Keine Helden: Mit diesem Film entlarvte Clint Eastwood einen amerikanischen Mythos
Stand: 20.10.2026, 07:30 Uhr
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Wer den Schrecken des Krieges erlebt hat, möchte nicht als Maskottchen missbraucht werden. Vor 20 Jahren kam mit „Flags of our Fathers“ ein Film ins Kino, in dem Hollywood-Legende Clint Eastwood mit aller Härte die Geschichte eines der berühmtesten Fotos des Zweiten Weltkriegs verfilmte.
Inzwischen ist es über 80 Jahre her: Ein Fotograf der internationalen Nachrichtenagentur Associated Press erklomm am 23. Februar 1945 auf der Insel Iwo Jima den Berg Suribachi und drückte instinktiv auf den Auslöser. Man sagt, er habe gar nicht durch den Sucher geschaut. Herauskam eines der bekanntesten Bilder des Zweiten Weltkriegs. Die Invasion der Insel durch US-Soldaten und das Hissen der amerikanischen Flagge auf dem Berg gehört zu den großen Momenten der Kriegsgeschichte. Clint Eastwood zeigte das Ereignis und die vorangegangene Schlacht, bei der 7.000 Amerikaner und 22.000 Japaner ihr Leben ließen, in zwei beeindruckenden Kriegsdramen: „Flags of Our Fathers“, der vor genau 20 Jahren ins Kino kam und - noch im gleichen Jahr - „Letters from Iwo Jima“ beleuchten das Geschehen aus beiden Perspektiven.

Eastwoods Projekt, eine amerikanische und eine japanische Version der Ereignisse zu drehen, war ohne Frage ein wichtiges Novum. Allerdings nahmen die Kinozuschauer in Deutschland davon wenig Notiz. „Flags of Our Fathers“ wollten gerade mal 50.000 Zuschauer sehen, „Letters from Iwo Jima“ gar noch ein paar Tausend weniger. Auch das US-Einspielergebnis - beide Filme zusammen generierten 46 Millionen Dollar an der Kinokasse - blieb hinter den Erwartungen zurück. Vielleicht mangelte es den Filmen einfach zu sehr an patriotischem Pathos.
Der Krieg ist die Hölle
Denn eine Moral bieten „Flags of Our Fathers“ und „Letters from Iwo Jima“ nicht. Hier wird nicht getötet, um einen Kameraden zu rächen oder einen höheren Dienst zu leisten. Hier wird gestorben, weil im Krieg nun mal gestorben wird. Besonders verstörend an den Kampfhandlungen vor sechs Jahrzehnten war das Alter der Soldaten: Viele waren noch Jugendliche oder gerade mal 20 Jahre jung. Die Darsteller in „Flags of Our Fathers“, vor allem Ryan Phillippe, Jesse Badford und Adam Beach, wirken so jung und unerfahren, wie es authentischer nicht sein könnte. Umso schockierender sind die grauenhaft dicken Blutströme, die den dunklen Strand der Insel hinabrinnen.
Aber die US-Regierung verschweigt die grausame Realität und inszeniert die Soldaten, die die Flagge aufstellten, als Kriegshelden. Sie werden daheim auf eine beispiellose Werbetour geschickt, um weitere finanzielle Mittel für die Kriegsmaschinerie zu akquirieren. Dabei verstehen die Marines nicht, wie von einem solch traumatischen Schrecken, von dem sie ein Teil waren, in ihrer Heimat ein komplett anderes Bild generiert werden kann. Höhepunkt ihrer Verzweiflung: die Nachstellung des Flagge-Aufstellens auf einem Berg aus Pappmaché in einem Baseball-Stadion.
Der Krieg ist die Hölle - daran lässt Regisseur Eastwood keinen Zweifel. Doch selbst als sie die Schauplätze hinter sich lassen, sind seine jungen Protagonisten nicht frei - die gelebte Lüge vom Heldentum lässt keine Chance zur Heilung der seelischen Wunden. Mit seinem Film kritisiert der Altmeister nicht die amerikanische Position, doch er macht klar, dass im Krieg selten zwischen Gut und Böse unterschieden werden kann. Das machte „Flags of Our Fathers“ vielleicht weniger populär - aber dafür umso wahrhaftiger. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit teleschau.)