Keine Einigung im EU-Parlament zum Verbrenner-Aus in Neuwagen
Die Debatte um ein mögliches Ende des Verbrennungsmotors scheint kein Ende zu nehmen. Seit fast einem Jahr liegt ein Kompromissvorschlag auf dem Tisch, doch eine Mehrheit dafür fand sich bisher nicht. Die beiden großen Fraktionen im Europaparlament ringen bislang vergeblich um eine gemeinsame Position. Die Sozialdemokraten sehen derzeit noch keine endgültige Einigung. „Wir müssen das Thema innerhalb unserer Fraktion weiter diskutieren“, sagte die Vorsitzende der nach der EVP zweitstärksten Fraktion im Parlament, Iratxe García Pérez (S&D), am Abend des 20. Oktober. Möglicherweise werde erst in den nächsten Monaten wirklich klar sein, ob eine Einigung möglich sei.
Zuvor hatte es so ausgesehen, als würde es einen Durchbruch geben. Unterhändler der konservativen EVP, der sozialdemokratischen S&D und der liberalen Fraktion Renew Europe hatten sich in der Nacht zum 20.10. auf einen Kompromiss verständigt. Dieser sieht vor, eine weitreichende Aufweichung des Verbrenner-Aus an die Verwendung von sogenanntem grünem Stahl zu knüpfen. Unterstützung bekamen die Unterhändler im Laufe des Tages von EVP und Renew-Fraktion. Eine Einigung der drei Fraktionen, die mit zusammen 398 von derzeit 719 Abgeordneten eine Mehrheit im Parlament stellen, könnte den Weg für eine EU-weite Entscheidung zur künftigen Zulassung von Autos mit Verbrennungsmotoren ebnen. Zuvor müssen die drei Fraktionen den Kompromiss allerdings noch formell billigen, danach befassen sich Ausschuss und Plenum damit.
Das wird diskutiert
Die Entscheidung muss von den Mitgliedstaaten und dem Parlament gemeinsam getroffen werden. Deutschland und Frankreich hatten in der vergangenen Woche vorgeschlagen, dass Autohersteller die durchschnittlichen CO2-Emissionen ab 2035 im Vergleich zum Basisjahr 2021 nur um 90 Prozent reduzieren müssen, ohne die verbleibenden 10 Prozent kompensieren zu müssen. Einen Ausgleich durch grünen Stahl haben sie, anders als jetzt die Parlamentsunterhändler hier, nicht vorgesehen.
Das Papier zur nicht verbindlichen Verständigung im Parlament sieht unter anderem vor, dass der CO2-Ausstoß von Neuwagen in der EU bis zum Jahr 2035 um 95 Prozent zurückgehen soll. Verbauen die Hersteller klimafreundlich hergestellten Stahl, dürfen sie das Ziel um weitere 7,5 Prozentpunkte verfehlen, ohne Strafzahlungen fürchten zu müssen. Die EU-Kommission hatte im Dezember 2025 vorgeschlagen, die Pläne für ein Ende des Verbrenners bei Neuzulassungen in der EU anzupassen. Demnach sollen die Hersteller ab 2035 eine Reduktion um 90 Prozent erreichen und die restlichen 10 Prozent über CO2-armen Stahl aus der EU sowie E-Fuels und Biokraftstoffe ausgleichen.
„Aus für Verbrenner“ vs. „Planungssicherheit“?
Manfred Weber (CSU), Chef der Europäischen Volkspartei (EVP), nannte die Verhandlungsfortschritte eine gute Nachricht „für hunderttausende Beschäftigte in der europäischen Automobilindustrie“ und einen Erfolg für die europäischen Autohersteller. „Das Aus für den Verbrennungsmotor ist damit vom Tisch.“ Zugleich halte man am Anspruch fest, wirksamen und ambitionierten Klimaschutz mit einer wettbewerbsfähigen Industrie zu verbinden. Auch Peter Liese, klimapolitischer Sprecher der EVP-Fraktion, hob den „klar definierten Anreiz für grünen Stahl“ hervor. „Das ist wichtig für viele Arbeitsplätze in Deutschland, zum Beispiel in Duisburg, im Saarland und in Salzgitter.“
Der Europaabgeordnete Michael Bloss (Grüne), der das Dossier mitverhandelt, kritisierte die Einigung dagegen scharf. „Die Autoindustrie braucht Klarheit und Planungssicherheit und bekommt Chaos. Dieser erste Deal fällt noch hinter das zurück, was Deutschland und Frankreich vereinbart haben.“ Er verzögere den Hochlauf der E-Autos und werfe europäische Autohersteller im internationalen Wettbewerb zurück.
(mfz)