

Andere Freund:innen beschreiben ihn als einen Rettungsanker und moralischen Kompass. „Er hat mir einige der klügsten Gedanken geschickt, die ich je darüber gelesen habe, worum es bei dem, was wir tun, eigentlich geht“, sagt sein Freund Oscar Isaac. Gedanken darüber, dass Schauspielerei eine Berufung und nicht bloß eine Karriere ist.

Ich kann bestätigen, dass er sich Gedanken macht. Strong verschickt Nachrichten, die mehrere Absätze lang sind. Wohlüberlegte Textblöcke mit Nachträgen zu früheren Gesprächen, Buchempfehlungen oder Zitaten des Mythenforschers Joseph Campbell. (Strong liebt Zitate. Im Laufe unserer Gespräche zitierte er Bob Dylan, Robert Musil, Simone Weil, Al Pacino, Goethe, eine E-Mail von Anthony Hopkins und den „Saturday Night Live“-Sketch, in dem Adam Sandler einen Reisevermittler spielt, der depressiven Menschen erklärt, dass sie auch in Italien noch depressiv sein werden. Strong hat den Eindruck, dass seine Vorliebe für pointierte Zitate oft fälschlicherweise als Anmaßung verstanden wird. Dabei sei er einfach nur eine Elster, sagt er. „Es geht nicht um den Glanz der Dinge, sondern um ihren Nutzen. Die Elster versucht doch nur, ihr Nest zu bauen.“)

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Weste, Versace.

Bradley Cooper über seinen Freund Jeremy Strong

2017, wenige Monate nach Donald Trumps erster Amtseinführung, besuchte ich die Vorführung von Michelangelo Antonionis „Der Passagier“ in einem Programmkino. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion fragte der „Mad Men“-Schöpfer Matthew Weiner den Dokumentarfilmer Adam Curtis: „Was sollen wir als Künstler jetzt tun?“ Curtis antwortete: „Geh und erzähl uns, wie die Reichen leben.“ Ich schrieb mir das auf. Nach meinem ersten Treffen mit Strong finde ich den Satz in meiner Notizen-App wieder und schicke ihn ihm – in Gedanken an „Succession“ und all die anderen Projekte, in denen er das geistig verarmte Innenleben der Superreichen untersucht hat.

Strong entgegnet, er sei sich nicht sicher, ob er Curtis zustimme, dass genau das die Aufgabe von Kunstschaffenden sei. Er glaube vielmehr, dass sie uns in diesem historischen Moment „zeigen sollten, was unverzichtbar menschlich ist und wofür es sich zu kämpfen lohnt“. Er schickt mir ein Foto eines Zitats, das während seiner Broadway-Aufführung von Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ an seinem Garderobenspiegel hing. Darin heißt es, wir müssten „unsere Brüder dazu zwingen, sich so zu sehen, wie sie sind, aufzuhören, vor der Realität zu fliehen, und anzufangen, sie zu verändern“. Es ist, als wollte Strong sagen: Versuch gar nicht erst, dem Meister der Zitate mit einem Zitat zu kommen. (Nur ein Scherz. In seinen Nachrichten ist er ausnahmslos höflich und rücksichtsvoll – und macht genau die richtige Zahl an unverzichtbar menschlichen Tippfehlern.)

Bradley Cooper lacht, als ich erwähne, dass Jeremy umfangreiche Textnachrichten verschickt. „Ja, Mann“, sagt Cooper erfreut. „Er ist mein Freund. Ich kann nicht behaupten, dass ich in diesem Geschäft besonders viele davon habe, aber ich betrachte ihn als meinen Freund.“ Cooper schickt Strong Entwürfe von Drehbüchern, an denen er gerade arbeitet, und zeigt ihm Schnitte von Filmen, die er gerade schneidet. Sie schauen sich das gemeinsam an, sagt Cooper, und unterhalten sich darüber, „und dann kommt die entscheidende SMS oder der entscheidende Gedanke meist, wenn er in der U-Bahn auf dem Heimweg ist oder gerade nach Hause gekommen ist und einen Moment Zeit hat, darüber nachzudenken. Er hat so ein tiefes Gespür für Geschichten, Charaktere und die Wahrheit.“

Vor Jahren, beim Williamstown Theatre Festival 2012, hatten sie einige Zeit miteinander verbracht. Das nächste Mal begegnete Cooper Strong erst Jahre später am Set von „Succession“. „Ich dachte nur: Ich kann nicht glauben, dass das derselbe Typ ist, den ich damals kennengelernt habe. Was für ein verdammt guter Schauspieler.“ Er bat Strong um ein Treffen – nur um ihm das persönlich zu sagen. Strong bereitete sich damals gerade auf die Rolle des Jerry Rubin in Aaron Sorkins „The Trial of the Chicago 7“ vor und erschien deshalb mit einem Perlenstirnband bei Cooper zu Hause. Cooper erzählte ihm, wie sehr er Strongs Arbeit bewunderte, und begann zu weinen. Seitdem sind die beiden eng befreundet.

