PKV vs. GKV: Merz spricht von „Gerechtigkeitsproblem“ – Experte erklärt, wie bevorzugt Privatpatienten wirklich sind
Kassenpatient oder Privatpatient: Experte erklärt, wer wirklich besser behandelt wird
Stand: 27.09.2026, 07:25 Uhr
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Kassenpatienten warten 15 Tage länger auf Arzttermine als Privatpatienten. Was hinter dem Zwei-Klassen-System steckt – und was wirklich helfen würde.
Berlin – Nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern wird in Deutschland über den Reformkurs der Bundesregierung diskutiert. Die Wahlergebnisse zeigen: Viele Menschen sorgen sich angesichts der Sparpläne um ihre soziale Absicherung. Friedrich Merz nahm das am Montag (21. September) zum Anlass, um von einem „Gerechtigkeitsproblem“ zwischen der privaten Krankenversicherung (PKV) und der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu sprechen. Wie groß ist der Unterschied in der Behandlung von gesetzlich und privat Versicherten wirklich? Im Gespräch mit IPPEN.Media gibt Rainer Sbrzesny, Referent des Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Antworten auf diese Frage. Und er sagt, was die wirksamste Maßnahme wäre, um die Ungleichbehandlung zu lösen.

Merz sagte am Montag wörtlich: „Wenn sich in der Bevölkerung der Eindruck verfestigt, dass diejenigen, die privat versichert sind, sofort jede Leistung bekommen und diejenigen, die gesetzlich krankenversichert sind, Wochen und Monate darauf warten müssen, dann ist das genau ein solches Gerechtigkeitsproblem.“ Er fuhr fort: „Es gibt gute Gründe für beide Systeme, aber wenn die Bevölkerung das als ein so massives Problem ansieht, und ich teile die Einschätzung, dann müssen wir daran etwas ändern.“ Was genau sich ändern soll, ist unklar. Stattdessen läuft nun die Debatte über die Unterschiede zwischen der privaten und gesetzlichen Krankenversicherung.
15 Tage länger warten: Was Kassenpatienten gegenüber Privatpatienten wirklich benachteiligt
„Man muss unterscheiden zwischen Service und tatsächlicher Behandlung“, sagt Sbrzesny. Bei der medizinischen Behandlung selbst gäbe es kaum Unterschiede zwischen Privatpatienten und gesetzlich Versicherten. Im Gegenteil: Wenn es Unterschiede gebe, dann eher zu Ungunsten der PKV‑Versicherten. Denn durch die private Krankenversicherung könnten Praxen zusätzliche Leistungen abrechnen, die Patienten litten eher unter einer „Überversorgung“.
Beim Service gebe es hingegen eindeutige Unterschiede, so Sbrzesny. Privatpatienten kämen beispielsweise schneller an Termine und erhielten im Krankenhaus schneller ein Einzelzimmer. Die Unterschiede bei der Terminvergabe sind dabei auch eindeutig messbar. Laut einer Studie des Leibnitz-Instituts für Sozialwissenschaften von 2023 warten gesetzlich Versicherte durchschnittlich 15 Tage länger auf einen Termin als privat Versicherte.
Dass dieser Unterschied aktuell so sichtbar ist, liegt für Sbrzesny auch an den Online-Terminbuchungsplattformen. „Wenn man das selbst mal durchklickt – was ja heute gut möglich ist –, dann sieht man ja, dass man als PKV‑Versicherter sehr schnell einen Termin bekommt. Und als GKV-Versicherter erst in einem halben Jahr oder vielleicht sogar gar keinen.“ Wer als Kassenpatient trotzdem zum Wunscharzt will, muss oft kostenpflichtige Selbstzahlerleistungen dazubuchen. Die Debatte sei jedoch nicht neu, sagt Sbrzesny. Bereits seit den 2000er-Jahren zeigten Zahlen, dass Privatpatienten schneller an Termine kämen.
Kassenpatient vs. Privatpatient – Das sagt der Patientenbeauftragte
Die Unterschiede zwischen PKV und GKV zeigen sich jedoch nicht nur in der Terminvergabe. Gerade bei der Versorgung im Krankenhaus zeigt sich eine strukturelle Schwachstelle: „Die PKV sichert sich die hohe Fachexpertise vertraglich für ihre Versicherten.“ Die PKV bindet Chefärzte und Oberärzte vertraglich auch für weniger komplexe Fälle. Steht gleichzeitig ein gesetzlich versicherter Patient mit schwerem Befund vor der Tür und ist der Oberarzt gerade vertraglich an einen privat versicherten Patienten gebunden, wird die Ungleichheit deutlich.
Für Sbrzesny ist die wirksamste Maßnahme gegen diese Ungleichbehandlung die Angleichung der Vergütungssätze für Ärzte von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen. „Diese Anreize führen dazu, dass PKV-Versicherte bevorzugt behandelt werden, weil die Vergütung um ein Vielfaches höher ausfällt“, moniert Sbrzesny. Viele Ärzte seien darüber selbst nicht glücklich, täten es aber aus wirtschaftlichen Gründen. Das sei menschlich nachvollziehbar, so Sbrzesny. Hierbei sei jedoch eine Sache wichtig zu beachten: Im Notfall werde nicht nach Versicherungsstatus unterschieden. Studien würden auch bestätigen, dass sich im medizinisch indizierten Notfall der Terminunterschied schließe. (Quellen: Rainer Sbrzesny, Tagesschau) (cdz)