Kasseler Traditionsgasthaus schließt nach mehr als 160 Jahren – „Wir hatten pflegeleichte Gäste“

Stand: 30.08.2026, 14:56 Uhr

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Restaurant Regenbogen, Werner-Hilpert-Straße

Geschlossen: Für das Restaurant Regenbogen in der Werner-Hilpert-Straße geht es nicht weiter. © Bastian Ludwig

Es war bekannt für seine XXL-Schnitzel und Inbegriff für rustikale Küche. Mit der Schließung des Gasthauses „Regenbogen“ an der Werner-Hilpert-Straße endet eine lange Gastronomiegeschichte.

Kassel – Viele Jahrzehnte war das Restaurant „Regenbogen“ an der Werner-Hilpert-Straße beliebter Anlaufpunkt für all jene mit großem Hunger. Bekannt war die traditionsreiche Gastronomie für ihre Rahmschnitzel, die auf dem Teller nur wenig Platz für Beilagen ließen. Weil der letzte Pächter – auch aufgrund von Rückzahlungsforderungen der Corona-Hilfen – in finanzielle Schieflage geraten ist, sind die Türen des Lokals schon eine Weile geschlossen. Nun hat Insolvenzverwalterin Jutta Rüdlin gegenüber der HNA bestätigt, dass die 160-jährige Restaurantgeschichte für immer enden wird.

Hinter Roger Gutmann liegt keine einfache Zeit. 15 Jahre lang hat er das Restaurant geführt – bis vor vier Jahren gemeinsam mit seinem Kompagnon. Nachdem dieser 2022 gestorben war, wollte er sich eigentlich vom Regenbogen trennen. Doch die Nachfolgesuche gestaltete sich schwierig. Weil sein Herz an dem Gasthaus hing, machte er trotz aller Widrigkeiten weiter. „Es ist eines der ältesten Restaurants in Kassel. Das machst du nicht so einfach zu. Ich habe auch an die Mitarbeiter gedacht“, sagt Gutmann. Als die Corona-Pandemie das Gastgewerbe in eine existenzielle Krise stürzte, gab er nicht auf. „Mit dem Außer-Haus-Verkauf sind wir einigermaßen durch diese Zeit gekommen.“ Doch der Ukrainekrieg brachte mit Preiserhöhungen die nächste Herausforderung. „Ich habe vier Jahre lang mehr oder weniger umsonst gearbeitet und meine Ersparnisse in den Betrieb gegeben“, sagt Gutmann. Als schließlich das Land einen Teil seiner geleisteten Corona-Hilfen zurückforderte, brachte dies „das Fass zum Überlaufen“. Deshalb war für den Gastwirt und seine fünf Mitarbeiter Mitte Februar Schluss. Das Ende des Regenbogens war gekommen.

Restaurant Regenbogen, Werner-Hilpert-Straße, historische Postkarte

Blick zurück: Diese Postkarte zeigt das Lokal in der Nachkriegszeit. © Privat

„Wir hatten pflegeleichte Gäste“

Während der 63-jährige gelernte Koch inzwischen als Angestellter in einer Küche arbeitet, kümmert sich Insolvenzverwalterin Rüdlin um die Reste seines einstigen Betriebes. Vieles davon sei aber nicht zu verwerten gewesen. Das Inventar sei „retro“ und der Mietvertrag ausgelaufen. Welche Pläne der Vermieter habe, sei unbekannt. Bis vor ein paar Tagen war das Lokal noch komplett eingerichtet.

Gutmann denkt gerne an die Zeit im Regenbogen zurück. Viele Mitarbeiter hätten fast schon zum Inventar gehört. Die allermeisten Stammgäste („Wir hatten pflegeleichte Gäste“) seien stets zufrieden gewesen. Viele hätten keinen Blick in die Speisekarte geworfen. „Es hieß meistens: ‚Einmal wie immer‘.“ Das Erfolgsrezept war wohl, dass sich über all die Zeit wenig veränderte. Das galt für die Schnitzel ebenso wie für die rustikale Einrichtung.

Restaurant Regenbogen, Vorkriegsaufnahme

Lange Tradition: So sah das Hotel und Gasthaus „Regenbogen“ vor seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg aus. © privat

Regenbogen-Neubau elf Jahre nach der Bombennacht wiedereröffnet

Mit der Schließung endet eine der ältesten Gasthausgeschichten in Kassel. Eröffnet wurde das Lokal vom kurfürstlichen Kellereidiener Ludwig Regenbogen 1860 – damals hieß die Werner-Hilpert-Straße noch Bahnhofsstraße. Der Namensgeber gab die Gastronomie aber schon bald ab. Wegen der 60 Pferdeställe, die seinerzeit auf dem Gartengrundstück des Lokals entstanden sind, wurde es zur wichtigen Station für die Landbevölkerung, die Kassel mit Waren belieferte. Zum Regenbogen gehörte damals auch ein Hotelbetrieb.

Berühmte Gäste nahmen über die Jahrzehnte Platz. So aß dort in den 1930er-Jahren regelmäßig der spätere hessische Ministerpräsident Georg-August Zinn seine Fleischbrühe, als er noch seine Anwaltskanzlei gegenüber dem Lokal unterhielt. Auch manchen Biersiphon habe er in seine Kanzlei rollen lassen, erinnerte sich 1961 ein Zeitzeuge in der HNA. Nach der Zerstörung des historischen Gebäudes in der Bombennacht am 22. Oktober 1943 wurde elf Jahre später der Regenbogen im Neubau an gleicher Stelle wiedereröffnet.