In „Succession“ spielte er eine unsympathische Figur – trotzdem liebten ihn die Leute

Genau so hat sich auch die besondere Beziehung zwischen dem Publikum und Jeremy Strong entwickelt. Diejenigen, die ihn schon zuvor in Filmen gesehen hatten – und auch viele, die ihn erst durch „Succession“ entdeckten –, dachten: Was für ein verdammt guter Schauspieler. Er war schon immer gut gewesen, aber in „Succession“ brachte er uns dazu, wirklich etwas zu empfinden. Kendall Roy, der gescheiterte Erbe einer Medien- und Unternehmerdynastie, mit Augen wie zwei offene Gräber, hatte sich Vergehen geleistet, die von fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr bis zum öffentlichen Rappen reichten. Und trotzdem liebten die Menschen ihn, fieberten mit ihm mit, wollten, dass er Erfolg hat. Auf TikTok wurde er „Babygirl“ genannt, man sah in ihm einen Überlebenden elterlicher Misshandlung, und Video-Sequenzen des traurigen Kendall wurden zu gefühlvollen Songs der Musikerin Mitski geschnitten.

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Jacke, Versace. Hemd, Loro Piana. Hose, Magliano.

40 Stunden Serie schaffen eine Form der empathischen Identifikation, die Filme einfach nicht erreichen können. Der beliebteste Kommentar auf der Film-Plattform Letterboxd zu „Love Is Like Life but Longer“, einem Kurzfilm von 2011 über eine Nonne, die sich in einen blinden Mann verliebt, gespielt von Jeremy Strong: „Ich habe nach einer Minute geweint, als mir klar wurde, dass ich Jeremy Strong niemals heiraten, seine Kinder bekommen und ihn morgens beim Aufwachen sehen werde.“ – dreieinhalb Sterne. Der zweitbeliebteste Letterboxd-Kommentar zum selben Film: „Ihr könnt verdammt sicher sein, dass ich für Jeremy Strong ohne jeden Zweifel mein Leben als Nonne aufgeben würde.“ – fünf Sterne.

Seit „Succession“ hat sich sein Berufsleben grundlegend verändert. Für einen Charakterdarsteller ist ein solcher Karrieresprung ungewöhnlich. Doch Strong wurde erst mit fast 40 Jahren zu einem Star – zu jemandem, für den Menschen laut eigener Aussage sogar das Klosterleben aufgeben würden. Als dieser Moment kam, hatten er und seine Frau Emma Wall, Kinderpsychiaterin und Dokumentarfilmerin, bereits drei kleine Töchter. Alle drei wurden während der fünfjährigen Laufzeit der Serie geboren und sind heute vier, sechs und acht Jahre alt. In diesen Tagen denkt er viel über Abwägungen nach: darüber, wann man Chancen ergreifen sollte – schließlich ist er inzwischen 47 und weiß, dass dieser Moment, wie das Leben selbst, nicht unbegrenzt andauert. Auch dann, wenn solche Entscheidungen bedeuten, Zeit fern von seinen Kindern zu verbringen.

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Hemd und Krawatte, Dolce & Gabbana. Shorts, Ralph Lauren Purple Label.

Jeremy Allen White erzählt, dass er und Strong während der Dreharbeiten zu „Deliver Me From Nowhere“ häufig „über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und deren Bedeutung“ gesprochen hätten. White spielte den jungen Bruce Springsteen in einer Phase kreativer Isolation. Diese Gespräche, so sagt er, hätten ihm geholfen, Springsteen als einen Mann zu verstehen, der versuchte, in seinem Leben Platz für eine Partnerin und eine Familie zu schaffen. Aber auch er und Strong waren dabei, ihre eigenen Probleme zu klären. Beide befanden sich gerade auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und stellten sich dieselben Fragen: Was macht man, wenn man zu Hause eine Familie hat und sich dann die Welt vor einem auftut, auf die man so lange hingearbeitet und gewartet hat?

