Kann "Tiny Tourism" die Welt retten?

Kleine Erlebnisse

Kann "Tiny Tourism" die Welt retten?

Weniger Must-sees, mehr Zufallsfunde. Weniger Menschenmassen, mehr echte Geschichten. Ob der neue Reisetrend das Overtourism-Problem lösen kann?

Markus Böhm

Eine Frau in einem langen schwarzen Kleid spaziert barfuß am sandigen und steinigen Strand entlang, während Wellen das Ufer erreichen. Im Hintergrund ist die Küstenlinie sichtbar.
Der Reisetrend setzt auf kleine, authentische Reiseerlebnisse statt großer Bucket-List-Momente, einem simplen Spaziergang am Meer zum Beispiel.

Weniger Sehenswürdigkeiten, mehr echte Erlebnisse: Tiny Tourism heißt der Reisetrend, der als Gegenentwurf zum Massentourismus gefeiert wird. Doch kann das Konzept tatsächlich helfen, Overtourism einzudämmen?

Aber was ist Tiny Tourism überhaupt? Der Reisetrend setzt auf kleine, authentische Reiseerlebnisse statt großer Bucket-List-Momente. Der Ansatz wurde unter anderem durch den sogenannten "Tiny Tourist Approach" der Kreativplattform It's Nice That populär gemacht. Im Mittelpunkt stehen alltägliche Begegnungen mit Einheimischen, lokale Geschäfte, kleine Cafés, Grätzl und Aktivitäten, die normalerweise nicht in Reiseführern auftauchen.

Statt drei Stunden für das perfekte Instagram-Foto anzustehen, geht es darum, einen Ort so zu erleben, wie ihn die Einheimischen kennen.

Sieben Gründe, warum der Trend gerade angesagt ist

1. Die Welt hat genug von Touristenmassen

Menschenmenge bei einer Protestkundgebung in Venedig. Die Teilnehmenden halten Transparente und Schilder mit Aufschriften wie „Venetian Residents Resistenti“, um auf die Auswirkungen des Massentourismus aufmerksam zu machen. Im Hintergrund sind eine Brücke, ein Hafen und zahlreiche weitere Demonstrierende zu sehen.
Demo in Venedig gegen die Auswirkungen des Massentourismus.

Von Barcelona bis Venedig protestieren Bewohner zunehmend gegen die Folgen des Massentourismus. Themen wie überfüllte Innenstädte, steigende Mieten und überlastete Infrastruktur stehen vielerorts auf der Tagesordnung.

2. Social Media zerstört viele Reiseziele

Eine Frau steht auf einem Bambusfloß vor den Cambugahay-Wasserfällen auf der Insel Siquijor, Philippinen, und macht ein Selfie. Im Wasser schwimmen zwei weitere Personen. Die Szenerie ist von üppiger tropischer Vegetation umgeben.
So schön hier, aber wie lange noch?

Ein virales TikTok genügt, und plötzlich pilgern Tausende Menschen zum selben Spot. Der Tiny-Tourism-Gedanke will genau diesen Algorithmus-Effekt durchbrechen und Reisende dazu ermutigen, eigene Entdeckungen zu machen.

3. Kleine Orte profitieren stärker

Wenn Besucher ihre Zeit und ihr Geld in familiengeführten Cafés, Buchhandlungen oder Handwerksbetrieben ausgeben, bleibt mehr Wertschöpfung direkt vor Ort statt bei internationalen Ketten.

4. Reisen wird entspannter

Kein Stress, keine langen Schlangen, keine überlaufenen Sehenswürdigkeiten: Tiny Tourists setzen auf Langsamkeit statt auf Checklisten.

5. Authentizität wird zum neuen Luxus

Für viele Reisende sind echte Begegnungen heute wertvoller als das hundertste Foto vor einem berühmten Wahrzeichen. Dieser Wunsch nach authentischen Erfahrungen zählt zu den wichtigen Reisetrends der kommenden Jahre.

6. Die Umwelt wird entlastet

Kleinere Aktivitäten, regionale Angebote und eine gleichmäßigere Verteilung von Besucherinnen und Besuchern können helfen, besonders strapazierte Reiseziele zu entlasten.

7. Jede kann sofort mitmachen

Eine Frau geht am neoklassizistischen Theseustempel im Volksgarten in Wien, Österreich, vorbei. Neben ihr steht eine bronzene Statue. Die Szene spielt sich bei Sonnenlicht ab, umgeben von Säulen und Pflanzen.
Theseustempel im Volksgarten in Wien: Einfach mal die eigene Stadt erkunden.

Der Trend verlangt keine Fernreise. Das Konzept funktioniert genauso gut im eigenen Land oder in der eigenen Stadt: ein unbekanntes Viertel erkunden, einen Markt besuchen oder einen Tag ohne feste Sehenswürdigkeiten verbringen.

Kann Tiny Tourism die Welt also vor Overtourism retten? Jein. Wahrscheinlich nicht allein. Die weltweiten Reisezahlen steigen weiter, und viele Destinationen kämpfen weiterhin mit Besucherrekorden. Expertinnen und Experten sehen daher eher einen Teil der Lösung als die einzige Antwort auf das Problem.

Dennoch könnte der Ansatz helfen, den Fokus zu verändern: weg von den immer gleichen Hotspots und hin zu einem bewussteren Reisen. Wenn mehr Menschen Orte entdecken, die nicht bereits auf jeder Top-10-Liste stehen, profitieren sowohl Reisende als auch Einheimische. Jedenfalls erinnert er daran, worum es beim Reisen ursprünglich ging: neugierig sein, statt nur Häkchen auf einer Liste zu setzen. (Markus Böhm, 20.8.2026)

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