KI komponiert auf Zuruf eigene Songs – Tonstudio-Betreiber sieht Gefahr für Künstler

Stand: 24.07.2026, 07:00 Uhr

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Der Studiohund Beezy begleitet Kreuzwieser jeden Tag auf die Arbeit.

Der Studiohund Beezy begleitet Kreuzwieser jeden Tag auf die Arbeit. © Leonie Schäfer

Oliver Kreuzwieser produziert seit 20 Jahren Musik in seinem Studio in Jügesheim. KI-generierte Songs sieht der gelernte Audioingenieur kritisch.

Jügesheim – Kopfhörer auf, Musik an. Aber wie wird aus Liedtexten und Noten eigentlich ein fertiger Song? Genau daran arbeitet Oliver Kreuzwieser jeden Tag. In seinem Musikstudio K.o. Recording-arts in der Eisenbahnstraße begleitet er seit 20 Jahren Künstlerinnen und Künstler, die in den verschiedensten Genres zuhause sind. Jazz, Hip-Hop oder Akkordeon – was Musikstile und Instrumente betrifft, möchte sich der 46-Jährige nicht festlegen: „Ich will alles machen, weil ich als Radiokind aufgewachsen bin und auch alles höre.“

Im Regieraum wird aus einem Song ein harmonisches Gesamtwerk. Als gelernter Audioingenieur arbeitet Oliver Kreuzwieser am Mischpult und mit Bearbeitungssoftware.

Im Regieraum wird aus einem Song ein harmonisches Gesamtwerk. Als gelernter Audioingenieur arbeitet Oliver Kreuzwieser am Mischpult und mit Bearbeitungssoftware. © Leonie Schäfer

Manchmal wird das allerdings zur Herausforderung. Etwa, wenn ein Saxophonquartett Zwölftonmusik spielt. Eine Kompositionstechnik, mit der sich der Produzent selbst erst einmal vertraut machen musste. Genau das mache seine Arbeit allerdings aus: „Man geht an jede Aufnahmesession anders heran. Es ist einfach spannend zu sehen, was man aus den individuellen Künstlern rausholen kann.“

Von der Aufnahme bis zum Mixing und Mastering – so arbeitet ein Musikproduzent

Doch Kreuzwiesers Arbeit endet nicht mit der Aufnahme im Studio. Beim sogenannten „Mixing“, auch „Abschmischen“, wird aus einzelnen Tonspuren ein stimmiges Gesamtwerk. Ist etwa der Schweizer Singer-Songwriter Dave Curl für die Aufnahmen zu seinem neuen Album im Rodgauer Tonstudio, werden Gesang und Gitarrenspiel zunächst getrennt voneinander aufgenommen.

Bei jedem Song weißt du nicht, wo die Reise am Ende hingeht.

„Der Vorteil dabei ist, dass ich die zwei Spuren unabhängig voneinander bearbeiten kann“, erklärt Kreuzwieser. Anschließend werden die einzelnen Töne aufeinander angepasst und zu einem finalen Mix zusammengefügt. Den letzten Feinschliff bekommt der Song dann im „Mastering“. Mit den richtigen Effekten lässt sich dabei noch einiges aus einem ohnehin schon guten Track herausholen. „Das ist eigentlich wie bei einem Auto, das nach einem Besuch in der Waschstraße poliert wird“, sagt der gelernte Audioingenieur.

Oft schwirren Kreuzwieser, der selbst Musiker ist, bei der Nachbearbeitung auch eigene Ideen durch den Kopf. Je nach Wunsch komponiert er Melodien und spielt sie selbst auf dem Saxophon ein. Dabei kann sich ein Lied während der Produktion noch einmal ganz neu entwickeln: „Bei jedem Song weißt du nicht, wo die Reise am Ende hingeht.“

Es sind allerdings nicht nur Musiker, die im Tonstudio K.o. Recording-arts ein- und ausgehen. Auch professionelle Sprecher wie Heiko Grauel kommen regelmäßig vorbei, um Hörbücher zu vertonen. Wer häufig mit der S-Bahn fährt, sollte die Stimme des gebürtigen Hanauers schon kennen: Seit 2019 spricht er deutschlandweit die automatischen Durchsagen an Bahnhöfen.

Weniger musikalische Vielfalt durch KI-generierte Songs?

Egal ob Songs oder Hörbücher, für die Arbeit im Tonstudio brauchte es bislang vor allem eines: Menschen mit Stimmen, Instrumenten und kreativen Ideen. Doch die Branche erlebt einen Umbruch. Während künstliche Intelligenz (KI) früher vor allem dabei half, lästige Atemgeräusche oder Zischlaute automatisch zu entfernen, kann sie mittlerweile auf Zuruf eigene Songs komponieren. Kreuzwieser sieht das kritisch: „Viele Leute, die mit dem Bereich eigentlich nichts zu tun haben, denken sich plötzlich: ‚Ich werde jetzt Künstler.“

Wichtig in der Musikproduktion: Das Keyboard kann virtuelle Instrumente und Effekte abspielen.

Wichtig in der Musikproduktion: Das Keyboard kann virtuelle Instrumente und Effekte abspielen. © Leonie Schäfer

Wer heutzutage Lieder veröffentlichen will, braucht also weder ein Label noch musikalisches Talent. Einzig der richtige Prompt zählt. Daraus ergebe sich „ein Sumpf aus Musik, die immer ziemlich gleich klingt.“ Erst kürzlich veröffentlichte der Streaminganbieter Deezer, dass täglich zehntausende Titel auf der Plattform hochgeladen werden, die von einer KI erstellt wurden.

Kreuzwieser selbst nutzt KI-Software zum Beispiel, um Melodien von Instrumenten zu generieren und diese mit den aufgenommenen Tracks seiner Künstlerinnen und Künstler zu kombinieren. Diese Spielerei könne Musikschaffenden ohne viel Budget neue Perspektiven eröffnen. Doch wenn KI massenhaft eigene Songs produziert, könnten kleine Artists schnell in der Flut künstlich erzeugter Musik untergehen.

Zurück bleibt außerdem die Frage nach dem Urheberrecht, betont Kreuzwieser: „Die Plattformen machen ja nichts anderes, als Musik zu klauen.“ Schließlich werden KI-Modelle mit einer großen Menge an Liedern trainiert, die bereits veröffentlicht wurden. Werke, die Bands, Solokünstler und Produzenten mit Kreativität und Eigenleistung geschaffen haben.

Doch bei allen Akkordfolgen und Harmonien kann KI eines (noch) nicht nachahmen: die Atmosphäre im Studio, die ein Lied erst lebendig macht. Die Emotion, die Verletzlichkeit und die feinen Zwischentöne, die der Mensch hinter dem Mikrofon in den Text legt: „Nur so entsteht ein Song.“