Auch Strong und Oscar Isaac sprechen über diese Fragen: über die Hingabe an den Beruf und an die Familie – und darüber, wie man beides miteinander vereinbaren kann. Am Anfang, sagt Isaac, sei es aufregend, Schauspieler zu sein, weil Schauspieler:innen Vagabunden seien: „Es sind Menschen, die aufbrechen, um tiefere, dunklere Orte zu erkunden, und die sich nicht unbedingt in ein konventionelleres Leben einfügen. Doch wenn diese konventionelleren Seiten des Lebens plötzlich hinzukommen, wird die Welt nicht mehr größer, sondern enger – und daraus können viele Konflikte entstehen.“ Wenn man den Beruf des:der Schauspieler:in so ausübt wie Strong, entscheidet man sich außerdem für eine Form der Isolation: die von anderen Menschen, aber auch von sich selbst. Strong schätzt, dass er seit September 2025 nicht mehr mit seiner eigenen Stimme gesprochen habe.

Für ihn muss sich die Rolle lohnen, um dafür lange von seiner Familie getrennt zu sein

Damals hatte er die Dreharbeiten zu seinen Szenen für „The Social Reckoning“ um Thanksgiving herum beendet und war anschließend mit einer Fähre zum Wickaninnish Inn gefahren – dorthin, wo der Highway 4 an der Westküste von Vancouver Island in British Columbia endet. Die Fahrt war wunderschön, doch bald würde er nach Deutschland fliegen, um „The Boys From Brazil“ zu drehen, und er fühlte sich noch nicht bereit. Also ging er hinunter ins Autodeck der Fähre, setzte sich für eine Stunde in seinen Mietwagen und übte seinen polnischen Akzent.

Wenn man sich solchen Dingen aussetzt, das hat Strong erkannt, muss man das Gefühl haben, dass sich die Mühe lohnt. Deshalb fühlt er sich immer wieder zu den einschüchternden kreativen Herausforderungen hingezogen, die sich ihm bieten – sei es die Rolle des Roy Cohn in einer kontroversen Donald-Trump-Biografie, acht Vorstellungen pro Woche auf der Bühne zu spielen oder Mark Zuckerberg zu verkörpern.

„Das ist kein Stoff zum Wäschefalten“, sagt Strong. „Und die Dinge, die ich entwickle und zu verwirklichen versuche, werden auch weiterhin solche Dinge sein. Denn was mache ich sonst fern von meinen Kindern? Dann könnte ich genauso gut zu Hause bleiben… Wenn ich abends nach Hause komme oder nach dem Ende einer zehnmonatigen Odyssee, möchte ich einfach das Gefühl haben: Ja, ich habe mich so weit wie möglich weiterentwickelt.“

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Tanktop, Maison Margiela. Hose, Loro Piana.

Als wir uns in Frankreich treffen, ist es etwas mehr als eine Woche her, dass der Trailer zu „The Social Reckoning“ veröffentlicht wurde – und die Reaktionen könnten kaum vielfältiger sein: von begeistertem „Ich bin dabei!“ über vorsichtige Neugier bis hin zu einer ordentlichen Portion Skepsis im Stil von „Warum haben sie sich überhaupt die Mühe gemacht?“. Auf Instagram machen sich Kritiker:innen über Mikey Madisons Sprechweise lustig und verspotten die Verwendung der „The Social Network“-Filmmusik von Trent Reznor und Atticus Ross im Trailer als „geklauten Gänsehautmoment“. Auch der erste Eindruck von Jeremy Strong mit Zuckerberg-Frisur, der mit Zuckerbergs Stimme spricht, spaltet die Gemüter. Ein Kommentator prophezeit, Strong werde dafür entweder eine weitere Oscar-Nominierung oder die Goldene Himbeere bekommen (eine Auszeichnung für den schlechtesten Film)– „dazwischen gibt es nichts“.

Wird “The Social Reckoning” mit “The Social Network” mithalten können?

Über dem gesamten Projekt schwebt ein großes Fragezeichen. David Finchers „The Social Network“ war von Anfang an ein kaum zu übertreffender Referenzpunkt: einer der besten amerikanischen Filme des 21. Jahrhunderts und der beste Film, der je nach einem Drehbuch von Aaron Sorkin entstanden ist (bei allem Respekt für „A Few Good Men“ und Sorkins unterschätzten „Molly’s Game“, in dem Strong einen herrlich widerwärtigen Poker-Großkotz aus den 2000er-Jahren spielt). Man müsste schon ein Narr sein – oder Aaron Sorkin –, um sich an eine Fortsetzung zu wagen. Erst recht an eine, in der ein anderer Schauspieler einen offenbar noch unsympathischeren Mark Zuckerberg verkörpert. Gleichzeitig hielten viele schon einen Film über die Gründung von Facebook für eine schlechte oder zumindest rätselhafte Idee – bis „The Social Network“ erschien. Niemand weiß eben alles im Voraus.

