Kemna: “Ich bin zutiefst erschüttert“ | radsport-news.com
Picnic – PostNL kündigt unabhängige Untersuchung an
Von Kevin Kempf

Rudi Kemna | Foto: Cor Vos
16.10.2026 | (rsn) – Am Donnerstag veröffentlichen die NOS und der Podcast In de Waaier Berichte, laut denen bei Picnic – PostNL eine Angstkultur herrsche. Die Namen von Teamchef Iwan Spekenbrink und Sportdirektor Rudi Kemna wurden dabei explizit genannt. Letzterer äußerte sich am Donnerstagabend gegenüber verschiedenen niederländischen Medien am Rande der Eneco Tour in Tilburg zu den Vorwürfen.
“Das einzige, was ich dazu sagen kann, ist, dass ich zutiefst erschüttert bin. Mein Mitgefühl gilt allen, bei denen wir offenbar ein ‘Trauma‘ ausgelöst haben – ich weiß nicht genau, welche Begriffe genau verwendet wurden. Ich bin fassungslos, und es nimmt mich wirklich sehr mit“, sagte er. “Es tut weh zu sehen, wie wir als Team dargestellt werden – und auch Iwan und ich persönlich. Wir bemühen uns, dieses Team so gut wie möglich zu führen, wobei Sicherheit für uns einen hohen Stellenwert hat“, fügte der ehemalige Sprinter an.
Einer der Vorwürfe der insgesamt mehr als 70 teils ehemaligen Mitarbeiter lautete, dass versucht worden sei, den Aufbau von persönlichen Beziehungen zu verhindern. “Ich komme aus einem bestimmten Umfeld – Sie wissen ja, wie es früher im Radsport zuging“, sagte Kemna und spielte damit auf seine eigene Doping-Vergangenheit an, die er 2013 eingeräumt hatte. “Genau das wollen wir vermeiden: dass sich jemand gezwungen fühlt, Dinge zu tun, die er eigentlich gar nicht tun möchte – nur um die Leistung zu steigern. Wir führen ein Profisportteam – offen und ehrlich. Und dennoch sehen wir uns mit genau diesen Vorwürfen konfrontiert...ich bin am Boden zerstört“, so Kemna.
Unabhängige Untersuchung
Gegen das Bild, das im NOS-Artikel gezeichnet wird, wehrt sich der 50-Jährige. “So sieht die Realität in unserem Umfeld nicht aus – es gibt bei uns weder eine ‘Angstkultur‘ noch eine ‘Diktatur‘“, versicherte er. Einige Stunden nach den Veröffentlichungen kündigte Picnic – PostNL eine unabhängige Untersuchung zur Teamkultur an. “Wir müssen genau herausfinden, was Sache ist, aber falls das tatsächlich der Fall ist, können wir nicht einfach untätig bleiben“, meinte der Niederländer mit Blick auf die kolportierten Empfindungen der aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter.
“Vor allem aber bedrückt es mich zutiefst, dass Menschen solche Erfahrungen gemacht haben. Das macht mich wirklich traurig. Ich muss allerdings hinzufügen – und das ist ein entscheidender Punkt –, dass wir das nicht bemerkt oder erkannt haben; ehrlich gesagt fällt es uns sogar schwer, das zu glauben. Dennoch ist es offensichtlich so – sonst würden sie diese Dinge ja nicht äußern“, erzählte Kemna, der auch ein Gegenargument anbrachte.
“Andererseits fühlen sich viele in unserem Team absolut wohl. Wir arbeiten seit 18 Jahren zusammen – in einer vielfältigen Gruppe von Menschen, von denen jeder auf seine eigene Weise auf Dinge reagiert. Wenn sie das so empfinden, müssen wir zuhören. Ich wäre offen für ein Gespräch“, meinte Kemna. Mit John Degenkolb und Warren Barguil sind zurzeit zwei Athleten Teil des Rennstalles, die diesen zwischenzeitlich verlassen hatten, um nach jahrelanger Abwesenheit zu ihm zurückzukehren.
Sportlich aktuell “schlichtweg inakzeptabel“
Trotzdem erkennt auch Roy Curvers, der seit 2008 beim Team ist - erst als Profi und seit 2020 als Sportlicher Leiter - dass sich etwas ändern muss. “Natürlich müssen wir das sehr ernst nehmen. Aus sportlicher Sicht war nach diesem enttäuschenden Jahr ohnehin klar, dass Veränderungen notwendig sind. In den letzten Monaten habe ich erlebt, wie Leute innerhalb der Organisation aufgestanden sind und gesagt haben: ‘Verdammt noch mal, die Art und Weise, wie wir aktuell auftreten, ist schlichtweg inakzeptabel‘“, sagte der Niederländer gegenüber Wielerflits.
“Wir müssen uns wirklich selbst hinterfragen und überlegen, was wir besser machen können. Man spürt, dass viele im Team bereit sind, die Ärmel hochzukrempeln. Sie sind gewillt, sich selbst und unser gemeinsames Handeln kritisch zu reflektieren. Unabhängig von dieser Medienberichterstattung ist das also ein Schritt, den wir ohnehin hätten gehen müssen“, so Curvers. “Wir müssen einen Punkt erreichen, an dem wir sicher sein können, dass niemand das Gefühl hat, hier herrsche eine Angstkultur. Wir müssen selbst ganz genau in den Spiegel schauen und prüfen, was wir verbessern können, damit uns so etwas nicht noch einmal einholt“, fügte er an.