KI im Wahlkampf in Israel: "Wählermanipulation in nie dagewesener Art."
Stand: 28.07.2026 • 06:21 Uhr
Israel befindet sich im Wahlkampf, und erstmals prägt auch KI die Kampagnen. Forscher befürchten nicht nur einen Einfluss auf das Wahlverhalten, sondern auf die Akzeptanz des Wahlergebnisses.
Netanjahus Wahlkampfgegner Gadi Eisenkot Arm in Arm mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Israelische Soldaten hissen die palästinensische Fahne. "In Eisenkots Regierung wird ein palästinensischer Staat gegründet", heißt es im Video, das das Team von Israels rechtem Finanzminister Bezalel Smotrich mit künstlicher Intelligenz erschaffen hat. Es ist völlig frei erfunden.
Von Eisenkots Beschwerde bei der zentralen Wahlaufsichtsbehörde Israels bekommt kaum jemand etwas mit, das Video aber geht viral.
Mit KI erzeugtes Video auf dem Account von Israels Finanzminister Smotrich.
Eine Gefahr für die Demokratie?
Das sei es, was bei den Wählern hängen bleibt, warnt die einflussreiche KI-Expertin Tehilla Shwartz Altshuler gegenüber der ARD. "Vor sechs Monaten dachten wir, wir können KI-Videos erkennen, weil jemand sechs Finger hat, das ist vorbei. Die Flut an Informationen ist so groß, dass uns die Zeit fehlt, zweimal hinzuschauen", so die Forscherin.
Altshuler untersucht den Einsatz Künstlicher Intelligenz bei der Wahl in Israel und warnt, dass echte von KI-generierten Wahlkampfinhalten kaum noch zu unterscheiden seien. "Was mir am meisten Sorge macht, ist, was passiert, wenn nach KI-generierten Wahlkampagnen die Hälfte des Landes nicht an das Wahlergebnis glaubt." Wenn Israelis dem Wahlergebnis nicht vertrauen, sei das eine echte Gefahr für die Demokratie. Unruhen und Chaos könnten die Folge sein.
Israels Präsident Izchak Herzog rief Bevölkerung und Wahlkandidaten bereits auf, Ausschreitungen vor den Wahlen zu vermeiden. Die Wahl sei kein Bürgerkrieg, appellierte Herzog.
Verwirrung und Entmutigung
Es ist das erste Mal in Israels Geschichte, dass ein Wahlkampf mit KI geführt wird. Israels Sicherheitsbehörden sorgten sich vor allem vor ausländischer digitaler Einflussnahme auf die Wahl am 27. Oktober, sagt Daniel Jacobs vom Büro der Ombudsstelle Israels. Die unabhängige Institution macht auf staatliche Missstände aufmerksam und bemängelt, Israels Behörden hätten sich und die Bevölkerung nicht genügend auf den Einfluss von KI auf die Wahlen vorbereitet. "Akteure wie der Iran versuchen im Web, mit Falschinformationen eine hohe Reichweite zu erzielen." Ziel des Mullah-Regimes sei es, die israelische Gesellschaft weiter zu spalten.
Diese Kampagnen können Wähler verwirren oder entmutigen, wählen zu gehen. Jacobs warnt nicht nur vor Falschinformationen im Netz, sondern vor Netzwerken von Bots und falschen Internetkonten, die ihre wahre Identität verbergen. Die Ombudsstelle forderte die Regierung auf, eine Website zu schaffen, wo die Öffentlichkeit KI-Verstöße melden kann. Passiert ist bislang nichts.
Beispiellose Wählermanipulation
Wenn KI-Chatbots über gefälschte Profile oder Webseiten Informationen sammeln, können sich Falschinformationen blitzschnell verbreiten, erklärt Altshuler. Problematisch sei besonders, dass Chatbots sehr persönliche Gespräche mit einzelnen Wählern führen - per Chat, WhatsApp-Nachricht, oder sogar als gefälschte Stimme, die sich beim Wähler meldet.
"Stellen Sie sich vor, eine arabisch-israelische Mutter bekommt am Morgen der Wahl einen WhatsApp-Anruf mit einer künstlichen Stimme, die ihr sagt, dass im Wahllokal Unruhen herrschten, dass sie auf ihre Kinder aufpassen und nicht zum Wählen kommen solle. Wir sprechen über Wählermanipulation in nie dagewesener Art."
Und wenn die Stimmen der Imame gefälscht werden?