Als ich Sorkin auf die unvermeidlichen Vergleiche anspreche, zuckt er nur mit den Schultern. „Es ist einfach eine gute Geschichte, und ich wollte sie erzählen“, sagt er. „Ich glaube, ich bin inzwischen an einem Punkt in meinem Leben angekommen, an dem mir solche Vergleiche immer weniger bedeuten.“

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Look, Loro Piana.

Er ist zudem überzeugt, dass sich der Film deutlich genug von „The Social Network“ unterscheidet, um sich als eigenständiges Werk zu positionieren, sobald das Publikum den Film tatsächlich gesehen hat. Der neue Film erzählt die wahre Geschichte der Whistleblowerin Frances Haugen, einer ehemaligen Produktmanagerin bei Facebook und Mitarbeiterin des Teams für „Civic Integrity“, und ihrer Entscheidung, eine umfangreiche Sammlung interner Facebook-Dokumente an den Wall Street Journal-Reporter Jeff Horwitz weiterzugeben.

In einer Reihe von Artikeln, die auf diesen Unterlagen basierten, beleuchtete die Zeitung den Umgang des Unternehmens mit einer Vielzahl von Problemen – von politischer Polarisierung und Impfskepsis über ethnische Gewalt in Äthiopien bis hin zu den psychischen Belastungen jugendlicher Instagram-Nutzer:innen. Facebook, so hieß es, wisse „bis ins kleinste Detail, dass seine Plattformen voller Mängel sind, die Schaden anrichten – oft auf eine Weise, die nur das Unternehmen selbst vollständig versteht“. (Zuckerberg entgegnete damals in einem Facebook-Beitrag, die Berichterstattung zeichne „ein falsches Bild des Unternehmens“.)

„The Social Reckoning“ erzählt in erster Linie die Geschichte der Enthüllungen, mit Mikey Madison als Frances Haugen und Jeremy Allen White als Jeff Horwitz. Doch ganz im Stil von Sorkin entfaltet sich parallel dazu hinter den Kulissen ein Melodrama: Während sich Zuckerberg auf eine Anhörung vor dem US-Kongress vorbereitet, gerät er mit einem Berater (Bill Burr) in einen Streit über die Meinungsfreiheit – bis die Enthüllungen des Wall Street Journal veröffentlicht werden und beide Handlungsstränge aufeinanderprallen.

„Das ist die Art von Rolle, die mich fasziniert“, erklärt Strong

Strong erinnert sich, dass er Sorkin vor einigen Oscar-Saisons zufällig auf einer Party traf, von dessen Projekt hörte und ihm sagte: „Wenn Jesse Eisenberg die Rolle nicht übernimmt, ruf mich an.“ „Denn das ist genau die Art von Rolle, die mich fasziniert“, so Strong, zumal Zuckerberg mittlerweile zu den bekanntesten Persönlichkeiten seiner Generation zählt. „Es ist so, wie wenn Sebastian [Stan] Trump spielt“, sagt Strong. „Man schlüpft in die Rolle. So wie Jeremy [Allen White] Bruce spielt. Die Risiken dabei könnten kaum größer sein. Sich darauf einzulassen und dabei frei zu bleiben, ist eine große Herausforderung.“

Im vergangenen Jahr erklärte Eisenberg gegenüber der BBC, dass es frustrierend sei, historisch mit Zuckerberg in Verbindung gebracht zu werden. „Es ist ja nicht so, als hätte ich einen großartigen Golfer gespielt, und jetzt denken die Leute, ich sei ein großartiger Golfer“, sagte er. „Es ist dieser Typ, der Dinge tut, die problematisch sind.“

Doch genau das – die Tatsache, dass Zuckerberg in den Jahren seit „The Social Network“ zu einer derart polarisierenden Figur geworden ist – war einer der Gründe, warum Strong unbedingt bei diesem Projekt mitmachen wollte. „Ich weiß, dass er in unserer Kultur eine verachtete und keine beliebte Person ist“, sagt Strong, „aber ich finde nicht, dass man ihn von einem Schauspieler spielen lassen sollte, der ihn von vornherein verurteilen will.“ Er räumt auch ein: „Das Unausgesprochene ist, dass es eigentlich verrückt ist, diese Rolle überhaupt anzunehmen. Es ist verrückt.“

Es ist nicht nur verrückt, weil es sich um eine Fortsetzung – von einem anderen Regisseur, mit einem anderen Hauptdarsteller – eines hochgelobten Films handelt oder weil der 47-jährige Strong einen Mark Zuckerberg Mitte dreißig spielt, obwohl das schon reichen würde. Es ist verrückt, weil, wie Strong es ausdrückt, wir in einer verrückten, hyperpolitisierten Welt leben und das Thema Facebook ein „ideologisches Minenfeld“ ist.

