Kassels Kitas fehlen Kinder: Wenn Plätze frei bleiben, drohen weitere Kürzungen beim Personal
Stand: 24.10.2026, 20:07 Uhr
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Kita-Träger berichten von rückläufigen Anmeldungen. Allein eine Kita in der Nordstadt mit spezieller Ausrichtung hat nach wie vor lange Wartelisten.
Kassel – Über viele Jahre hatten Eltern in Kassel mitunter große Mühen, einen Kita- oder Krippenplatz in Wohnortnähe zu finden. Entsprechend eingeschränkt waren die Wahlmöglichkeiten. Für die Träger der knapp 150 Kindertageseinrichtungen im Stadtgebiet bedeutete die hohe Auslastung zwar eine Belastung für das rare Fachpersonal, aber auch finanzielle Sicherheit. Diese Situation beginnt sich zunehmend zu verändern. Weil weniger Kinder und auch weniger Flüchtlingsfamilien nachkommen, wachsen bei etlichen Kitas, aber auch Horten, bereits die Sorgen. Denn mit den sinkenden Belegungszahlen drohen auch wichtige Förderungen wegzufallen.
Antje Proetel, Geschäftsführerin des Dachverbandes der freien Kitas in Kassel (Dakits), kennt die Nöte der Mitgliedseinrichtungen. Von 13 Trägern hat sie die Rückmeldung erhalten, dass es bei den Kita-Verantwortlichen Befürchtungen wegen frei bleibender Plätze gibt. Besonders schwierig fällt es diesen, die Krippen für die Unter-Drei-Jährigen auszulasten. Dabei gibt es gerade für die Betreuung dieser Zielgruppe mehr Geld. Wenn die Plätze nicht bis zum nächsten Stichtag am 1. Januar besetzt sind, können Einschnitte bei der öffentlichen Förderung durch Stadt und Land drohen. Im vergangenen Jahr mussten bereits zwei Einrichtungen – im Vorderen Westen und in Mitte – schließen, auch weil es ihnen an Zulauf fehlte. „Bei einer Betriebskita musste eine ganze Krippengruppe geschlossen werden“, sagt Proetel.
Vorstandsmitglieder warnen: Rückgang könnte zu Kürzungen bei Personal führen
Im Gespräch mit der HNA äußerten Vorstandsmitglieder und Leitungen von Kitas die Sorge, dass ein anhaltender Rückgang bei den Kinderzahlen zu Finanzierungsproblemen und in der Folge zu Personalkürzungen führen könnte. Dabei waren die räumlichen und personellen Kapazitäten in den vergangenen Jahren – auch wegen des Rechtsanspruches auf einen Kitaplatz ab dem ersten Lebensjahr – stetig ausgebaut worden.
Beim Blick auf die Statistik zeigt sich, dass nach den kinderreichen Corona-Jahren die Geburtenzahlen in Kassel wieder auf ein mehrjähriges Mittel gesunken sind. Wurden 2021 noch 4677 Neugeborene beim Kasseler Standesamt angemeldet, waren es 2025 fast 600 weniger. Gleichzeitig sank die Anzahl der Einbürgerungen. Der Anteil der Unter-Sechs-Jährigen an der Kasseler Bevölkerung ist seit 2022 deutlich rückläufig. Er betrug zuletzt 5,3 Prozent – so wenig waren es zuletzt vor zehn Jahren.
Süden und Innenstadt haben freie Plätze, im Norden und Osten Kassels werden neue Kitas gebaut
Das Amt für Kindertagesbetreuung zeichnet ein differenziertes Bild. Besonders in Kitas in den westlichen und südlichen Stadtteilen sowie der Innenstadt gebe es freie Plätze. Im Norden und im Osten gebe es weiter Bedarf, weshalb mehrere Neubauvorhaben in der Planung seien. Wie viele der insgesamt 8400 Plätze frei sind, kann die Stadt nicht sagen. Die Daten werden nur zum 1. Januar erhoben. Nach jüngsten Daten waren 7800 Kinder in der Betreuung. Aus dem Rathaus heißt es, es gebe keine Pläne, die Kapazitäten aufgrund der Nachfragedelle zu reduzieren.