Die Bots würden sogar überprüfen, ob Wahlbotschaften bei den Zielgruppen ankommen und die Botschaften immer wieder an die persönliche Situation des einzelnen Wählers anpassen. Sie weist darauf hin, dass jeder in Israel für KI-Fälschungen anfällig sei - ob säkulare, religiöse, ultraorthodoxe oder arabische Israelis, deren Stimmen das Zünglein an der Waage des Wahlergebnisses sein könnten.
Denn es dürfte eng werden zwischen den Kontrahenten Netanjahu und Eisenkot, der in Umfragewerten deutlich aufgeholt hat. Altshuler fügt hinzu: "Ich habe einige Vertreter arabisch-israelischer Gemeinden vor gefälschten Stimmen und Botschaften gewarnt. Sie sagten, 'Ok wir haben Imame in den Moscheen, die das aufklären werden'. Ich sagte: 'Und wenn die Stimmen der Imame gefälscht werden?'"
Hart kämpfen - aber nicht lügen
Technisch gesehen kennt die KI im Wahlkampf schon jetzt kaum Grenzen. Doch wo liegen die ethischen Grenzen? Und sind sich Parteien, Wahlkampfteams und Politiker ihrer bewusst?
Für Moshe Klughaft, einer der einflussreichsten Wahlkampfmanager Israels, gibt es klare Regeln im Wahlkampf, mit oder ohne KI: Es sei akzeptabel, den Gegner hart anzugreifen, aber man dürfe die Öffentlichkeit nicht anlügen. "Die Grenze ist überschritten, wenn sie einen politischen Gegner kopieren und ihn etwas sagen lassen, dass er nie gesagt hat", fügt Klughaft hinzu. Parteien müssen KI-generierte Videos, Bilder und Stimmen deutlich kennzeichnen, fordert Klughaft.
Was bewirkt ein Gesetz?
Genau das schreibt ein Übergangsgesetz vor, das gerade im israelischen Parlament verabschiedet wurde und an dem KI-Forscherin Altshuler mitgewirkt hat. Es gilt zunächst nur für ein Jahr und muss dann verlängert werden.
Allerdings: Auch im neuesten KI-Wahlkampfvideo von Israels Premier Netanjahu sei eine Kennzeichnung nicht zu sehen, klagt Idan Ring von der Israel Internet Association. Das KI-Video des Premiers sorgte für viel Aufregung, weil es deutlich unter die Gürtellinie des größten Wahlkampfgegners Eisenkot zielt: Eisenkot rennt mit offenen Armen erst auf einen jungen Mann zu, der Eisenkots Sohn ähnlich sieht, fällt dann aber Mansour Abbas, um den Hals, dem Chef der arabischen Raam-Partei. Das Makabere: Eisenkots Sohn wurde nach dem 7. Oktober im Kampf gegen Hamas-Terroristen in Gaza getötet.
"Ich denke, die Wahlaufsichtsbehörde wird Netanjahu auffordern, das nicht gekennzeichnete Video zu löschen. Aber das ist egal. Vorher haben es viele Menschen geteilt. Es ist viral und in den Köpfen der Menschen", sagt Ring. Der Kommunikationswissenschaftler spricht von einem Propagandalabor. Es sei nicht nur die erste KI-Wahl in Israel, sondern die erste KI-Spam-Wahl.
Er nennt es auch "Slopaganda", eine Wortkreuzung aus Abfall und Propaganda. Dabei gehe es um alberne Videos, die dazu dienen, die eigenen Wähler anzusprechen, die Gegenseite zu provozieren und sie zu entmenschlichen.
Mit KI erzeugtes Video auf dem X-Account von Benjamin Netanjahu.
Täglich ein bisschen extremer
KI-Forscherin Tehilla Shwartz Altshuler findet es verstörend, dass die Botschaften im Netz täglich extremer werden. Sie warnt, dass in Israel 80 Prozent der Bevölkerung bereits Chatbots nutzten, die, wenn sie auf gefälschte Webseiten zugreifen, in Windeseile Falschinformationen verbreiten können.
Ihre Forschungen hätten ergeben, dass Menschen nicht ihre politische Meinung wegen KI-Videos ändern. "Die Frage wird sein: Wird jemand sein zu Hause verlassen, um wählen zu gehen?“
Um Wählerstimmen zu unterdrücken, könne KI sehr hilfreich sein, sagt Altshuler. Die Expertin empfiehlt den Menschen in Israel und anderswo, mit Nachrichten aus dem Netz kritisch umzugehen, mit echten Menschen über Wahlinhalte zu sprechen - und vor allem wählen zu gehen.