Ein Film wie dieser, der sich mit der Reaktion des Unternehmens auf die COVID-19-Pandemie und den Sturm auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021 befasst, wird unweigerlich durch eine parteipolitische Brille betrachtet werden. Er wird entweder dafür kritisiert, dass er Zuckerberg und seine Clique von Tech-Mogulen nicht kritisch genug beleuchtet, oder dafür, dass er unverantwortlich voreingenommen gegen sie ist – wahrscheinlich beides. Und Strong will das Projekt ganz offensichtlich nicht gefährden, indem er öffentlich etwas sagt, das die Waage in die eine oder andere Richtung kippen lassen könnte.

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Bademantel, Tom Ford. Tanktop (privat vom Stylisten), Frnkow.

Jeremy Strong hat Mark Zuckerberg eine E-Mail geschrieben – und ihm etwas versprochen

„Es fühlt sich unglaublich schwierig an, über den Film zu sprechen, über Mark zu sprechen und derjenige zu sein, der Mark spielt und ihn gewissermaßen gegenüber der Welt und der Nachwelt repräsentiert“, erklärt Strong. „Ich empfinde dabei eine enorme Last und Verantwortung. Und hören Sie: Meine Aufgabe ist es, seinen Standpunkt zu verstehen und zu vertreten – seinen Kampf zu kämpfen.“ Außerdem, betont Strong, sei eines besonders wichtig: Zuckerberg ist ein realer Mensch. Ein Mensch mit Kindern.

Tatsächlich waren die beiden bislang nur ein einziges Mal zur selben Zeit am selben Ort. Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan haben den Breakthrough Prize mitbegründet, eine Art Wissenschafts-Oscar, und nahmen im vergangenen Jahr an der Preisverleihung teil, bei der Strong dem Biochemiker David Baker von der University of Washington einen Award überreichte. Persönlich begegnet sind sie sich an diesem Abend jedoch nicht – und dabei ist es bis heute geblieben. Als Strong die Rolle in „The Social Reckoning“ annahm, suchte der dennoch den Kontakt zu seiner Vorlage.

„Ich habe ihm geschrieben – Sony bekommt wahrscheinlich einen Herzinfarkt, wenn sie das lesen –, ich habe ihm eine E-Mail geschickt“, sagt Strong. „Ich wollte ihm lediglich sagen, dass ich diese Verantwortung sehr ernst nehme, ebenso wie die Wahrhaftigkeit der Geschichte, und dass ich ihr mit Respekt begegne.“ Er möchte sich nicht dazu äußern, wie Zuckerberg auf die Nachricht reagiert hat, bestätigt jedoch, dass dieser ihm geantwortet hat. Einer Einladung in die Büros von Meta wäre er jedoch nicht gefolgt.

Er hat bereits zahlreiche reale Personen verkörpert – Jon Landau, Roy Cohn, Jerry Rubin und sogar Lee Harvey Oswald – und dafür umfangreiche Recherchen betrieben, auch vor Ort. Dennoch fällt es ihm leichter, eine Figur aus einer gewissen objektiven Distanz heraus zu spielen, indem er liest und Videomaterial sichtet.

So ging er bei der Recherche zu Mark Zuckerberg vor

Eisenbergs „Mark“ aus „The Social Network“ ist zwar auf fesselnde Weise distanziert und verbissen, aber im Grunde eine fiktive Figur, die dem Zuckerberg, den wir inzwischen kennengelernt haben, nur stellenweise ähnelt. Ähnlich wie Kendall Roy, dessen Vaterkomplex ihn trotz seines Reichtums und seiner Privilegien emotional durchschaubar macht, hat diese Figur eine klare und nachvollziehbare Entstehungsgeschichte: Er erfindet eine Website, die die Welt verändern und Diktaturen wie Demokratien gleichermaßen erschüttern wird, weil Rooney Maras Figur ihn abserviert – weil er ein Arschloch ist und nichts tun kann, um sie umzustimmen.

