Jason Joseph triumphiert bei der EM: Gold über 110 Meter Hürden
Keine Revanche, keine Erlösung, einfach nur Freude: Jason Joseph gewinnt an den Leichtathletik-EM Gold über 110 Meter Hürden
Der 27-Jährige krönt sich in Birmingham zum Europameister. Dass er zu einem solchen Erfolg fähig ist, war schon lange klar. Bisher fehlte dem Baselbieter aber just am Grossanlass das letzte Etwas.
13.08.2026, 00.43 Uhr
3 Leseminuten
Aktualisiert
Jason Joseph ist Europameister über 110 Meter Hürden.
Tobias Lackner/Imago
Und dann ist er da. Endlich. Der Moment, auf den die Leichtathletik-Schweiz schon lange gewartet hat, und er selber erst! Der Moment, an dem alles zusammenpasste: Jason Joseph, Europameister über die 110 m Hürden. Es ist das letzte Rennen am Mittwochabend im Alexander Stadium in Birmingham, und Joseph erwischt einen guten Start und wie immer einen noch besseren Schluss, geht ab der neunten Hürde in Führung und gewinnt in 13,12 Sekunden seinen ersten Titel outdoor.
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Dass Joseph das Talent besitzt, das es für grosse Titel braucht, war früh klar; es fehlte bloss im richtigen Moment immer etwas. So oft ist eine Saison des Baselbieters erfolgreich verlaufen, hat er regelmässig schnelle Zeiten geliefert, schien alles angerichtet. Aber am Saisonhöhepunkt sollte es dann nicht klappen. 2023 etwa, als er im Winter den Europameistertitel in der Halle über 60 m Hürden feierte, sein erstes Diamond-League-Meeting gewann, in 13,07 Sekunden Schweizer Rekord lief – und an den WM als Siebter enttäuscht war.
Oder 2025, als er regelmässig Zeiten im Bereich seines Rekords lief, wieder in der Diamond League gewann – und an den WM in Tokio im Final einen ungewöhnlich guten Start erwischte und dann so überraschend schnell bei der ersten Hürde war, dass sein Körper bremste. Er einfach nicht über die erste Hürde sprang. «Der Vorfall ist eigentlich nicht mehr im Kopf, ausser, man spricht mich darauf an», sagte Joseph zwei Wochen vor den EM im Gespräch an den Schweizer Meisterschaften.
Ähnlich erging es ihm mit dem Ziel, unter 13 Sekunden zu bleiben, das er früher immer offensiv ausgesprochen hatte. «Es nützt nichts, die ganze Zeit darüber zu reden, weil ich mich dann auf etwas versteife», sagte er heute.
Er schaffte es am besten von allen, die durchzogene Saison zu ignorieren
Als Revanche für die vergangenen verpassten Chancen will Joseph den Titel nicht verstehen. «Ich bin einfach glücklich, dass es endlich mit Gold geklappt hat», sagte er; vor zwei Jahren war es Bronze gewesen. «Es ist keine Erlösung, sondern einfach Freude.» Joseph war dieses Jahr nicht wie gewünscht auf Touren gekommen. Und genau in dem Moment, wo er normalerweise an Schwung gewinnt, plagte ihn eine leichte Verletzung an der hinteren Oberschenkelmuskulatur. Er wusste deswegen nicht, wo er stand, aber sehr wohl, dass es seiner Konkurrenz ebenso durchzogen ging. «Ich wusste, das ist das Jahr, in dem ich zuschlagen muss. Ich habe es am besten geschafft, die bisherige Saison zu ignorieren.»
Ein besonderes Kränzchen wand der 27-Jährige seiner Trainerin Claudine Müller. Sie verstehe es, ihn immer genau das trainieren zu lassen, was er noch brauche vor einem Grossanlass. Die beiden arbeiten seit mehr als zehn Jahren zusammen, und die ehemalige Siebenkämpferin sieht dies als Grundlage ihres Erfolges – so oft habe sie ihn analysiert, dass sie genau wisse, wie er auf welche Reize reagiert. «Und natürlich ist er als Mensch brutal gewachsen, auch durch die Rückschläge», sagt sie.
Im letzten Winter haben die beiden am Start gearbeitet, lange eine Schwäche von Joseph. Er sollte so gut werden, dass Joseph die Sicherheit spürt, in jedem Fall die erste Hürde zu erreichen. Gleichzeitig wollten sie seine Stärke nicht vernachlässigen, die letzten drei Hürden und den Schlussspurt. Das alles trägt jetzt Früchte, dazu kommt, dass er mit den Jahren immer professioneller geworden ist, seriöser, was den Schlaf oder die Ernährung angeht. Die Akribie bei der Arbeit, ohnehin die harte Arbeit. Rund um den Wettkampf kann er sich heute viel besser auf sich selber konzentrieren, lässt sich nicht ablenken. Nach dem Triumph sagte er: «Es ist das erste Mal, dass ich das richtig durchziehen konnte.»
Auch Ditaji Kambundji trainiert regelmässig mit Jason Joseph und Claudine Müller in Basel. Letztes Jahr konstatierte die Trainerin, dass beide stark liefen, sie aber 2025 noch kein Wow-Rennen von ihnen gesehen habe. Kambundji lieferte dieses Ausrufezeichen an den WM im September, wo sie Weltmeisterin wurde. Nun hat Joseph nachgezogen. Und sein eigenes Wow-Rennen geliefert.
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