Proetel von Dakits sieht in der sinkenden Belastung für die Kitas aber nicht nur Risiken, sondern auch eine Chance. Durch den Wettbewerb um die Kinder seien die Träger gefordert, die Qualität des Angebots stetig weiterzuentwickeln.
Kita Drachengarten: Vier freie Plätze und Sorge um Finanzierung
Sven Lindner vom Vorstand der Kita Drachengarten in Bettenhausen erlebt in diesen Tagen eine vollkommen neue Situation. Seit 2017 ist er Vorstandsmitglied der von einer Elterninitiative getragenen Einrichtung mit zwei Gruppen und 38 Betreuungsplätzen. In der Vergangenheit gab es jedes Jahr eine Warteliste. „Wir mussten die Eltern wegschicken und vertrösten“, sagt Lindner. Das ist jetzt anders.
Obwohl der Drachengarten im Kasseler Osten liegt – in dem die Nachfragesituation nach Auskunft der Stadt vergleichsweise gut ist –, sind aktuell vier Kita-Plätze unbesetzt. Lindner hofft, diese bis Ende des Jahres noch füllen zu können, um zum Stichtag am 1. Januar keine Abzüge bei der Förderung zu bekommen. Wenn sich die Tendenz fortsetze, sei die Kita gezwungen, über Einsparungen beim Personal nachzudenken.
Für einen U3-Platz müssen Eltern 250 Euro zuzahlen
Nach Auskunft des Kita-Vorstandes ist es besonders schwer, die teureren Plätze für Unter-Dreijährige zu vermitteln. Viele Eltern scheuten die Kosten und versuchten stattdessen, ihre Kinder länger zu Hause zu betreuen. Mit Elternzeit und Homeoffice-Regelungen sei dies offenbar für immer mehr eine Option. Für einen Ganztages-U3-Platz ohne Mittagessen (das kostet zusätzlich 85 Euro) müssen Eltern 250 Euro monatlich hinzuzahlen. Im Ü3-Bereich liegt die Zuzahlung bei 60 Euro exklusive Mittagessen – es gibt aber entsprechende Rabatte für einkommensschwache Familien und Geschwisterkinder.
Dirk Becker vom Vorstand der Sozialgruppe Kassel, die die Kita Amalie in Wolfsanger betreibt, steht vor ähnlichen Problemen. Auch dort gibt es freie Plätze im U3-Bereich. „Vorerst werden wir keine personellen Konsequenzen ergreifen. Denn wenn das qualifizierte Personal einmal weg ist, lässt es sich schwer wieder finden“, sagt Becker. Dennoch wachsen die Sorgen wegen der rückläufigen Nachfrage. Laut Becker wäre es fatal, wenn die in den vergangenen Jahren aufgebaute Betreuungsstruktur wegen der Delle bei den Kinderzahlen wieder infrage gestellt würde. Kleine Gruppengrößen seien eine Chance für mehr Qualität. Becker plädiert für eine kostenfreie Kitabetreuung – unabhängig vom Alter der Kinder. „Eine solche Entscheidung zeigt, wie wichtig der Gesellschaft Kinder sind.“
Stadt Kassel erwägt Verkleinerung der Kita-Gruppen von 25 auf 22 Kinder
Fatih Erden von der einzigen muslimischen Kita in Kassel, der Kita Sonnenschein in der Nordstadt, kann sich indes nicht über fehlende Nachfrage beklagen. „Wir sind voll besetzt und haben eine Warteliste“, sagt Erden. Dies liege auch am besonderen Profil der Kita.
Die Stadt Kassel will im Frühjahr darüber beraten, ob die Gruppengrößen von aktuell 25 Kindern auf künftig 22 Kinder angepasst werden. Dafür sollen die Zahlen der nächsten Erhebung am 1. Januar abgewartet werden.