„Aber natürlich war er zu dieser Zeit bereits mit Priscilla zusammen“, merkt Strong an. Er wollte keine fiktive Figur in einer Situation à la Mark Zuckerberg spielen. „Ich wollte Mark Zuckerberg spielen“, sagt er. In Hinblick auf seine Recherche war Zuckerberg, so Strong, „eine Goldgrube“. Er wollte alles in sich aufsaugen, was er finden konnte: Podcasts, Interviews, Vorträge auf Tech-Gipfeln und Gespräche auf Konferenzen. Aufnahmen von Zuckerbergs Aussage vor dem Kongress sah er sich an „bis mir die Augen aus dem Kopf fielen“, um dessen Auftreten zu verinnerlichen.

Er selbst nutzt keine sozialen Medien, richtete sich für die Vorbereitung aber einen Facebook-Account ein, um Zuckerbergs Beiträge von Anfang an zu lesen – eine lückenlose Chronik seiner Entwicklung in der Zeit zwischen den beiden Filmen hin zu einem „Kriegs-CEO“. Selbst nach all diesen Vorbereitungen, so Strong, geriet er in eine „totale Glaubenskrise“ und befürchtete, seine Darstellung werde lediglich als „Jeremy Strong im Kapuzenpulli“ wahrgenommen – wie eine billige Parodie.

Mittlerweile macht er sich weniger Gedanken darüber, wie die Rolle aufgenommen wird. Jemand zeigte ihm den Oscar/Goldene Himbeere-Tweet, und er verstand ihn als Kompliment. „Ich fand, das ist die beste Bestätigung“, sagt Strong. „Denn ich dachte: Klar, ich wäre traurig, wenn ich die Goldene Himbeere gewinnen würde. Aber genau dort will man doch sein. Das ist das Risiko, das man eingehen muss. Für mich bedeutete das: Okay, ich habe genug aufs Spiel gesetzt.“

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Wie schafft er es, aus seinen Rollen wieder aufzutauchen?

Etwa eine Woche nach unserem Treffen in Saint-Tropez betritt Strong die Inga’s Bar in Brooklyn. Er trägt offenbar dasselbe braune, ärmellose T-Shirt wie zuvor. Der Schnurrbart ist verschwunden; ein Hauch des polnischen Akzents geblieben – aber eben nur ein Hauch. Nachdem er die Dreharbeiten zu „The Boys From Brazil“ abgeschlossen hat, fühlt er sich „eine Million Pfund leichter“. Zugleich fühlt er sich so, wie er sich immer fühlt, wenn er etwas zu Ende gebracht hat: ein bisschen durcheinander, ein bisschen verloren, ohne das Gefühl von Sinnhaftigkeit, das entsteht, wenn man sich einem Projekt voll und ganz verschrieben hat.

In der Vergangenheit hat er seinen Schaffensprozess schon mehrfach mit dem Tauchen verglichen: Die Recherche wird zu dem Gewicht, das es ihm ermöglicht, in eine Rolle einzutauchen. Beim Tauchen gibt es Verfahren, um sicher wieder an die Oberfläche zu gelangen. Ich frage ihn, wie er es schafft, nach einem abgeschlossenen Dreh wieder aufzutauchen, ohne die Taucherkrankheit zu bekommen. Denn taucht man zu schnell auf, können sich gefährliche Gasbläschen im Blut bilden, die starke Schmerzen oder Lähmungen verursachen.

„Ich wünschte, ich wüsste es“, sagt er. „Ich glaube, es ist immer ein etwas schwieriger Wiedereinstieg und ein Gefühl des Verlusts. Man hat auf einer tiefen Ebene so viel in etwas investiert, und dann ist es plötzlich weg, weil es nur ein Traum war. Es ist nicht real.“

Wir sind die einzigen Gäste hier. Es ist 13 Uhr, und Inga’s Bar ist bis 17 Uhr geschlossen. Strongs Freund, der Koch Sean Remold, der das Lokal gemeinsam mit seiner Frau betreibt, hat eigens für uns geöffnet. Remold stellt ein paar Teller auf den Tisch: in Scheiben geschnittene Tomaten, die ersten der Saison, dazu Mortadella, bestreut mit Pistazien und gereiftem Gouda. Wir unterhalten uns über Strongs letzten Drehtag am Set von „Boys“ in Barcelona.

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Hemd, Versace. Hose, Loro Piana. Uhr, Richard Mille.

Am Ende des Tages mussten sie noch einige Aufnahmen für eine Sequenz nachdrehen, die sie bereits im Dezember gedreht hatten: wie Strongs Figur in einem Viehwaggon in einem Konzentrationslager ankommt. „Also mussten wir da noch einmal eintauchen“, sagt Strong. „Das war ein verrückter Abschluss.“

Damit die Szene zum Rest des Films passte, musste er sich den Schnurrbart abrasieren. „Ich habe meine Tür geschlossen. Ich war in meinem Wohnwagen. Ich habe es ganz allein gemacht. Ich war ein bisschen von meinen Gefühlen überwältigt, denn ein Teil von mir will ihn nicht abrasieren. Ein Teil von mir will ihn nicht loslassen.“ In Barcelona hatte er keinen Text, also legte er „Threnos – Den Opfern von Hiroshima“ des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki auf – ein Stück von purer modernistischer Qual, komponiert für 52 Streichinstrumente, ein klangliches Denkmal für die Massenvernichtung, das später in unzähligen Filmen als akustische Abkürzung für Schrecken verwendet wurde –, um emotional dorthin zu gelangen, wo er hin musste, und drehte die Szene.

Danach, sagt er, „habe ich wohl ein paar Worte an die Crew gerichtet. Ich glaube, ich war ziemlich bewegt. Und dann geht man einfach weg und sitzt im Auto auf dem Weg zurück ins Hotel. Ich weiß nicht. Man hat das Gefühl, eben den Höhepunkt einer Expedition erreicht zu haben, die einen an die eigene Grenze geführt hat. Für einen selbst ist es das. Für andere vielleicht nicht. Andere sehen darin vielleicht nur einen Hügel. Aber für einen selbst ist es ein Gipfel – für mich war es das. Und dann ist da diese Leere, weil noch vor einem Augenblick etwas dein gesamtes Universum eingenommen hat.“

Er fühlt sich wohl, wenn er Menschen aus dem aktuellen Zeitgeschehen verkörpert

Er spießt ein kleines Stück Tomate auf – es ist das Erste, was er bei unseren Begegnungen außer Wasser zu sich nimmt – und fordert mich auf, es ihm gleichzutun. Die Tomate schmeckt verdammt gut. Zwischen unserem letzten Treffen und diesem hier wird bekannt, dass Amazon Luca Guadagninos „Artificial“ nicht veröffentlichen wird – einen fast fertiggestellten Film über den OpenAI-Mitbegründer Sam Altman, der um die Kontrolle über das Unternehmen kämpft, nachdem er 2023 vorübergehend als CEO abgesetzt wurde. Amazon veröffentlichte eine Erklärung, in der es hieß, der Film sei bei einem anderen Studio besser aufgehoben. Unerwähnt blieb dabei die Tatsache, dass Amazon kürzlich einen milliardenschweren Vertrag über Cloud-Computing-Dienstleistungen mit OpenAI unterzeichnet hat.

„Es ist beängstigend“, stimmt Strong zu, als ich das Thema anspreche. „Es ist ein Vorbote.“ Aber er hat schon einmal etwas Ähnliches erlebt. Nachdem „The Apprentice“ in Cannes mit tosendem Applaus belohnt worden war, dauerte es Monate, bis sich ein Verleiher fand – was zum Teil auf die Androhung rechtlicher Schritte seitens des Protagonisten (Donald Trump) zurückzuführen war. „Ich habe an vielen Projekten gearbeitet, die sich mit dem aktuellen Zeitgeschehen oder der jüngeren Geschichte befassen“, sagt Strong, „und die einen direkten Bezug zu unserer Welt haben. Damit fühle ich mich wohl.“

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Kann er sich vorstellen, einmal eine alberne Rolle zu spielen?

Im Herbst wird er mit den Dreharbeiten zu Tobias Lindholms „9/12“ beginnen, einer Paramount+-Miniserie über erkrankte Rettungskräfte, die nach den Anschlägen vom 11. September die Stadt New York und andere Akteur:innen verklagen. Danach wird er als ausführender Produzent und Hauptdarsteller in der Rolle eines Boeing-Ingenieurs in einem Film über das Flugzeugmodell Boeing 737 Max mitwirken, bei der eine Reihe an Fehlern 2018 und 2019 zu zwei tödlichen Abstürzen führte.

Während er vor mir sitzt, sichtlich erschöpft von zwei aufeinanderfolgenden, herausfordernden Expeditionen, stelle ich ihm eine Frage, deren Antwort ich bereits kenne: Gibt es einen Teil in ihm, der mal eine leichte Route ausprobieren möchte? Vielleicht sogar eine Rolle, die ein klein wenig albern ist, nur um zu sehen, wie es wäre, mal einen Gang zurückzuschalten? „Nein“, antwortet er. „Ich wünschte fast, es wäre so, aber den gibt es nicht. Ich glaube nicht, dass ich wüsste, was ich tun oder wie ich es anstellen sollte.“ Dabei hat er nichts gegen alberne Sachen: „Ich habe einen Werbespot für Dunkin’ Donuts gedreht“, betont er. „Der war ziemlich albern.“ (Der Spot greift seine intensive Art des Method Acting auf: Um sich in seine Rolle einzufinden, taucht er in einen Bottich voller Dunkin’-Kaffee ein – also eher clevere Albernheit.)

Doch als ich ihn bitte, mir die blödsinnigste Sache zu nennen, die ihn zum Lachen bringt – und die nichts mit seinen Kindern zu tun hat –, zögert er. Eine andere Person würde diese Gelegenheit nutzen, um unser Bild von ihm zu differenzieren: weg von der Vorstellung, dass er ein Mensch ist, der sich selbst und seine Arbeit immer nur mit größter Ernsthaftigkeit betrachtet. Jeremy Strong tut das nicht. Er denkt lange über die Frage nach, nur um schließlich zu sagen, dass ihm nichts einfällt. Was natürlich umso bezeichnender ist, denn es zeigt, dass ihm jeder berechnende Impuls fehlt, der Schauspieler:innen dazu bringt, in Interviews wie ganz normale Menschen wirken zu wollen.

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Schuhe, Loro Piana.

Für Strong zählt das, was auf der Leinwand passiert

Jeremy Strong ist kein ganz normaler Typ. Was auch immer „ganz normale“ Schauspieler:innen anstreben – er strebt nach etwas anderem. Und das lässt wenig Raum für Kompromisse. Er liest alles Verfügbare über die Kräfte, die unsere Welt prägen, über die schlimmsten Dinge, die je geschehen sind, und versucht, sein Einfühlungsvermögen auszudehnen – bis über die Grenze hinaus, an der man glauben würde, es müsse zerbrechen. Oder er liest seinen Kindern die Bücher der britischen „Grüffelo“-Autorin Julia Donaldson vor. „Das war meine Diät“, sagt er – seine leichte Kost zwischen all den schweren Themen, mit denen er sich sonst beschäftigte.

„Wollen Sie spazieren gehen?“, fragt er schließlich. Es ist ein warmer, perfekter Tag Ende Juni in Brooklyn. Wir gehen weiter und unterhalten uns; Strong erhebt seine Stimme über das leise Surren der Klimaanlagen an den Außenfassaden und den Verkehr zur Mittagszeit, damit mein Handy aufnehmen kann, was er sagt. Einige Passant:innen werfen ihm Blicke zu, obwohl nicht klar ist, ob sie einen berühmten Schauspieler erkennen oder einfach nur einen Mann bemerken, der laut spricht.

Wir gehen in die Richtung, in der ich sein Zuhause vermute, und sind gerade dabei, uns voneinander zu verabschieden, als wir schließlich doch noch über den polnischen Akzent sprechen. Ich habe das Gefühl, dass er befürchtet, ich könnte in dieser Geschichte zu viel Aufhebens darum machen. Gleichzeitig scheint er mit der Möglichkeit leben zu können, dass ich es vielleicht doch tue.

„Ein ganz, ganz großer Teil dessen, was es für mich bedeutet, Schauspieler zu sein“, sagt Jeremy Strong, „besteht schlicht darin, diese Ängste zu überwinden. Es geht darum, sich vollständig darauf einzulassen. Es ist so: Ich merke, wenn ich diesen Rubikon noch nicht überschritten habe. Und manchmal muss man einfach bereit sein, sich unwohl zu fühlen oder anderen ein unangenehmes Gefühl zu bereiten. Letztendlich zählt für mich nur, was am Ende auf der Leinwand zu sehen sein wird. Das ist das Einzige. Und um das zu verwirklichen, stecke ich einiges weg.“

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Hemd, Versace. Hose, Loro Piana.

Das Interview mit Jeremy Strong sowie alle Fotos des Shootings finden Sie in der September-Ausgabe, die online hier erhältlich ist.


PRODUCTION CREDITS
Fotos: David Luraschi
Styling: Tobias Frericks
Make-up Martina Bolis von greenappleagency.com
Haare: Ramona Eschbach
Set-Design: Michela Croci
Tailoring: Giacomo Viganó und Carmen Tovia
Produktion: Squalo Produzioni
Location: Agrostemma von Anticamera
Besonderer Dank an La Villa D’este